Aichach Der ehemalige US-Präsident George W. Bush war bekannt für seine launigen Reden. Auch beim Gipfeltreffen der Europäischen Union und der USA im Juni 2001 in Göteborg streute er in seine Ansprache immer wieder kleine Witzchen ein. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder soll dabei mehrere Male aufgelacht haben. Zu verdanken hatte er diese "Glücksmomente" nicht zuletzt Gerald Dichtl aus Aichach. Der 44-Jährige ist Dolmetscher bei der Europäischen Kommission und hat schon vielen Staatsmännern eine Stimme gegeben.



Neben George W. Bush hat er beispielsweise auch den britischen Premierminister Gordon Brown, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy oder die italienischen Staatsmänner Silvio Berlusconi und Romano Prodi übersetzt. Als Letzterer im März 2007 in Berlin zum Jubiläum der Römischen Verträge sprach, wurde Dichtls Übersetzung live im Fernsehen übertragen. Der Dolmetscher selbst empfand das als "positive Anspannung".
Dichtl spricht mit Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch und Portugiesisch sechs Fremdsprachen fließend. In Kürze soll Griechisch folgen. In der Regel übersetzt Dichtl aus diesen Sprachen simultan in seine Muttersprache Deutsch. "Es ist motivierend, dass man dazu beiträgt, dass sich alle untereinander verstehen", sagt der Aichacher, der in Brüssel lebt.
Seit 1995 gehört Dichtl der Generaldirektion (GD) Dolmetschen an. Dieser Dienst der Europäischen Kommission organisiert Konferenzen und unterhält den größten Dolmetscherdienst der Welt. Von den rund 600 fest angestellten Dolmetschern übersetzen gut 60 ins Deutsche. Auch wenn "übersetzen" - streng genommen - das falsche Wort ist, denn als Übersetzer werden die Personen bezeichnet, die den fremdsprachigen Text schriftlich niederlegen. Dichtl und seine Kollegen sind dagegen für die mündliche Übertragung, die Verdolmetschung, zuständig.
Der 44-Jährige liebt an seinem Beruf vor allem die Kontakte zu anderen Nationen, die in Brüssel leicht zu knüpfen sind. "Zu meinem Bekanntenkreis gehören Menschen aus rund 35 Ländern", betont Dichtl. Schon immer wollte er aktiv mit Fremdsprachen umgehen. Am Aichacher Deutschherren-Gymnasium belegte er einst die Leistungskurse Englisch und Französisch. Nach dem Abitur 1985 machte er eine Ausbildung am Sprachen & Dolmetscher Institut in München und studierte dann an der Universität Augsburg Romanistik und Politikwissenschaft. Seit 1997 ist er Beamter der EU.
In den vergangenen Jahren ist Dichtl mehrmals befördert worden und sitzt als erfahrener Dolmetscher auch in Prüfungsjurys für Bewerber. Zudem ist er ständiger Gast bei sogenannten "High Level"-Sitzungen, etwa bei den Treffen der Staats- und Regierungschefs oder der Außenminister. Wirtschaft und Finanzen sind zwei seiner Spezialgebiete. Allein die Worte der Politiker und Experten zu verstehen, reiche laut Dichtl oft nicht aus. "Der Dolmetscher muss die Kommunikationsstrategie des Redners erfassen", erklärt er. Es komme nicht von ungefähr, dass der Dolmetscher in vielen Ländern "Interpret" heiße.
Ein besonders unverständlicher hoher Politiker ist Dichtl übrigens noch nie untergekommen: "Das sind alles Profis." Auf anderen Ebenen gebe es da größere Herausforderungen, etwa einen Spanier, der unbedingt Englisch sprechen will, aber kaum zu verstehen ist.
Dichtls Beruf ist fordernd, da er stets höchste Konzentration und permanente Weiterbildung verlangt, doch er wird auch sehr gut vergütet: Das Gehalt ähnele dem eines Universitätsprofessors, so Dichtl. Viel wichtiger aber ist dem Aichacher, dass er live mit dabei ist, wenn Europa eins wird. Viel zur Globalisierung trage das Internet bei. So bezieht der Dolmetscher daraus nicht nur Wissen für die Arbeit, sondern informiert sich auch über zu Hause. "Egal, wo man sich befindet auf der Welt, man ist eigentlich nicht weg", sagt er. Trotzdem kommt der Hobby-Motorradfahrer und Sammler alter Macintosh-Computer auch immer wieder gerne "leibhaftig" nach Aichach.
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