Donnerstag, 22. Februar 2018

23. August 2013 17:11 Uhr

Ausbildung

Sägespäne und Höhenluft

Das Zimmererhandwerk erlernen heute immer weniger junge Leute. Volontär Stefan Reinbold hat einen Tag lang in diesen Beruf geschnuppert. DZ-Serie (5)

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von Stefan Reinbold

Donaualtheim Die Säge in meiner Hand ist überraschend schwer. Ich kann mir kaum vorstellen, den ganzen Tag damit zu arbeiten ohne einen ordentlichen Muskelkater davonzutragen. Noch schwieriger scheint mir, dabei hoch oben auf einem Dach zu balancieren. Doch daran muss sich ein Zimmermann gewöhnen, sagt Lothar Krauss von dem Holzbaubetrieb Schwertberger in Donaualtheim lachend. Einen Tag lang habe ich Stift, Block und Kamera gegen Stemmeisen und Säge getauscht und dabei den Zimmerern über die Schulter geblickt. Im Büro des Betriebs hat der Tag um sieben Uhr morgens, als ich meinen Dienst antrete, bereits längst begonnen.

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Das Handwerk hat eine lange Tradition. Schon in der Bibel werde es erwähnt, erzählt Krauss in breitem fränkischen Dialekt. Doch die Faszination dafür scheint zu schwinden. Denn auch in diesem altehrwürdigen Handwerk wird es immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. Das bekommt auch die Zimmerei Schwertberger zu spüren. Krauss will aber nicht klagen: „Es gibt die Leute aus der Jammerfraktion, zu denen gehören wir nicht. Probleme muss man lösen.“

Zwei Auszubildende der Zimmerei Schwertberger sind im Berufsgrundschuljahr, dem theoretischen Ausbildungsabschnitt, und besuchen die Berufsschule. Sie beginnen im Herbst ihre praktische Ausbildung in dem Betrieb. Zwei weitere Lehrlinge sind bereits im Einsatz.

Der harzige Geruch von Holz liegt in der Luft, als ich hinter Krauss die Schreinerei des Betriebs betrete. Feines Sägemehl fliegt über den Boden. Es kitzelt ein bisschen in der Nase. Rund 20 Zimmerer eilen zielstrebig mit Werkzeugen oder Hölzern unterschiedlichster Länge bepackt durch die große Halle zu den Fahrzeugen, mit denen sie zu ihren Einsatzorten im ganzen Landkreis fahren. Auf 107 Baustellen arbeiten die Zimmerer derzeit. Der stürmische Sommer hat viele Dächer in Mitleidenschaft gezogen. Werkstattkatze Cherry lässt sich kurz hinter dem Ohr kraulen, ehe sie aus dem leicht geöffneten Fenster auf den Hof huscht.

Ich darf mit der Handkreissäge Stücke von Holzbalken absägen. Beim Sägen muss der etwa drei Meter lange Fichtenbalken auf zwei Holzböcken mit einer Schraubzwinge befestigt werden, damit er nicht schlackert und der Schnitt sauber wird. Langsam streiche ich mit der Hand über das glatte Holz. Ich bilde mir ein, das Leben zu spüren, das einmal darin gesteckt hat. Für Krauss ist Holz der beste Werkstoff.

Ehe wir zur Baustelle in der alten Lammbrauerei in Dillingen aufbrechen, zeigt mir Krauss die wichtigsten Werkzeuge des Zimmerers: „Das ist die Bundaxt“, er zieht ein unterarmlanges, schlankes Stück Eisen mit scharfer Schneide am Stielende aus der großen silbernen Kiste im Kofferraum seines Wagens. Das Zusammenfügen der Dachbalken nennt man Binden, deshalb wird das Werkzeug auch Bundgeschirr genannt, erläutert Krauss. Rechter Winkel und Stemmeisen gehören auch dazu. Die Kleidung des Zimmerers hat neben ihrem praktischen Nutzen auch eine symbolische Bedeutung. So stehen die acht Knöpfe auf der schwarzen Weste für die täglichen Arbeitsstunden, erklärt Krauss. Der goldene Ohrring diente in früheren Zeiten dazu, ein ordentliches Begräbnis des Zimmermanns sicherzustellen.

An dem denkmalgeschützten Bau der Brauerei angekommen, inspiziert Krauss die Arbeit seiner Leute. Im frisch sanierten Dachstuhl erklärt mir Krauss, wie das Gewicht der mächtigen Balken über die Verstrebungen auf die Außenmauern nach unten abgelenkt wird. Zum besseren Verständnis schnappt er sich ein Stück Holz vom Boden und kritzelt mit dem Bleistift eine Skizze darauf.

Der 43-jährige hat schon eine über 24-jährige Berufserfahrung und strahlt eine positive Ruhe aus. Die Leidenschaft, oder den „Virus“, wie Krauss das nennt, will er auch an seine Lehrlinge weitergeben. Mich hat er schon ein bisschen angesteckt. Doch mein erster Schnitt mit der Säge gerät ziemlich schief. Es kostet ziemlich viel Kraft, das schwere Gerät ruhig entlang der aufgezeichneten Linie durch das Holz zu schieben. Es staubt, Sägespäne bleiben an Pulli und Hose hängen.

Am Ende des Tages gehe ich erschöpft aber gut gelaunt vom Hof der Zimmerei. Eine kleine Blase an der Hand als Erinnerung.

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Stefan Reinbold

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