Samstag, 17. Februar 2018

18. Dezember 2017 11:55 Uhr

„Die Mehrheit ist nicht auffällig“

Interview Anna Lobkowicz leitet die Betreuung in der Donauwörther Asyl-Erstaufnahme. Sie spricht auch über Schwierigkeiten rund um die Alfred-Delp-Kaserne

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Donauwörth Eine Asyl-Erstaufnahme mit gut 500 Bewohnern macht sich in einer Kleinstadt wie Donauwörth bemerkbar. Im Sommer und Herbst machten Meldungen über auffälliges Verhalten und Gelage im Stadtbereich immer wieder die Runde. Anna Lobkowicz von den Maltesern leitet die Betreuung der Einrichtung in der Parkstadt.

In den vergangenen Monaten hat es – mal mehr, mal weniger häufig – einige Meldungen über Delikte gegeben, die von Asylbewerbern aus der Erstaufnahme Donauwörth begangen wurden. Gibt es ein Sicherheitsproblem oder muss man bei Erstaufnahmen eben mit Straftaten wie Gewalt- und Drogenkriminalität rechnen?

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Lobkowicz: Das würde ich so generell nicht sagen, dass damit zu rechnen wäre. Es ist so, dass Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern auch verschiedene Probleme mitbringen. Mit Alleinreisenden gibt es in der Regel mehr Probleme als mit Familien. Aber ein generelles Sicherheitsproblem sehe ich für die hiesige Erstaufnahme nicht. Die Asylbewerbergruppen repräsentieren die Vielseitigkeit jeder Gesellschaft. In eben diesen gibt es leider immer Menschen, die sich nicht an die gängigen Regeln des Miteinanders halten. Da gibt es auch Einzelne, die auffallen. Aber natürlich: Es kann nicht sein, dass sich das Umfeld einer Erstaufnahme unsicher fühlt. Es ist ganz klar Teil unseres Betreuungsauftrages, die Menschen aufzuklären über erwünschte Verhaltensformen. Donauwörth ist für eine Asyl-Erstaufnahme eine recht kleine Stadt, in Bayern ist es sogar der kleinste Ort, in dem eine solche Einrichtung steht. In größeren Städten fallen die Erstaufnahmen schlichtweg weniger auf.

Welche Maßnahmen werden in der Erstaufnahme Donauwörth ergriffen, um die Sicherheit in und außerhalb der Kaserne zu gewährleisten?

Lobkowicz: Zunächst bieten wir den Menschen einen möglichst strukturierten Alltag. Das beinhaltet feste Mahlzeiten, Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten, wie etwa Sport. Auch die Möglichkeit, eine Berufsschule zu besuchen, gehört dazu. Es gibt die Option, für 80 Cent in der Stunde etwas Sinnhaftes zu arbeiten in der Kaserne. Es geht dabei um unterstützende Tätigkeiten vor Ort, etwa als Übersetzer, aber auch in der Wäscherei, als Schneider oder auch beim Müll sammeln. Zudem gibt es eine verpflichtende Informationsveranstaltung nach der Ankunft für alle Asylbewerber, in welcher wir Regeln und Pflichten erklären. Darüber hinaus wird über das Projekt „Wertvoller Raum“, das wiederum freiwillig ist, in einem Fünf-Tage-Seminar die deutsche Geschichte, die hiesigen Werte und Normen, Kultur und Traditionen sowie die Rolle der Frau vermittelt. Nicht zuletzt sprechen wir mit bestimmten Zielgruppen wöchentlich Themen an. Interessant ist, dass sich ein „Integrations-Komitee“ aus den Reihen der Asylbewerber gebildet hat. Das ganze wurde von vier Afrikanern initiiert, die ihren Landsleuten hiesige Regeln erklären wollen. Es gibt eben auch gute Geschichten – etwa die, dass vor Kurzem einige Afrikaner einem Senior aus der Gegend beim Schneeschippen geholfen haben. Ferner gibt es vor Ort ein Werkstattprojekt, in dem Asylbewerber selbst Dinge herstellen, die auf dem Gelände eingesetzt werden. Klar ist auch, dass die Sicherheit generell gewährleistet sein muss. Wir schauen hierfür auch auf die Veranstaltungspläne der Stadt und bieten bei Großereignissen Alternativveranstaltungen in der Kaserne. Das hat bei der Musiknacht sehr gut geklappt. Seit drei Monaten sitzen Vertreter von uns, von der Regierung, der Polizei und der Stadt regelmäßig zusammen und besprechen die Lage und entwickeln Maßnahmen.

Auffällig in den Meldungen der Polizei ist, dass es sich bei den Verdächtigen und Tätern häufiger um Asylbewerber aus Schwarzafrika handelt – warum ist gerade diese Gruppe auffällig?

Lobkowicz: Wir wissen, dass vor allem Afrikaner auch schon vor ihrer Flucht einiges mitgemacht haben – sie kommen oftmals aus korrupten Staaten, in denen beispielsweise die Polizei nicht der Freund und Helfer ist, in denen eine gewisse Regellosigkeit herrscht. Das ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen von einigen unter den Afrikanern, aber ein Teil der Erklärung. Die Erfahrungen auf der Flucht kommen hinzu. Deshalb gibt es bei den Maltesern auch ein Angebot der psychosozialen Betreuung. Man merkt den Menschen ihre Wunden irgendwann an, auch wenn es sich oft um große, junge Männer handelt. Klar ist auch, dass man parallel immer deutlich die Grenzen aufzeigen muss, den jungen Männern Regeln, Strukturen und Pflichten nahebringen muss. Wir versuchen, unseren Teil zu tun. Es gibt nun beispielsweise einen Gambier, der die Streifen des Ordnungsamtes als Übersetzer und Mediator begleitet.

Können Sie die Verständnislosigkeit bzw. den Unmut vieler Bürger darüber verstehen, dass Menschen, die hier offiziell um Asyl, also staatlichen Schutz, ersuchen, sich aber nicht an Recht und Ordnung halten? Es gibt Bürger, die mittlerweile manche Plätze meiden in Donauwörth, beispielsweise den hiesigen Promenaden-Spielplatz …

Lobkowicz: Das verstehe ich zu 100 Prozent. Die Menschen, die hier als Asylbewerber ankommen, sind ja zunächst als Gäste in diesem Land. Jemand, der sich hier nicht an Recht und Ordnung hält, der ist hier am falschen Ort. Das durchzusetzen ist wiederum eine Staatsaufgabe. Trotzdem sollten die Menschen die faire Chance haben, das System hier erst einmal kennenzulernen.

Sprechen Sie die Asylbewerber auf diesen Unmut an – und wenn ja, wie reagieren sie?

Lobkowicz: Der Großteil reagiert beschämt darauf, wenn es Meldungen über Delikte gibt. Das war letztlich einer der Beweggründe dafür, dass es das genannte „Integrations-Komitee“ gibt. Aber man sollte auch sehen: Wir haben beispielsweise 240 Gambier hier – fünf bis zehn gelten als auffällig. Das ist wirklich nicht die Mehrheit.

Wie ist ihre Prognose hinsichtlich der viel zitierten Integration, auch angesichts der Schwierigkeiten, die zutage treten?

Lobkowicz: Dass die Asylbewerber in Bayern bis zu sechs Monate in der Erstaufnahme bleiben, das ist für unsere Arbeit fast schon ein Segen. So kann man über einen gewissen Zeitraum konstant an einem Ort viel vermitteln: Sprache, Werte, und so weiter. Es gibt auch einiges, was wir von den Migranten lernen können. Viele Asylbewerber zeigen sich beispielsweise schockiert darüber, dass alte Menschen hier oft allein und außerhalb der Familien leben. Sie sehen sich mit ihnen verbunden, würden gerne in der Pflege tätig werden. Ich bin zuversichtlich, dass es mit viel Vorbereitung gelingt, zahlreiche der Asylbewerber zu integrieren. »Kommentar

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Ein Artikel von
Thomas Hilgendorf

Lokalredaktion Donauwörth
Ressort: Kreispolitik, Stadt Donauwörth

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