Donnerstag, 23. Mai 2013

25. September 2010 09:33 Uhr

Sein Herz schlägt im Takt der Webmaschinen

Donauwörth/Augsburg Er trägt eine beige Hose aus festem Stoff und ein braunes Jackett aus feinem Cord. Normalerweise achtet man bei einem 60-jährigen Mann ja eher selten als erstes auf die Kleidung. Bei Karl-Heinz de Groot aber irgendwie schon - unweigerlich. Denn sein Herz schlägt für Textilien: Die verschiedensten Stoffe in seiner Hand lassen seine Augen leuchten; sein technisches Wissen um die Webmaschinen sämtlicher Jahrzehnte lässt bei den Erklärungen die Zuhörer aufhorchen; seine Faszination für Maschinen und Textil lässt ihn - obwohl er seit März seine Pension genießen könnte - nicht los. Von Nina Schleifer

Die Kettenherstellung fand in der JVA Kaisheim statt

Jahrzehntelang leitete de Groot die Weberei in der Justizvollzuganstalt (JVA) Kaisheim. Seit fünf Jahren arbeitet der Donauwörther zudem unermüdlich für das Staatliche Textil- und Industriemuseum (tim) in Augsburg. Er ist ehrenamtlich tätig - für ihn selbstverständlich. "Das muss einfach sein. Schließlich ist das eine Herzensangelegenheit."

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Deswegen zögerte de Groot auch keinen Moment, als Museumsleiter Dr. Karl Borromäus Murr mit den Plänen des tim auf ihn zukam. Ziel war es, Webstühle aus den unterschiedlichsten Jahrgängen zu finden, zu restaurieren und mit ihnen wieder Stoffe herzustellen. Dem tim fehlte es vor allem noch an Maschinen zur Kettenherstellung. Eine Kette ist der Längsfaden, der in der Webmaschine eingespannt ist. Durch die aneinandergereihten Ketten wird quer der Schussfaden geführt. So entsteht der gewebte Stoff. Doch um letztlich auf den zum Teil sehr alten Maschinen Stoffe produzieren zu können, war viel Arbeit nötig.

Für de Groot war also schnelles Handeln angesagt. In der Weberei der JVA Kaisheim wurden die Ketten für fast ein Dutzend Webmaschinen hergestellt - zwischen der alltäglichen Produktion. Das Schwierigste: Es gab keine Anleitungen für die alten Maschinen. Kein Wunder, schließlich ist die älteste Webmaschine etwa 150 Jahre alt. Also hat sich de Groot nachts an den Schreibtisch gesetzt, um die Pläne zu schreiben, die seine Auszubildenden schließlich in die Tat umgesetzt haben. "Meine Lehrlinge haben von der ungewöhnlichen Arbeit profitiert", erzählt der Webmaschinentechniker.

Vor drei Jahren wurde einer der Azubis sogar Deutschlands bester Textilmaschinenmechaniker. Sein besonderes Wissen um die Schärpläne (das sind quasi die Webanleitungen) war dabei auch eine große Hilfe.

Insgesamt dauerte die Arbeit an den Ketten drei Jahre. Museumsleiter Murr ist dankbar für die große Hilfe, die de Groot, acht weitere ehrenamtliche sowie zwei hauptamtliche Mitarbeiter bei den Vorbereitungen waren und auch jetzt bei den Führungen und der Produktion sind. "Das ist ein großer Einsatz für das Museum", dankt Murr. "Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die ihr Herzblut geben, haben einen großen Anteil an dem Erfolg des Museums. Ich denke, das tolle Ergebnis spricht für sich."

Nicht nur was das technische Wissen anbelangt, vor allem im menschlichen Bereich passe es. Die Zusammenarbeit sei ausgesprochen gut. Viele Abende und Nächte verbrachten die Mitarbeiter nicht nur beim Suchen nach Ersatzteilen für die Webmaschinen, sondern auch beim Arbeiten und Restaurieren der alten Maschinen. Leicht war das nicht immer: Die Textil-Fachmänner absolvierten die Überstunden zum Teil im Winter - in unbeheizten Räumen. "Spät abends musste ich dann die Ehefrauen am Telefon besänftigen", erzählt Murr schmunzelnd.

Manche der Maschinen waren zu Beginn der Arbeiten noch richtige "Rosthaufen", wie de Groot - beinahe schon liebevoll - sagt. Zwei von denen stammen übrigens von der Firma Droßbach aus Bäumenheim. Die Weberei gibt es seit den 60er Jahren nicht mehr, alles ist stillgelegt. Der Dachboden gleiche einem "Friedhof der Webstühle", wie Murr erzählt. Dort haben sie ihre Schätze gefunden und in liebevoller Kleinarbeit restauriert und Ersatzteile nachgearbeitet.

Für de Groot ist die Arbeit an und mit den Webmaschinen auch mit seiner eigenen Vergangenheit verbunden: Ende der 60er Jahre lernte er an einer Oberschläger-Maschine mit Revolverwechsel in Nordhorn in Niedersachsen. Und genau solch eine Maschine steht auch in den Räumen des tim. "Viele persönliche Erinnerungen stecken darin." Im Jahr 1969 schloss de Groot seine Ausbildung zum Textilmechaniker ab - als Erster. Dieser Ausbildungsberuf war damals ganz neu.

Gemeinsam in Erinnerungen schwelgen

Damit hat de Groot die Entwicklungen in seinem Beruf alle miterlebt. Deshalb fasziniert ihn am tim gerade der technische Aspekt: In dem Museum kann man Textilien hautnah erleben; durch Führungen und vor allem durch Ausprobieren. Außerdem wird auf den alten Webmaschinen produziert: Dafür kommt Textilmeister de Groot jeden Montag nach Augsburg. Montags ist das Museum für Besucher geschlossen, und deshalb laufen dann die lauten Webmaschinen auf Hochtouren, um Stoffe und Handtücher herzustellen. Die werden wiederum in dem museumseigenen Laden verkauft. Mittendrin der Donauwörther, der dann wieder - obwohl er seit März diesen Jahres in Pension ist - voll in seinem Element ist.

Unter den Mitarbeitern in der Museums-Weberei ist er mit seinen 60 Jahren übrigens der Junior. Deswegen nimmt er sich auch bei den Führungen zurück - noch. "Die Museumsleitung hat bereits angefragt, ob ich nicht auch Führungen leiten will", erzählt er nicht ohne Stolz, bevor er zu der alten Oberschläger-Maschine läuft und mit den Fingern sanft über den gewebten Stoff fährt. Die Textilien werden ihn also lange nicht loslassen - zur Freude von Museumsleiter Murr. "Solch engagierten Mitarbeitern wie Karl-Heinz de Groot verdankt das Museum seinen Erfolg."

Unter den zahlreichen Besuchern sind laut de Groot auch viele ehemalige Textiler. Ihn berührt es besonders, wenn er die Besucher-Reaktionen auf die liebevoll restaurierten Webmaschinen miterlebt. Viele bekommen so einen Teil ihrer beruflichen Identität wieder, ist sich de Groot sicher.

"Schließlich haben viele Menschen früher ihren Lebensunterhalt damit verdient. Da ist mittlerweile vieles weggebrochen." Der Donauwörther sagt: "Wir sind dann eine Erinnerungsgemeinschaft". Bald wird übrigens der 100 000. Besucher erwartet. Noch ein weiterer, den de Groot in die Gemeinschaft der Textilliebhaber, wie er selbst einer ist, aufnehmen kann.

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