Donnerstag, 29. Juni 2017

10. Januar 2017 07:48 Uhr

Balkan

Albanien - vom Massentourismus unberührt 

Albanien hat alles, was ein Urlaubsland braucht, auch wenn manches noch nicht ausgereift ist. Wer sich davon nicht beirren lässt, entdeckt idyllische Orte.

i

Der Blick über Albaniens Hauptstadt Tirana zeigt: Zurzeit wird gebaut, auch hohe und luxuriöse Hotels entstehen.

Dieses Land hat Strände, Burgen und eine bewegende Geschichte. Seine Bewohner sind offen, heißen jeden willkommen und tischen gern jede Menge Essen auf. Albanien bringt alles mit, was ein Urlaubsland braucht. Doch noch gibt es kaum touristische Infrastruktur, wie ausgeschilderte Wanderwege, aber auch keine horrenden Eintrittspreise zu den beeindruckenden Festungen, etwa. Das Land fängt nach Ende der Diktatur 1990 erst an, sein Potenzial auszuschöpfen und sich für westeuropäische Touristen zu öffnen. Zum Beispiel mit diesem – noch etwas unausgereiften – kleinen Reisebuch, dass die Nationale Tourismusagentur herausgegeben hat:

„Tirana, die Hauptstadt Albaniens, wie jede europäische Metropole, bietet ihre Energie und Vitalität. Junge und dynamische Bevölkerung, sowie die Gastfreundschaft, ist ein weiterer Eindruck für die Gäste, die zum ersten Mal die Stadt besuchen.“

ANZEIGE

Die erste Begegnung mit einem Land, das in touristischer Hinsicht vielen Deutschen unbekannt ist, beginnt im Flugzeug. Eine Albanerin stopft fünf Shoppingtüten – ihre großzügige Interpretation des Begriffs „Handgepäck“ – in die Box über ihrem Sitz. Anschließend stürzt sie sich in eine eher einseitige Konversation mit den Deutschen, die hinter ihr sitzen. Sie fliege oft nach Deutschland, shoppe dort gerne. Die etwa 40-jährige Frau trägt einen bunten Blazer und einige Ringe an ihren Fingern. Sie sei eine der Ersten gewesen, die nach Ende der Diktatur nach Deutschland kamen. Sie wollte immer Übersetzerin sein, erzählt sie weiter. Bis die Stewardess sie freundlich dazu auffordert, sich endlich umzudrehen und anzuschnallen.

Beim Restaurantbesuch in der Hauptstadt Tirana sollte sich der erste Eindruck bestätigen: Albaner machen keine halben Sachen. Sie haben nicht nur ein Tasche Handgepäck, erzählen einem nicht nur eine Geschichte und stellen nicht nur ein paar Teller auf den Tisch. Sie servieren solange Platten voll mit gegrillten Zucchini und Paprika, Reisbällchen und Salaten bis jeder Quadratzentimeter der Tafel bedeckt ist.

Abgesehen von traditionellen Speisen mit interessantem Minz-Geschmack hat man in Tirana zunächst nicht den Eindruck, sich in einer traditionellen Balkanstadt zu befinden. Es gibt weder eine Altstadt noch typische Touristenstrecken. Wer sich auf diesen Ort und die Geschichte seiner rund 625000 Einwohner einlassen möchte, schlendert am besten durch das Zentrum vorbei an den Überbleibseln der Diktatur.Markant ist vor allem eine riesige Pyramide aus Marmor und Glas. Sie wurde 1988 als Museum gebaut, in dem die Geschichte des langjährigen Staatsführers Enver Hoxha erzählt wurde. Inzwischen steht der Koloss mitten in der Stadt leer, das Parlament beschloss 2010, ihn abzureißen, Gegner wollten das verhindern. Es gab immer wieder neue Konzepte. Doch bis heute ist kein Bagger angerollt. Niemand weiß so genau, was aus diesem Bauwerk werden soll.

Eine andere Facette der Stadt zeigt die historisch bedeutende Ethem Bey Moschee. Sie ist einer der wenigen Orte in Tirana, an denen sich Touristen ansammeln, darunter auch Radler aus Deutschland und den Niederlanden. Sie sind begeistert von der detailverliebten Gestaltung der Moschee, die um 1800 erbaut wurde. Im Innern ist das Gotteshaus über und über mit verschnörkelten Wandgemälden ausgeschmückt. Vor allem die naturalistischen Fresken von Wasserfällen und Brücken, sind selten in der islamischen Kunst. Die betenden Muslime lassen sich von ausländischen Besuchern nicht stören. Während des Kommunismus war die Moschee geschlossen. Seit 1991 ist sie für Gläubige wieder zugänglich – und auch Touristen können einfach hineinspazieren, ohne Eintritt zu bezahlen.

Über die Hälfte der Albaner sind Muslime. Die Tiraner Touristenführerin Almira wird nicht müde zu betonen, dass das Zusammenleben mit anderen Religionen in Albanien sehr harmonisch sei. Die Moschee steht nahe am zentralen Platz der Hauptstadt. Von dort starten viele Busse, mehrspurige Fahrbahnen führen um den Platz und Fußgänger versuchen eilig, auf die andere Seite zu gelangen. Viele von ihnen nehmen sich dennoch einen kurzen Moment, grüßen einander oder lassen sich auf ein paar Worte mit den Menschen ein, die vor der Moschee Kugelschreiber verkaufen wollen.

„Euere Erforschung für Tirana können Sie durch den Besuch von Museen oder Highlights beginnen, von denen die meisten auf dem zentralen Platz, namens „Skanderberg“ sich befinden.“

Der noch unausgereifte Reiseführer ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Albanien erst vor Kurzem begonnen hat, sich um Touristen aus aus Deutschland zu bemühen. In den vergangenen paar Jahren sind viele Hotels gebaut worden. Manche davon haben luxuriöse Fassaden, sind gold verziert, oder in ihren Eingangshallen glänzen edle schwarze Marmorböden. Von vielen gescheiterten Plänen erzählen die Bauruinen am Straßenrand, die nie fertig gestellt worden sind. Während des wirtschaftlichen Aufschwungs, den die Öffnung des Landes nach der Diktatur brachte, haben sich manche überschätzt, nicht nur Albaner selbst, auch Investoren zum Beispiel aus Italien haben in Hotels an der Küste ihr Geld gesteckt.

Auch an den Stränden wird gebaut. Der Sand wird an Teilen der Küste nicht von Handtüchern und Sonnenschirmen verdeckt, sondern von Baggern und Bauschutt. An der Küste um Vlora zum Beispiel, einer Stadt im Süden, entsteht derzeit ein Hotel nach dem anderen. In Städten wie Saranda wiederum sieht die Strandpromenade so aus, wie man sie aus Italien kennt: Marktstände, Eisbuden, Liegen. Wer wissen will, wo genau Saranda liegt, kann wieder den Reiseführer zur Hand nehmen, darin heißt es:

"Saranda ist ganz im Süden des Landes und erfreut sich einer sehr günstigen Position, wobei gegenüber der griechischen Insel Korfu positioniert ist.“

Doch die albanische Küste – die hat etwas, wonach manche Korfu-Touristen erst suchen müssen: Einsame entspannte Strände am Ionischen Meer, an denen vielleicht ein kleines Restaurant mit Terrasse und ein paar kleinen Zimmern steht. Wo sich keine einheitlichen Sonnenschirm-Scharen aneinanderquetschen, sondern ein paar Handtücher zwischen Felsen und Sand liegen. An diesen Strandabschnitten ist auch noch genug Platz, um Badminton zu spielen.

Im Landesinneren etwas höher gelegen haben ein paar Jungs auch einen besonderen Platz für ihr kleines sportliches Turnier gefunden. Sie kicken auf der Festung der über 2400 Jahre alten osmanischen Stadt Berat. Keine Touristenscharen unterbrechen ihr Spiel. Vereinzelt schlendern Besucher vorbei und ein altes Pärchen, das sich an den Händen hält, geht gemeinsam den steinigen Weg entlang, tiefer ins Festungsgelände hinein. Zwischen den Mauern aus weißen groben Steinen sind noch immer einige der kleinen Häuser bewohnt. Es ist ein stiller Ort. Nur das Museum über den berühmten Ikonen-Maler Onufri ist auf Besucher ausgerichtet. Es hat Toiletten und ist mit moderner LED-Beleuchtung ausgestattet. Sie bestrahlen die goldleuchtenden Heiligenscheine der Ikonen, die der bedeutendste Ikonenmaler Südosteuropas im 16. Jahrhundert in seinem eigenen Stil – dem „Onufri-Rot“ – umsetzte. Doch abgesehen davon unterbricht kein Souvenirstand das Bild der geschichtsträchtigen Idylle. Der Sonnenuntergang wirft rotes Licht auf die Mauern der Festung während die Jungs sich über einen Torschuss freuen.

„Nach dem Überqueren der Qafa e Muzines werden Sie an der Nationalstrasse Kakavija-Gjirokastra abgezogen.“

Diese Wegbeschreibung mag etwas ungeschickt formuliert sein, doch sie führt Besucher in eine besondere Stadt in den Bergen Albaniens: Gjirokastra zählt seit 2005 zum Unesco-Welterbe. Die Altstadt sieht nicht aus wie jede andere, sie besteht aus Steinen: vom Straßenbelag bis hin zu den Dachplatten, die einst allesamt aufwendig per Hand hergestellt wurden. Ein 78-jähriger Steinmetz erzählt, wie stolz er auf diese Tradition ist. Während der Diktatur habe er sein Handwerk nicht ausüben dürften. Er musste in einer Fabrik für Konservendosen arbeiten. Nun hat er wieder einen kleinen Laden in der Altstadt, in dem Touristen Steinfiguren kaufen können. Die Stadt konzentriere sich wieder auf das, was sie ausmacht. Bürgermeisterin Zamira Rami erzählt, man habe in einer ersten Phase rund 90 dieser Häuser und Dachsteinplatte für Dachsteinplatte saniert. In den nächsten Monaten sollen für rund eine Millionen Dollar weitere Blocks restauriert werden. Damit investiert die Stadt indirekt in den Tourismus. Viele Menschen kommen her, um die Altstadt mit ihren Dächern zu sehen. Über 500000 waren es vergangenes Jahr, so die Bürgermeisterin. „Tourismus ist in Sachen Einnahmen das A und O. Es ist der einzige Wirtschaftssektor, in dem viel Wachstum möglich ist“, sagt sie.

i

Ein Artikel von
Katrin Fischer

Donau Zeitung
Ressort: Lokalnachrichten

Finanzrechner

Alle Infos zum Messenger-Dienst