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27. Januar 2012 12:05 Uhr

Archäologie

Ein Skelett gibt seine Geheimnisse preis

Auswertung des Fundes von 2009. Prof. Dr. Czysz: Der Germane wurde Ende des 3. Jahrhunderts in Tapfheim geboren. Ein aufsehenerregendes Ergebnis

Tapfheim Spätestens seit dem mit fünf Oscars dekorierten Monumentalfilm „Gladiator“ von Ridley Scott ist klar: Germanen sind fellbehängte, furchterregende und waffenschwingende Barbaren, die so gar nichts mit der römischen Kultur zu tun haben wollen. Aber wie bei so manchem Historienfilm sind Wahrheit und Fiction nicht immer deckungsgleich zu bringen. Ein vor mehr als zwei Jahren in Tapfheim gefundenes Skelett eines Germanen erzählt nämlich eine etwas andere Geschichte. Denn die Auswertung der Grablege ist jetzt abgeschlossen, wie Prof. Dr. Wolfgang Czysz gestern im Gespräch mit unserer Redaktion erzählte.

Drehen wir die Zeit auf den 7. August 2009 zurück. Im Baugebiet „Meisteräcker“ am westlichen Ortsrand von Tapfheim, südlich der Bahn, soll ein Wohnhaus entstehen. Aber schon mit dem ersten Spatenstich wird in einer Tiefe von nur zehn Zentimetern ein Skelett entdeckt. Was war mit der Person geschehen? Ist es vielleicht sogar ein Mordfall? Doch die alarmierte Polizei konnte Entwarnung geben, archäologische Elemente kamen ans Tageslicht und wiesen auf eine andere Spur, so erinnert sich Dr. Czysz, Referatsleiter beim Landesamt für Denkmalpflege in Bayern (Sitz Thierhaupten).

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Es handelte sich um ein Einzelgrab, also nicht etwa um den Teil eines Friedhofs. „Sämtliche Anzeichen deuteten darauf hin – es ist typisch germanisch.“ Alle Fundstücke wurden zunächst von der Grabungsfirma Dr. Elke Mattheußer (Meitingen) geborgen, sorgfältig und vorsichtig gereinigt, danach die Eisenteile geröntgt. Das Skelett selbst wurde zur Untersuchung in die Antrophologische Staatssammlung nach München verbracht, wo sich der amerikanische Experte McGlynn damit beschäftigte.

In der Anthropologie wurden das Geschlecht (via Augenhöhlen, Becken), das Alter (unter anderem anhand der Zähne), die Morphologie (Größe, Alter, Typ) und ebenso die Pathologie (Krankheit, Todesursache) bestimmt.

Zusätzlich unter die Lupe genommen wurde das Skelett in Erlangen am dortigen Institut für Angewandte Geophysik. Dies geschah mittels der sogenannten Radiocarbon-(Radiokohlenstoff-)Methode oder auch C14-Datierung genannt. Dies ist ein Verfahren zur radiometrischen Datierung von kohlenstoffhaltigen, insbesondere organischen Materialien. Der zeitliche Anwendungsbereich liegt zwischen 300 und etwa 60000 Jahren.

Das Ergebnis erläutert nun Czysz: „Der Mann ist um das Jahr 295 n. Christus geboren, war etwa 35 bis 45 Jahre alt, 173 Zentimeter (+/- 4,8 cm) groß. Er hatte einen verheilten linken Unterarmbruch und eine ebenfalls verheilte Schädelverletzung. Gestorben ist er um das Jahr 339/340.“ Aber die wichtigste Erkenntnis sei: „Er ist kein Zuzügler, sondern er ist definitiv in diesem heutigen Nordschwaben geboren.“

Neue Methode angewandt

Um Letzteres beweisen zu können, „haben wir erstmals die Strontium Isotopen Bestimmung (87Sr/86Sr-Isotope) angewandt“. Der Wissenschaftler verdeutlicht: Diese dient unter anderem zur Analyse von historischem Migrationsverhalten von Menschen und Tieren. Strontium sei wasserlöslich und werde deshalb abhängig vom geografischen Ort in unterschiedlichen Isotopenverhältnissen mit der Nahrung aufgenommen und in Knochen und Zähnen eingelagert.

Archäologisch habe man zunächst vermutet, der Germane – ein Alemanne – wäre aus dem thüringischen Raum oder aus dem Elb-Weser-Gebiet zugewandert, wo dieser Stamm seine Heimat hatte. „Deshalb ist dieses Ergebnis der Analyse – unterschiedliche Strontiumisotopendichte – absolut erstaunlich.“ Bisher wird davon ausgegangen, dass die Alemannen einst „tröpfchenweise“ in ihr heutiges Siedlungsgebiet einsickerten – und dies meist noch als Plünderer. Immerhin hat der römische Kaiser Caracalla 213 n. Chr. einen Krieg gegen eben diesen Volksstamm geführt.

Bei dem Tapfheimer Germanen oder dessen Familie handelt es sich wohl eher um einen „Wirtschaftsflüchtling“, mutmaßt Wolfgang Czysz und begründet dies auch. Durch die Erforschung der Alpen-Gletscher-Schmelze wisse man heute, dass Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts eine Klimaveränderung eingetreten ist. Dies bestätigt ebenso die Dendrochronologie (Datierung anhand von Jahresringen der Bäume). Gleiches ereignete sich später im Mittelalter, „und damals haben sich die Menschen ebenfalls in landwirtschaftlich günstigere Gegenden abgesetzt“. Und diese Klimaveränderung könnte letztlich so die große Wanderung („Völkerwanderung“) der germanischen Stämme initiiert haben ...

Dass es sich bei dem „frühen Tapfheimer“ um einen einfachen Krieger gehandelt habe, belege die Axt. „Diese Waffe symbolisierte für den gesamten Mittelmeerraum, dass es sich um ‚Barbaren‘ handelte.“ Mit ziemlicher Sicherheit war er ein – wie seine Verfahren – geduldeter Einwohner. „Die Römer der mittleren Kaiserzeit haben sie nicht mehr vertrieben, sondern sie ganz bewusst als ‚Puffer‘ gegen deren Bruderstämme eingesetzt.“

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