Ein unscheinbarer grauer Briefkasten in einer ruhigen Wohngegend. Gewöhnlich findet sich darin morgens nur die Tageszeitung, doch an diesem nebligen Novembertag im Jahr 2006 steckt da ein zusammengefaltetes Schreiben mit offiziellem Briefkopf der Regierung von Schwaben, adressiert an die Abfallverwertungsanlage Augsburg, kurz AVA GmbH. Über mehrere Seiten hinweg werden Gesetzestexte zitiert und fehlende Unterlagen aufgelistet - schwere Kost für einen Journalisten zu dieser Stunde.
Auf der vorletzten Seite angekommen, glaube ich aber meinen Augen nicht zu trauen: "Vorsätzliche oder fahrlässige Verstöße hiergegen stellen Ordnungswidrigkeiten dar, die mit Geldbußen bis zu 50 000 Euro geahndet werden können. Im Einzelfall liegt, bei relevanter Abweichung von der Genehmigungssituation, möglicherweise auch eine Strafbarkeit vor. Darüber hinaus behalten wir uns die (teilweise) Stilllegung einzelner, nicht genehmigungskonform betriebener Anlagenteile vor", heißt es. Töne, die man von der Regierung von Schwaben eher weniger gewöhnt ist - versteht sich die Behörde sonst doch als Partner und Dienstleister bei der Erfüllung staatlich übertragener Aufgaben.
Die Vermutung, dass hinter dem trockenen Behördenschreiben eine brisante Geschichte steckt, bestätigte sich schon mit dem ersten Telefonat, das ich wenig später in der Lokalredaktion der Friedberger Allgemeinen führte. "Müllverbrennung: Jetzt ist der Ofen aus", lautet am 17. November 2006 die Schlagzeile in unserer Zeitung. Der Brief sei eine Folge anderer Vorkommnisse aus der jüngsten Zeit, zitierte ich den Umweltjuristen der Regierung: Nach Jahren der guten Zusammenarbeit erlebe man eine AVA, die erst handle und dann die Genehmigungen einhole.
Giftige Aktivkohle verbrannt
Eklatantestes Beispiel: Über Jahre hinweg hatte die AVA unerlaubt hochgiftige Aktivkohle aus der Rauchgasreinigung verbrannt, um Entsorgungskosten zu sparen - und das, obwohl diese Praxis ausdrücklich untersagt worden war. Die Regierung leitete deswegen ein Bußgeldverfahren über 100 000 Euro gegen die AVA ein.
Dieser Beitrag vom November 2006 war Auftakt für eine über Monate hin anhaltende Berichterstattung, die erstmals einen Blick hinter die Kulissen der AVA ermöglicht. Schließlich hatte die Politik es stets verstanden, sämtliche wichtigen Weichen in nicht öffentlichen Gremien wie Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat zu stellen und nach außen hin alles als große Erfolgsgeschichte zu verkaufen.
Dass es dort in Wirklichkeit drunter und drüber ging, kam an den Tag, weil das Kontrollgremium nach anfänglichen Widerständen unter dem Druck der Öffentlichkeit umfassende Sonderprüfungen in Auftrag gab - und die Berichte des Bayerischen Kommunalen Prüfungsverbandes und der KPMG wiederum in meinem Briefkasten landeten. Der unscheinbare Blechkasten vor meiner Tür avancierte damals in Kollegenkreisen zum berühmtesten Briefkasten der ganzen Stadt.
In einer ganzen Serie von Artikeln konnte ich so im Sommer 2008 beleuchten, wie bei der AVA gehaust wurde: eine wirtschaftlich fragwürdige Firmenkonstruktion, Auftragsvergaben ohne Wirtschaftlichkeitsberechnung und Vergleichsangeboten, Fehlinvestitionen, teure Autos für die Geschäftsführer - am Ende summierte sich das zu Millionenbeträgen, für die der Müllgebührenzahler aufkommen muss.
Der Technik-Geschäftsführer, der die Verantwortung für die Aktivkohle-Verbrennung übernommen hatte, musste das Unternehmen verlassen, und auch sein für die Finanzen zuständiger Kollege scheidet nach Ablauf seines Vertrags im nächsten Jahr aus. Der Aufsichtsrat beschäftigt sich inzwischen mit einer Neuausrichtung der AVA, bei der Kommunalpolitiker aus der Region mit den erwähnten Folgen Unternehmer spielen durften.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat unsere Zeitung für die Aufklärung mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis ausgezeichnet. Die Lokalredaktion mache öffentlich, was gern unter den Teppich gekehrt werde, hieß es bei der Preisverleihung im Hamburger Rathaus: "Sie befördert so die Selbstreinigungskraft, die die Demokratie starkmacht, die zu den herausragenden Vorteilen der offenen Gesellschaft gehört."
Wer die anonymen Informanten waren, die mich über Monate hinweg mit internen Unterlagen versorgten? Ich weiß es bis heute nicht. Drei Mitarbeiter wurden von der AVA-Spitze bei der Staatsanwaltschaft als "Maulwürfe" denunziert und warten noch immer darauf, dass die Gerichte ihre Unschuld feststellen.
Heute enthält mein grauer Briefkasten neben der Tageszeitung nur wieder die üblichen Rechnungen. Aber vielleicht gehe ich ja wieder einmal an einem nebligen Novembermorgen hinaus, und dann . . .(Thomas Goßner)
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