Freitag, 20. Oktober 2017

17. Februar 2017 08:31 Uhr

Neuseeland

Kein Platz im Paradies? Neuseeland-Boom sorgt für Ärger

Neuseeland ist für viele ein Traumziel. Doch während die Touristikbranche feiert, klagen viele Einheimische über wilde Camper und überfüllte Wanderwege.

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Neuseelands Tourismusindustrie boomt wie nie zuvor. Das Land auf der anderen Seite der Erdkugel lockt mit goldenen Stränden, eisblauen Gletschern, blubbernden Vulkanen und klaren Gebirgsseen. Die Natur scheint unberührt, das Klima ist gemäßigt, und die Einwohner sind freundlich. Kurzum: ein Traumziel.

Im vergangenen Jahr stieg die Anzahl der internationalen Urlauber in dem Inselland im Pazifischen Ozean um zwölf Prozent auf 3,5 Millionen. Mit fast 100 000 Gästen stellt Deutschland die sechstgrößte Besuchergruppe, nach Touristen aus Australien, China, den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan. Und das, obwohl die Anreise nicht unter 27 Flugstunden zu machen ist.

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Der Erfolg hat aber auch Schattenseiten: Wandervereine klagen über überfüllte Wanderwege und Berghütten. Anwohner sind es leid, dass Touristen Wiesen und Wälder als Toiletten missbrauchen. Und die Behörden in den Urlaubergebieten wollen wissen, wer für die Mehrausgaben beim Ausbau der Infrastruktur aufkommt.

Neuseeländer klagen über zu viele Gäste

In einer Umfrage klagte fast jeder fünfte Neuseeländer darüber, dass sein Land zu viele Gäste anzieht. Die am häufigsten genannten Probleme: stockender Verkehr und Unfälle, die häufig von Urlaubern verursacht werden. Denn diese sind das Fahren auf der linken Straßenseite nicht gewohnt. Außerdem moniert wurden die generelle Überfüllung, das Fehlen von Infrastruktur und Umweltschäden.

Viele Touristen kommen zum Wandern nach Neuseeland. Insbesondere die neun von der Naturschutzbehörde betriebenen Wandertouren namens Great Walks erfreuen sich großer Beliebtheit. Fast 120 000 Menschen sind in der Saison 2015/16 durch dichten Regenwald, entlang von Stränden und durch alpines Terrain gewandert. Sechzig Prozent kamen aus dem Ausland, jeder Zehnte davon aus Deutschland.

Bislang ist kein Ende des Booms in Sicht. Bis 2022 soll die Zahl ausländischer Gäste die 4,5 Millionen-Marke erreichen - ebenso viele Menschen, wie das Land Einwohner hat. Neuseeländer sind es gewöhnt, Platz zu haben: In dem Land, das etwa drei Viertel so groß wie Deutschland ist, leben neben den 4,5 Millionen Menschen vor allem noch 28 Millionen Schafe. Der Besucherstrom macht sich bemerkbar.

«Die Auswirkungen auf die Infrastruktur sind offensichtlich: Straßen, Parkplätze, Campingplätze und beliebte Naturschutzgebiete ächzen unter der schieren Masse von Besuchern», schreibt der Dachverband der rund 80 neuseeländischen Wandervereine, der Federated Mountain Club (FMC). Sogenannte Freedom Camper, die mit ihrem Wohnmobil in Naturschutzgebieten statt auf dem Campingplatz übernachten, sorgen zunehmend für Unmut. Kaum eine Woche vergeht, in dem die örtlichen Zeitungen nicht über Fälle berichten, in denen Müll hinterlassen und die Natur als Toilette missbraucht wird.

Jamarl Thomson aus Blenheim auf der Südinsel verteidigt das wilde Campen trotzdem. «Freedom Camper sind die Sündenböcke für ein paar wenige, die sich daneben benehmen», meint er. «Es ist legal und eine tolle Kiwi-Tradition.» Mit Kiwis meinen die Neuseeländer nicht etwa die Frucht oder die Vögel, sondern sich selbst.

Hütten sind oft Monate im Voraus ausgebucht

Wenn sich jedoch bis zu 50 Urlauber um eine einzige Toilette scharen, bleibt Ärger nicht aus. Die Wandererin Karen Fisher aus Wellington hat sich in den Weihnachtsferien die Wege des besonders bei Deutschen beliebten Abel-Tasman-Nationalparks mit zahlreichen Touristen geteilt. «Wegen der leichten Erreichbarkeit mit Booten und der zahlreichen Tagestouren waren die Wanderwege tagsüber sehr voll.»

Hütten sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Selbst ein Platz auf einem der Campingplätze entlang des 60 Kilometer langen Küstenwegs auf der Südinsel ist schwer zu finden. «Was früher ein beliebtes Familienreiseziel für Kiwis war, ist heute von Touristen überrannt», klagt Fisher.

Viele Neuseeländer fragen sich, warum die Kosten für Müllbeseitigung und Reinigung der Campingplätze zumeist von ihren Steuern gezahlt werden soll. Nach einem Bericht der Unternehmensberatung McKinsey deckt die neuseeländische Naturschutzbehörde nur etwa 5 Prozent der Ausgaben durch Gebühren. Zum Vergleich: Nationalparks in Australien, den USA oder Kanada können etwa 20 Prozent ihrer Kosten durch Besucherabgaben kompensieren.

McKinsey schlägt vor, eine «Wandermaut» oder Naturschutzsteuer für Touristen zu erheben. Parkplätze in Nationalparks könnten kostenpflichtig gemacht oder die Wanderwege gar privatisiert werden. «Die Naturschutzbehörde untersucht derzeit gemeinsam mit der Tourismusindustrie und anderen Beteiligten diese Optionen», bestätigt Tourismusministerin Paula Bennett. «Wir haben noch keine Entscheidungen getroffen. Aber wir erwägen unterschiedliche Gebühren für einheimische und internationale Gäste.»

Wandervereinspräsident Peter Wilson ist gegen eine Maut: «Der freie Zugang zu öffentlichem Land ist ein wichtiger Bestandteil sowohl unserer Gesetzgebung, als auch unserer Kultur.» Stattdessen fordert er mehr Geld für die Naturschutzbehörde. «Um sicherzustellen, dass Kiwis und Touristen eine gute Zeit haben. Und noch wichtiger: damit unsere Natur geschützt wird.» Von Jule Scherer, dpa

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