Der kleine Ort Gosheim bringt es gerade einmal auf 686 Einwohner. Doch wenn dort heute das Bundeslager der Christlichen Pfadfinderschaft eröffnet wird, steigt die Bewohnerzahl schlagartig auf ein Vielfaches an: 1600 Pfadfinder aus ganz Deutschland haben dort für die nächsten zwölf Tage ihre Zelte aufgeschlagen - und das ist eine logistische Meisterleistung.

Auf der großen Wiese nahe der Gosheimer Baggerseen wird seit Tagen gesägt und gehämmert. In der Mitte des Geländes entsteht ein riesiges Stadttor mitsamt einer Mauer. Am anderen Ende sind bereits zwei Türme zu erkennen. "Das wird die Kathedrale", erklärt Pfadfinder Markus Böhm. Mit einer Fläche von 500 Quadratmetern und einer Höhe von über 13 Metern werde sie den Lagerteilnehmern als Versammlungsort dienen. Das wichtigste Bauelement ist Holz: Gut 6000 Bäume haben 500 fleißige Helfer im Februar gefällt. Man habe sich an das zuständige Forstamt gewandt, das den Pfadfindern dann Bäume, die eh weg mussten, gegen einen geringen Obolus überließ, erzählt Böhm. "Und wenn das Lager vorbei ist, verkaufen wir das als Brennholz."
Neben Tischen und Sitzringen aus Holz zimmern die Pfadfinder auch ihre Kochstellen - sechs für das gesamte Lager - selbst zusammen. Auf eine Holzschicht kommt eine Masse aus Stroh und Lehm, auf der Feuer gemacht wird. Die Blechtöpfe baumeln von einer Stange herab. Noch viel mehr Planung erfordert aber die Tatsache, dass diese Töpfe täglich mit Essen gefüllt werden wollen.
Caroline Rauch in der Küchenzentrale, bestehend aus zwei weißen Zelten, ist für die Lebensmittel zuständig. Und die Mengen auf ihrem Einkaufszettel sprechen für sich: drei Tonnen Brot, zwei Tonnen Gurken, 4800 Maultaschen, 2,4 Tonnen Fleisch und Wurst, 40 Hektoliter Milch. Angeliefert wird all das von Betrieben aus der Region - in Rationen, zum Teil sogar mehrmals täglich. "Wir berechnen, wie viel jedes Unterlager bekommt, und die holen das dann mit Sackkarren ab", erklärt Caroline Rauch.
Um die Bestellungen zu händeln, nutzen die Pfadfinder mittlerweile Fax und Internet. "Ganz ohne Technik geht das bei solchen Mengen halt doch nicht", sagt Markus Böhm. Ansonsten hat die Zivilisation auf dem Lagerplatz aber kaum Spuren hinterlassen: Strom gibt es nicht. Handys und Notebooks sind verboten. Stattdessen habe das Lager eine eigene Postadresse. Die Teilnehmer bekämen Briefe und Pakete und könnten auch selbst welche verschicken, erklärt Böhm. "Wir sind da also sehr traditionell."
Die vollkommene Harmonie mit der Natur stören lediglich 180 knallblaue Dixie-Klos, die sind vorgeschrieben. "Doch bei so einem großen Lager haben wir auch abgesehen von den gesetzlichen Auflagen bestimmte Ansprüche an die Hygiene", sagt Böhm. Für verderbliche Lebensmittel gebe es außerdem zwei Kühllaster: "Wir können es uns schließlich nicht leisten, dass jemand krank wird."
Die eigentlichen Vorbereitungen für das Bundeslager haben schon begonnen lange bevor die Pfadfinder mit ihren rund 250 schwarzen Zelten in Gosheim angekommen sind. Im Sommer 2006 scharte Lagerleiter Tore Hattermann ein 15-köpfiges Organisationsteam um sich. Viel Zeit hat vor allem die Suche nach einem geeigneten Ort in Anspruch genommen. "Die offizielle Genehmigung für diesen Platz bekam ich vor einem Monat", erzählt er.
Die Spielidee, die Markus Böhm in den vergangenen zwei Jahren vorbereitete, stand da schon lange fest: "Wir spielen die Bauernaufstände von 1525 nach." Die Teilnehmer wurden dazu schon im Vorfeld eingeteilt - sind nun Bauern, Stadtbewohner oder Klerus - und haben sich entsprechende Kostüme angefertigt. Und damit sie diese Rollen in den kommenden Tagen möglichst authentisch verkörpern können, gibt es sogar ein Drehbuch.
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