Montag, 21. August 2017

15. April 2011 21:00 Uhr

Vortrag

Graue Busse als Todesboten

Gernot Römer spricht im Behindertenwerk Sankt Johannes über die Ermordung behinderter Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus. Eine Zeitzeugin berichtet

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Marxheim-Schweinspoint „Jeder Mensch ist kostbar“, hat einmal Dominikus Ringeisen gesagt. Dieser Leitsatz wurde im Dritten Reich – wie man weiß – auf brutale Art und Weise missachtet. Was aber viele nicht wissen: Auch in Schwaben gab es grausame Auswüchse des Nationalsozialismus. „Euthanasie“ wurde das damals genannt. Eigentlich eine schreckliche Lüge. Denn wörtlich übersetzt bedeutet der aus der griechischen Sprache entnommene Begriff „schöner Tod“.

Von einem „schönen“ Tod kann im Fall der rund 120000 Menschen mit Behinderung, die zu Hitlers Zeiten ermordet wurden, nicht die Rede sein. Auch in der Region wurden zahlreiche Menschen Opfer dieser menschenverachtenden Politik. Gernot Römer, früherer Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, referierte in der Diepoldhalle des Behindertenwerkes Sankt Johannes in Schweinspoint zum Thema „Euthanasie in Schwaben“.

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Betroffen von den Deportationen war auch Schweinspoint. Dafür gab es kein Gesetz, sondern – wie Römer erklärte – Anweisungen, die von einer damals eigens geschaffenen „gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ umgesetzt worden seien. Sie holte Menschen mit Behinderung im Auftrag des Reichsverteidungskommissars in Schweinspoint ab. Vor aller Augen in grauen Bussen, mit blinden Fensterscheiben. „Himmelfahrtskommandos“ nannte man sie, manche Menschen nahmen die Kopfbedeckung ab, wenn solch ein Bus vorbeifuhr. Überlebenschancen hatte niemand, der einmal in einen solchen Bus verfrachtet worden war.

Viermal fuhren solche Busse in Schweinspoint vor: am 13. und 14. November 1940, am 22. November 1940 und am 1. August 1941. Das erste Mal wurden hundert Pfleglinge eingeladen, das zweite Mal 32 und zuletzt noch 14. Die meisten kamen Römers Recherchen zufolge zunächst in ein „Zwischenlager“ nach Günzburg und dann weiter ins Vernichtungszentrum Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, eine „Anstalt A“ – Modell für alle weiteren Anstalten dieser Art.

Franz Josef Grabler, der Leiter für stationäres Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung in Schweinspoint, hat weiter recherchiert und erfahren, dass nach dem Krieg 83 Opfer aus Schweinspoint im Rahmen der Grafeneckprozesse ermittelt wurden. Im Bundesarchiv sind 26 Pfleglinge namentlich erfasst, die in Grafeneck vergast wurden. Dort wurden 10654 Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung vom 18. Januar bis 13. Dezember 1940 aus süddeutschen Heil- und Pflegeeinrichtungen durch Vergasung umgebracht – die Nationalsozialisten nannten dies „Gnadentod“. Den Angehörigen war seinerzeit eine plötzliche Todesart mitgeteilt, die Asche sowie eine Rechnung zugestellt worden.

Gernot Römer schilderte einige Schicksale, wie jenes von Karl O., den die Furcht gepackt hatte und der sich, als er die grauen Busse sah, erfolgreich unter einer Brücke versteckte. Günstig sei wohl in einigen Fällen gewesen, so Römer, dass zwischen den Pfleglingen und den Einwohnern Schweinspoints – eine Ausnahme – „immer ein gutes Verhältnis bestand“.

Von „schockierenden Erlebnissen“ berichtete schließlich eine Zeitzeugin: Eva Eder aus Schweinspoint. „Das war eine schlimme Zeit“, erinnerte sie sich im stockender Stimme, als sie davon berichtete, wie ihr Onkel Adalbert seinerzeit freiwillig einen „grauen Bus“ bestieg, in der Annahme, wenn er dort mitfahre, werde er ein besseres Leben haben. Eva Eder berichtete davon, wie sie ihren Onkel gewarnt habe, wie sie dann nur noch gesehen habe, „wie sie ihm einen Stempel auf den Rücken gedrückt haben“ – und wie dann eines Tages die Todesnachricht die Familie erreichte.

Robert Freiberger, der Geschäftsführer des Behindertenwerkes, machte klar, dass es eine große Errungenschaft sei, dass man heute mit behinderten Menschen in Solidarität lebe und dass bald nach dem Krieg Fürsorge und Integration im Umgang mit Behinderten Leitgedanken geworden seien. „Dieser gesellschaftliche Konsens ist aber nicht in Stein gemeißelt“, mahnte er gleichzeitig. Jeder sei immer wieder aufs Neue gefordert. (bih)

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