Wertingen/Landkreis Dillingen Ein Baby kommt auf die Welt. Es strahlt über das ganze Gesicht. Die Mutter ist glücklich, der Vater an ihrer Seite lächelt stolz. - Die Familienidylle aus dem Bilderbuch steckt auch in den Köpfen werdender Eltern. Von Birgit Hassan


Doch dann zeigt sich die Realität ganz anders: Das lächelnde Kind hat Blähungen, schreit nächtelang, die übernächtigten Eltern - plötzlich in einer Dreierbeziehung - können ihrem eigenen Ideal nicht mehr nachkommen - Emotionen entladen sich, eigene alte Muster kommen hoch ...
Die Wertinger Psychotherapeutin Dr. Marina Müller weiß um die Probleme. Ab Mai startet sie einen "Safe"-Kurs in Wertingen. Ziel sei es, den Eltern eine Sicherheit zu vermitteln, wie sie auf die Signale ihres Babys feinfühlig reagieren können. Müller: "Erst wenn ich erkenne, was das Baby wirklich braucht, kann ich richtig reagieren." Das wiederum ermögliche eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kindern - "die beste Startbasis für die weitere Entwicklung". Sicher gebundene Kinder seien lebenslang selbstsicher, belastbarer, sozial kompetenter und lernen leichter.
Was es heißt, wenn Bindungen gestört sind, weiß Dr. Marina Müller aus jahrelanger beruflicher Erfahrung. Mit Hilfe der Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT) ermöglicht sie Erwachsenen und Kindern, mit schwierigen Bindungserfahrungen umzugehen. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie neben der eigenen Praxis in Wertingen mit traumatisierten Kindern an der Uniklinik in München.
Ihr dortiger Chef, Dr. med. Karl Heinz Brisch, entwickelte - aufgrund seiner Forschungsergebnisse - das "Safe"-Programm. "Hilfe soll nicht erst dann erfolgen, wenn Kinder durch aggressives Verhalten oder andere psychische Probleme auffallen", erläutert Marina Müller, "sondern schon möglichst früh." Das Safe-Programm umfasst zehn Gruppenseminartage und startet bereits in der Schwangerschaft. "Klar gibt es Risikofamilien, doch die Vorbereitung und Begleitung ist für alle sinnvoll", sagt Marina Müller. "Selbst ich hätte mir eine solche Unterstützung gewünscht", gesteht die dreifache Mutter und Psychotherapeutin. In solch einer Gruppe sei Platz für alle Fragen und Gefühle wie Ärger, Hilflosigkeit oder Ängste. Ziel sei immer ein positives Feedback, "wie kann's gut weitergehen". Die Wertingerin weist noch auf ein weiteres, von der Gehirnforschung nachgewiesenes Phänomen hin: "Alle Erfahrungen - Gefühle, Gedanken und Situationen - sind in unserem Körper wie in einem alten Film abgespeichert." Ähnliche Situationen würden ähnliches Verhalten wachrufen. "Plötzlich handeln und sprechen wir beispielsweise wie unsere Eltern - oft in Stresssituationen exakt dieselben Worte - obwohl wir genau das nie wollten." Hier gelte es zu erkennen, "das ist alt" und ganz bewusst "Neues entstehen lassen". Denn ansonsten geben wir unbewusst unsere eigenen belastenden Kindheitserlebnisse weiter. "Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen", sagt Dr. Marina Müller. "Es geht darum, ein Grundvertrauen - den Boden fürs Leben - zu erlangen."
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