Freitag, 20. Oktober 2017

11. Mai 2017 20:06 Uhr

Interview

Eheverträge: "Lieber jetzt unromantisch als später arm"

Die frühere Familienministerin Renate Schmidt rät Frauen zu Eheverträgen und mehr Kampfgeist im Beruf. Sie will mehr Flexibilität für Eltern, die Zeit mit ihren Kindern verbringen.

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Die frühere Familienministerin Renate Schmidt rät Frauen zu Eheverträgen und mehr Kampfgeist im Beruf.
Foto: Franziska Koark, dpa (Symbolfoto)

„Ein Mann ist keine Altersversorgung“ heißt Ihr Buch, das Sie zusammen mit der Finanzexpertin Helma Sick geschrieben haben. Hat sich diese Erkenntnis wirklich noch nicht herumgesprochen?

Renate Schmidt: Offensichtlich nicht. Ansonsten würden doch nicht nach wie vor so viele insbesondere gut ausgebildete junge Frauen in dem Moment, in dem Kinder da sind, das althergebrachte Familienmodell wählen: Mann arbeitet, Frau bleibt zu Hause und macht maximal vielleicht noch einen kleinen Teilzeit- oder Minijob. Und das ist keine Altersversorgung, sondern kann grauenhaft schiefgehen.

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Aber an mangelnder Aufklärung über die Gefahren von Altersarmut bei Frauen kann es nicht liegen. Auch der Arbeitsmarkt läuft gut. Woran liegt es also, dass Frauen zurückstecken?

Schmidt: Ich glaube es liegt daran, dass Frauen nicht hartnäckig genug darauf bestehen, dass die Arbeit zu Hause, die Haus- und die Familienarbeit, zwischen den Partnern einigermaßen paritätisch geteilt wird. Wir sind keine Übermenschen. Kinder sind zwar eine große Freude. Kinder machen aber auch Arbeit. Also braucht man mehr Zeit für unbezahlte Tätigkeiten. Wenn diese vor allem von der Frau erledigt werden, fehlt ihr logischerweise die Zeit für die Berufstätigkeit. Ich kann nicht hundertprozentige Berufsfrau, hundertprozentige Mutter, hundertprozentige Hausfrau und hundertprozentige Partnerin sein, denn dann bin ich bald ein vierhundertprozentiges Wrack. Daher gehen viele Frauen den aus ihrer Sicht bequemsten Weg: Wenn das Einkommen des Mannes einigermaßen ausreicht, stecken sie beruflich zurück und arbeiten höchstens noch Teilzeit. Ein Weg, der auch noch lukrativ erscheint, da der Gesetzgeber mit dem Ehegattensplitting und den Minijobs dafür Anreize schafft und den Eindruck vermittelt, dass sich Erwerbsarbeit gar nicht lohnt.

Schmidt: "Man müsste die Minijobs stark begrenzen"

Das heißt, Sie würden Ehegattensplitting und Minijobs gerne abschaffen?

Schmidt: Abschaffen würde ich Minijobs nicht. Für Studenten beispielsweise oder für Rentner, die sich etwas dazuverdienen möchten, sind sie wichtig. Aber rund sieben Millionen Minijobber sind zu viele. Man müsste die Minijobs stark begrenzen. Zumal sie für viele Frauen die einzige Erwerbstätigkeit sind.

Und das Ehegattensplitting – was schlagen Sie hier vor?

Schmidt: Das Bundesverfassungsgericht hat das Ehegattensplitting zuletzt 1998 als nahezu sakrosankt eingestuft. Man könnte sich zumindest damit behelfen, es zu begrenzen: Es kann doch nicht sein, dass die Spitzenverdiener davon am meisten profitieren und die Geringverdiener so gut wie gar nichts haben. Man könnte aber auch endlich mal wieder versuchen, Ehen anders zu besteuern.

Arbeitsministerin Andrea Nahles pocht gerade auf ein Rückkehrrecht von Teilzeit zu Vollzeit. Doch viele fragen sich: Für was habe ich Kinder, wenn ich immer arbeite?

Schmidt: Das ist ein ernst zu nehmendes Argument. Und ich möchte auch Frauen und Familien nicht stromlinienförmig an die Bedürfnisse der Wirtschaft und an die Altersvorsorge anpassen. Natürlich brauchen Kinder Zeit mit ihren Eltern und Eltern wollen Zeit mit ihren Kindern verbringen. Die Betonung liegt aber auf Eltern. Wenn man sich die Arbeit teilt, haben Kinder und Eltern mehr davon. Doch solange Väter in der Regel maximal zwei Monate Elternzeit nehmen, bleibt die Hauptbetreuung bei den Frauen.

Schmidt: "Wir bräuchten längere Zeiten, die sich Eltern für ihre Kinder nehmen könnten"

Was schlagen Sie vor?

Schmidt: Nun, wir bräuchten längere Zeiten, die sich Väter und Mütter für ihre Kinder nehmen könnten. Etwa sechs Jahre insgesamt pro Kind. Diese Zeit sollte nicht am Stück genommen werden, sondern in Phasen aufgeteilt, in denen Kinder mehr Zeit benötigen. Und in diesen Zeiten müssten die Rentenversicherungsbeiträge weiter bezahlt werden. Ich plädiere also nicht dafür, dass man mit Kindern immer in Vollzeit und mit Überstunden arbeitet. Ich plädiere für mehr Flexibilität und ich weiß auch, dass das alles finanziert werden muss. Doch aus dem wegfallenden Ehegattensplitting könnte man eine Menge davon bezahlen.

Nun fürchten viele Frauen sicher auch Streit in der Partnerschaft, wenn Sie auf eine gerechtere Verteilung der Haus- und Familienarbeit pochen.

Schmidt: Darum sollte man solche Sachen auch am Anfang einer Liebe aushandeln und festschreiben und nicht nach zehn, fünfzehn Jahren, wenn ich merke: So habe ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Daher sprechen sich meine Co-Autorin und ich auch für einen Ehevertrag vor der Heirat aus. Allein das Gespräch darüber ist für die Partnerschaftshygiene wichtig. Denn es ist nun mal so, dass Frauen viel zu wenig darauf pochen, dass die Arbeit, die unbezahlt ist, gerecht verteilt wird. Doch nur so haben beide Zeit zur Arbeit.

Wer denkt am Anfang einer Liebe schon an Eheverträge? Das hört sich für viele sicher unromantisch an.

Schmidt: Natürlich. Daher ist der Lieblingssatz meiner Co-Autorin Helma Sick ja auch: Lieber jetzt unromantisch als später arm. Es muss ja nicht immer ein notariell beglaubigter Ehevertrag sein. Aber man sollte vor der Heirat diese Themen besprechen und schriftlich festhalten, damit man das Schreiben später herausholen und sagen kann: Das haben wir damals so ausgemacht! Denn ein bisschen mehr Vernunft wäre hier wichtig. Warum sollten eigentlich immer nur wir Frauen uns einschränken?

Sind Frauen zu gutmütig?

Schmidt: Vielleicht zu gutmütig. Vielleicht zu bequem. Vielleicht zu romantisch. Ich weiß es nicht. Ich bin es jedenfalls nicht.

Schmidt: "Die meisten Männer möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen"

Männer setzen sich offenbar oft besser in der Beziehung durch.

Schmidt: Die meisten Männer möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. In dieser Zeit auch noch die Hausarbeit zu erledigen, ist ihnen aber eher fremd. Die Professorin Uta Meier-Gräwe hat nicht umsonst einmal von der angeborenen männlichen Abscheu vor feuchtem Textil gesprochen: vor Windeln, Wischmopp und Wäsche.

Sie wiederum wissen bei dieser Thematik, wovon Sie sprechen. Sie haben eine Tochter und zwei Söhne. Ihr erster Mann starb mit nur 43 Jahren. Sind es Ihre eigenen Erfahrungen, die Sie antreiben, auch heute noch mit 73 Jahren bei diesem Thema dranzubleiben und die Frauen aufzurütteln?

Schmidt: Für mich ist so schlimm, dass die Frauen ihre Chancen vergeben. Ein wirklich ausgefülltes Leben ist meiner Meinung nach eines mit Kindern. Meine Kinder sind für mich immer das Wichtigste gewesen. Ich habe auch Besprechungen abgebrochen, wenn meine Kinder mich brauchten. Aber zu einem erfüllten Leben gehört auch dazu, das Erlernte zu erproben, also berufstätig zu sein. Am Ende meines Lebens, wenn ich mit meinen Urenkelinnen dasitze, werde ich nicht an geputzten Fenstern und gekochtem Essen gemessen. Entscheidend ist, was ich insgesamt erlebt habe. Da gehören die Erlebnisse mit meiner Familie ebenso dazu wie die Erlebnisse in meinem Beruf, die Anerkennung von Kollegen, aber auch die Niederlagen. Das macht ein buntes Leben. Und ich finde, Frauen vergeuden etwas, wenn sie einen Beruf erlernen und dann das Gelernte nicht anwenden.

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Ein Artikel von
Daniela Hungbaur

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt


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