Donnerstag, 17. August 2017

18. Februar 2017 08:37 Uhr

Fünfstetten

Ein Gefühl von Freiheit in altem Gemäuer

Vor 111 Jahren baute die Königlich-Bayerische Staatsbahn entlang der neuen Gleise zwischen Donauwörth und Treuchtlingen sogenannte Blockhäuser. Die meisten sind noch immer bewohnt – oder bald wieder

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Eine Liebe auf den ersten Blick war es keinesfalls. Eigentlich wollten Conny und Stefan Dollinger das alte Gebäude direkt an der Bahnlinie Donauwörth zwischen Treuchtlingen abreißen. Es war seit einiger Zeit nicht mehr bewohnt. Beim Biberhof nahe Fünfstetten wollte das Ehepaar an gleicher Stelle ein neues Wohnhaus hochziehen. Die Abrissgenehmigung vom Landratsamt hatten Dollingers bereits vorliegen, als ein Anruf aus der Behörde kam. Die bat um ein Treffen – und teilte bei diesem mit, dass es sich bei dem Haus um ein „denkmalschutzwürdiges Objekt“ handle.

„Wir waren am Boden zerstört“, erinnert sich Conny Dollinger an diesen Moment. Nicht einmal der Unteren Denkmalschutzbehörde sei zuvor bekannt gewesen, dass das zweistöckige Haupthaus mit Walmdach und der Anbau diesen Status haben – und zwar schon seit 1970. Das Gebäude am Biberhof ist eines von sieben sogenannten Blockhäusern, die beim Bau der neuen Bahnstrecke 1905/06 durch die Königlich-Bayerische Staatseisenbahn etwa alle vier Kilometer entlang der Gleise errichtet wurden.

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Das Bahnwärterhaus am Biberhof – so heißt es vonseiten des Denkmalschutzes – sei „eines der wenigen baulichen Zeugnisse, an dem dieser für die bayerische Verkehrs- und Wirtschaftsgeschichte bedeutsame Entwicklungsschritt anschaulich wird“. Das Gebäude habe eine „hohe geschichtliche Bedeutung“.

Ebenso verweist die Denkmalbehörde auf den künstlerischen Wert: „Bereits durch Kubatur und Dachform zeigt das weithin sichtbare Gebäude den repräsentativen Anspruch, den die Königlich-Bayerische Staatseisenbahn selbst bei weniger bedeutenden Bahnbauten, wie einem Bahnwärterhaus, zum Ausdruck bringen wollte.“

Conny und Stefan Dollinger konnten diesen salbungsvollen Worten zunächst wenig abgewinnen. Nach dem ersten Schock setzten sie sich jedoch mit der Geschichte des mehr als 110 Jahre alten Hauses auseinander. Der Grund, auf dem es steht, gehörte bis 1904 Stefan Dollingers Urgroßvater. Dann kaufte die Staatseisenbahn die Fläche und baute das Haus.

Gespart wurde damals an nichts. Während die meisten Menschen in der Region aus heutiger Sicht eher in bescheidenen Verhältnissen und einfachen Gebäuden lebten, bekamen die Blockhäuser ein massives Betonfundament, doppelte Ziegelwände mit Zwischenraum – was eine bis heute effektive Isolierung bewirkt – und einen äußerst stabilen Dachstuhl, der komplett mit Brettern verschalt sowie unter den Dachplatten mit Pappe überzogen wurde.

Jeder Raum bekam einen Kaminanschluss, geheizt wurde mit Kachelöfen. Aus den Küchen der einzelnen Wohnungen – am Biberhof waren es drei – führten jeweils Lüftungsschächte nach oben. Das Schwitzwasser an den Fenstern wurde in Behältern unter den Simsen aufgefangen.

In die oberen Stockwerke gelangte das Personal, das im Erdgeschoss über ein Büro verfügte, über eine Treppe aus Eichenholz. Die Bahnwärter zogen mit Inbetriebnahme der Gleise ein. Sie hatten die Aufgabe, den Streckenabschnitt zu überwachen. Das heißt: den Zustand der Schienen überprüfen und das Gras entlang dieser regelmäßig zu mähen, damit durch den Funkenflug aus den Dampflokomotiven keine Brände entstehen konnten. Im Winter mussten Weichen vom Schnee befreit werden, Signale und Schranken waren zu bedienen. Eine weitere Aufgabe: Wenn ein Zug das Haus passiert hatte, musste dies per Telegraf und später per Telefon gemeldet werden – damit der nächste Zug in einem Bahnhof starten konnte.

Es war für das Personal ein recht einsames und bisweilen auch hartes Dasein. Die soliden Wohnungen dürften ein Stück weit dafür entschädigt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bahnwärter aber irgendwann nicht mehr gebraucht. Die Bahn trennte sich in der Folge auch von den Blockhäusern. Stefan Dollingers Großvater kaufte das Gebäude am Biberhof um 1960 zurück.

Je öfter Conny und Stefan Dollinger sich das Haus ansahen, das sie jetzt nicht mehr abreißen durften, desto mehr reifte ihn ihnen eine unerwartete Erkenntnis: „Wir lernten es schätzen.“ Sie beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen: das Blockhaus herzurichten und in dieses einzuziehen. Inzwischen sind die Arbeiten ein Stück weit fortgeschritten. „Wir dürfen in Abstimmung mit dem Amt sehr viel machen“, zeigt sich Conny Dollinger zufrieden. Die Behörde genehmigte den Einbau von neuen Fenstern und von Dachgauben. Ebenso durfte eine Garage angebaut werden.

Grundsätzlich gilt der 37-Jährigen zufolge aber: „Der Charakter des Hauses soll erhalten bleiben.“ Deshalb nutze man beispielsweise weiter die Kassettentüren. Von denen haben die früheren Wohnungstüren einen „Spion“.

„Inzwischen sind wir sogar ein bisschen stolz auf unser Haus“, merkt Stefan Dollinger an, „es gefällt uns“. Das Leben in einer Siedlung könnte sich seine Frau nicht vorstellen: „Hier haben wir ein gewisses Maß an Freiheit.“

Ähnlich denkt Karlhans Müller. Er lebt mit seiner Familie bereits seit 1980 in einem der einstigen Blockhäuser – und zwar in der Nähe von Gunzenheim. „Man kann hier in der freien Natur wohnen“, sagt der 76-Jährige. Müller erwarb das Gebäude, obwohl dieses unter den Vorbesitzern ziemlich heruntergekommen war: „Die Dachfenster waren zerschlagen, es hat jahrelang reingeregnet.“ Die Familie erkannte aber die hervorragende Bausubstanz.

Dennoch: Die abgeschiedenen Lage barg auch einige Herausforderungen in sich. Den Strom mussten Müllers mit einem Generator selbst machen. Hier setzten sie schon früh auch auf Fotovoltaik. So hatte die Familie auch nichts dagegen, dass direkt neben dem Anwesen ein großes Solarfeld angelegt wurde. Seit dem Jahr 2000 ist das Gebäude auch an das LEW-Stromnetz angeschlossen.

Für die Trinkwasserversorgung sorgte einst schon die Bahn. Das Wasser kommt aus einer etwa 150 Meter vom Haus entfernten Quelle. „Ich habe großen Respekt vor den damaligen Ingenieuren“, sagt Karlhans Müller. Das Wasser fließe noch immer das ganze Jahr über gleichmäßig.

Das einzige, was die Ruhe abseits der Ortschaften stört, sind die Züge, die – auch nachts – recht nahe an den Blockhäusern vorbeidonnern. „Die höre ich nicht mehr“, so der Rentner. Früher haben man den Fernseher nicht mehr verstanden, wenn ein Güterzug gekommen sei. Mittlerweile sorgten Schallschutzfenster für angenehme Ruhe in den Räumen.

111 Jahre nach dem Bau stehen die Blockhäuser bei Felsheim, östlich des Harburger Stadtteils Marbach, nahe Gunzenheim, Fünfstetten, Otting, Gundelsheim und Möhren noch immer. Die Mehrzahl der Bauwerke ist nach wie vor bewohnt. Das Haus am Biberhof steht nach Auskunft des Landratsamts in Donauwörth als einziges unter Denkmalschutz. Andere wurden umgebaut. Eines – das unweit von Otting – gehört dem Schwesternorden der Dienerinnen vom Heiligen Blut und wird von diesen als Ferienhaus genutzt.

Noch weitgehend im Originalzustand dürfte sich dem äußeren Anschein nach das Blockhaus im ausgedehnten Waldgebiet bei Marbach befinden. Während dort die Zeit offenbar stehengeblieben ist, wird auf der Baustelle am Biberhof kräftig gewerkelt. Sanierung und Umbau werden nach Auskunft der Dollingers am Ende etwa so viel kosten wie der ursprünglich geplante Neubau. Zuschüsse kommen von der Gemeinde Fünfstetten, dem Landkreis und dem Bezirk. Ende 2017 will die Familie einziehen.

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Ein Artikel von
Wolfgang Widemann

Donauwörther Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten Donauwörth

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