Dienstag, 25. Juli 2017

13. Mai 2017 14:28 Uhr

Alte Wirtshäuser

Seit 115 Jahren in der Hand einer Familie

Von Beginn an führt Familie Reichherzer den Landgasthof „Zur Sonne“. Übernachtungsgäste brachten so manches Abenteuer in die Wirtsstube

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Zum Muttertag hat sich Christine Reichherzer etwas besonderes überlegt. Es gibt Lamm und Maispularde mit gebratenem Rhabarber. „Ich probiere gerne auch mal was Neues“, sagt die junge Wirtin vom Landgasthof „Zu Sonne“ in Fünfstetten. Gerne steht sie am Herd ihrer professionellen Edelstahl-Küche, die erst seit wenigen Monaten installiert ist. Da wo einst ihre Urgroßmutter auf einem mit Holz befeuerten Herd den Sonntagsbraten schmorte, zaubert sie gemeinsam mit ihrer Mutter Renate zwischen Donnerstag und Montag bodenständige, regionale Küche mit fränkischem und auch modernem Einschlag. Die Hilfsmittel, die die beiden gelernten Köchinnen der Familie Reichherzer wie selbstverständlich verwenden sind heute selbstverständlich. Doch als Urgroßmutter Barbara kochte, gab es in der Sonne weder fließendes Wasser noch Strom – und im Gastraum keine Heizung.

115 Jahre sind es in diesem Jahr, dass der Landgasthof „Zur Sonne“ mit Herzblut von Familie Reichherzer betrieben wird. Christine Reichherzer (45) tut das seit 2014 in bereits vierter Generation. Zusammen mit ihrem Mann Eric Schießl und ihren drei Kindern hat sie den Landgasthof von Grund auf modernisiert und aus dem Gasthof mit Wirtsgarten, Festsaal und Bar-Stadl das Wirtshaus auf den neuesten Stand gebracht. Die fünf Gästezimmer im ersten Stock des Hauses sind schick und komfortabel neu ausgestattet und auch die Fassade hat seit kurzem einen neuen Anstrich – im Laufe der Geschichte wohl mindestens der vierte.

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Natürlich ist in den 115 Jahren viel passiert, seitdem die Reichherzers den Gutshof, der einst eine Brauerei mit Stallungen war, erwarben. Thomas Reichherzer war gelernter Mälzer und hatte im Löwenbräu in München gelernt. „Er wollte schon immer ein eigenes Gasthaus“, erzählt sein Enkel Thomas Reichherzer (69), der den Vornamen des Opas trägt. Die Sonne in Fünfstetten wurde also zu einer klassischen Bierwirtschaft. Man traf sich nach getaner Arbeit in der Gaststube auf ein Glas oder auch mehr, ratschte, tauschte sich aus und hörte, was tagsüber so im Ort passiert war.

Für die Familie barg der Bau der Zugstrecke zwischen Donauwörth und Treuchtlingen damals ein gutes Geschäft, denn die Gleisarbeiter wollten allesamt versorgt werden. „Das waren alle Gastarbeiter aus Italien, die ein Zimmer und ein warmes Essen brauchten“, erzählt der Seniorechef, der auch heute noch kräftig mitanpackt. Angeboten wurde damals nur ein warmes Gericht – und das war eben das, was eh für die elfköpfige Familie gekocht wurde. Urgroßvater Reichherzer hatte mit seiner Frau Barbara neun Kinder.

Während des Krieges schafften die Frauen, was an Arbeit anfiel. Um sich zu versorgen wurde Land gekauft, Getreide und Kartoffeln angebaut. Tante Babette schaffte an, damit das Geschäft lief. Nach dem Krieg übernahmen dann 1947 Sohn Hans und Frau Anna die Wirtschaft. Die Zeiten wurden besser und nach und nach wurde aus der Bierwirtschaft mit Tanzsaal ein richtiges Wirtshaus mit kleiner Speisekarte. In den 60ern wurde fließendes Wasser im Haus eingebaut, zuvor wuschen sich die Gäste in den Zimmern mit dem Wasser aus dem Krug.

Renate Reichherzer, Mutter von Christine, erinnert sich noch gut, wie gearbeitet wurde, als sie in den 70ern das erste Mal aus ihrer Heimatstadt Hanau am Main zu ihrem Mann Thomas ins elterliche Gasthaus nach Fünfstetten kam. Um sechs Uhr morgens musste der Herd mit Holz geschürt werden, die Milch wurde vom Bauern gebracht und stand stets im Topf auf dem Herd. Gekocht wurde wie heute gute Hausmannskost: Schweinebraten mit Klößen oder Schnitzel aber auch viele Mehlspeisen wie Schupfnudeln, Apfelstrudel oder Arme Ritter. „Und so eine Art Kaiserschmarrn. Sowas wie ein gerupfter Pfannkuchen, der in der Röhre gebacken wird. Aber heute können sie damit niemanden mehr locken“, erzählt die Köchin.

Wenn Hochzeiten gefeiert wurden, stand sie mit ihrer Schwiegermutter früh um 5 Uhr in der Küche, um die vorbestellten Braten in den zwei vorhandenen Röhren zu schmoren und das alles zeitlich überhaupt bewältigen zu können. „Das war harte Arbeit und im Sommer enorm heiß - schon heftig“, sagt Renate Reichherzer. Anfang der 80er schaffte die Familie dann einen Gasherd an. „Das war eine große Erleichterung.“

Überhaupt brachte die damals junge Köchin, die mit ihrem Mann Thomas das Wirtshaus 1971 überschrieben bekam, viel Neues nach Fünfstetten. Zum Beispiel frischen Spargel: „Ich fand es schon toll, dass die Gäste hier zur Hochzeit Spargel haben wollten. Aber die kannten alle nur den im Glas“, berichtet sie lachend. Über ihre Familie ließ sie sich sie mit dem Zug den frisch gestochenen Spargel nach Fünfstetten liefern. „Das war damals eine Sensation“, sagt sie nicht ohne Stolz. Mit Reisebussen seien die Gäste nach Fünfstetten gekommen, um das frische Königsgemüse zu essen.

Aber auch ein echtes Steak brachte die heute 67-Jährige ihren Gästen in der Sonne auf den Teller. „Anfangs gab es ein paar Beschwerden, weil alle dachten, das medium gebratene Fleisch sei noch roh“, schmuzelt sie heute über die damalige Neuerung.

Heute ist das standard. Genauso wie Strom und fließendes Wasser oder Heizung und Bad in allen Gästezimmern. „Bis zum 12. Januar 1973 haben wir bei Petrolium-Licht gearbeitet und gelebt“, erinnert sich Renate Reichherzer. Für sie war dieser Tag eine Wende, auch wenn man versuchte die Zahl der Steckdosen gering zu halten – schließlich wurde die Grundgebühr danach abgerechnet.

Bis in die 80er wurden im Gasthof „Zur Sonne“ auch Geldgeschäfte betrieben, denn die Volksbank Wemding unterhielt jeden Montag von 8 bis 12 Uhr im Nebenraum eine Art kleine Bankfiliale. Wer wollte konnte dort Einzahlungen tätigen oder seine Rente abholen.

Für viele Gäste sorgten auch die Filmvorführungen im Festsaal. Neben der Wochenschau liefen Heimatfilme wie „Der Förster vom Silberwald“. „Da waren jeden Samstag 50 Mann da“, erinnert sich Thomas Reichherzer.

Dass man als Wirt viel erlebt, Menschen aller couleur trifft, das kann er bestätigen. Er hatte Übernachtungsgäste, die die Zeche prellen wollten und lieber aus dem Fenster türmten, statt zu bezahlen. „Der hat sich dabei den Fuß gebrauchen“, erzählt der Seniorchef. Ein andermal kam ein seltsames Pärchen. „Die kamen mir komisch vor, da habe ich die Personaldaten überprüfen lassen“, sagt der 69-Jährige. In diesem Fall hat ihm sein Gefühl Recht gegeben. Denn der Mann war ein verurteilter Straftäter, der statt seine Haft in Kaisheim anzutreten, lieber mit seiner Freundin eine Nacht verbringen wollte. Doch auch die wurde nicht romantisch, denn die Polizei kam mit Maschinengewehren, um den „schweren Jungen“ abzuholen. „Dafür mussten wir mitten in der Nacht das ganze Haus räumen“, sagt der Seniorchef, der sich an diese Episode noch aktiv erinnert. Und noch mehr könnte er erzählen. Von Gästen, die ihn mit einem Messer bedrohten oder vergaßen lebensnotwendige Medikamente einzunehmen.

Jetzt, seit drei Jahren, hat seine Tochter Christine das Sagen. Sie hat sich lange überlegt, ob sie die Tradition weiterführen soll. „Die Gasthauskultur hat sich verändert“, sagt sie. „Früher war die Wirtsstube das erweiterte Wohnzimmer der Dorfbewohner. Heute kommen unter der Woche nur ein paar Einzelne.“ Deshalb hat sie auch Dienstag und Mittwoch geschlossen, nur am Wochenende wird richtig aufgekocht. Ihr Geschäft – das sagt sie ganz offen – macht sie nicht „mit drei Bier vom Stammtisch.“ Familienfeste und Feiertage und die Übernachtungszimmer machen sich bezahlt, deshalb haben die Jungen viel investiert. Mittlerweile kann jedermann im Internet über ein Buchungsportal ein Zimmer in der Sonne buchen – das tun vor allem Vertreter, Geschäftsleute oder Arbeiter. „Die Zeiten, in denen hier Familien mit Kindern Urlaub machten, sind vorbei“, sagt die junge Wirtin. Obwohl die Verlagerung der romantischen Straße vor ein paar Jahren, auch bei ihr die Frequenz noch oben steigen ließ. Mit Theaterabenden will sie im Dorf für mehr Unterhaltung sorgen.

„Es ist der nette Umgang mit den vielen, verschiedenen Menschen – das macht einfach Freude“, begründet sie ihren Entschluss nach der Lehre in Frankfurt wieder nach Fünfstetten zu kommen. „Es ist schon viel Arbeit, aber ich bekomme viel positive Rückmeldung.“

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Ein Artikel von
Barbara Wild

Donauwörther Zeitung
Ressort: Redaktionsleiterin



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