Dienstag, 24. Oktober 2017

27. Juli 2017 09:59 Uhr

Tourentipp

Radeln an der Isar: Und plötzlich dieser Nacktradler

Eine Radtour entlang der Isar von der Quelle bei Scharnitz bis zur Mündung bei Deggendorf - das sind 299 Kilometer Raderlebnis. Was man dort so alles erlebt. Von Ralf Lienert

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Langsam keuchen wir die Straße von Scharnitz hinauf, Umdrehung für Umdrehung bringen wir unsere Räder immer höher ins Hinterautal. Bäume spenden Schatten bei hochsommerlichen 30 Grad. Dann öffnet sich der Blick auf das gewaltige Bergmassiv des Karwendel, und drunten im Tal fließt die noch junge türkisblaue Isar. Vorbei an Almwiesen mit grasenden Kühen geht es durch den autofreien Naturpark Karwendel auf der Suche nach dem Isarursprung.

Tatsächlich entdecken meine Frau und ich die Hauptquellen der Isar zwischen Moos und Felsen. Inmitten von alten Ahornbäumen fließen die Bächlein. Ganz klar und rein. Dieser Ort ist so schön, hier könnte man ins Philosophieren kommen. Über Dinge wie die Ursprünglichkeit unseres Lebens, unserer Natur. Wir füllen direkt an der Quelle unsere Wasserflasche mit reinstem Gebirgswasser – der ideale Durstlöscher und der Begrüßungsschluck für die kommende Radtour entlang der Isar: 299 Kilometer Raderlebnis pur.

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Für den Rückweg nach Scharnitz brauchen wir deutlich weniger Zeit und können mit den zahllosen Radlern mit Elektroantrieb locker mithalten. Durch das Naturschutzgebiet „Riedboden“ rollen wir nach Mittenwald mit seinem historischen Ortskern und dem Geigenbaumuseum. Schnell merken wir, dass der Isarradweg für alle Radlertypen interessant ist. Wir werden von sportlichen Kilometerfressern überholt, treffen Familien und unterhalten uns mit Ruhesuchenden, die einfach nur entschleunigen wollen – auf dem Rad oder auch zu Fuß. Wir haben ganz normale Straßenräder und das Gepäck ist in einem Anhänger verstaut. Viel brauchen wir nicht: Badesachen, Regencape, Kleidung für den Abendbummel, Waschbeutel, Erst-Hilfe-Set und Flickzeug.

Die Isar zeigt viele verschiedene Gesichter

Auf unserer Tour entlang der Isar von der Quelle bis zur Mündung bei Deggendorf erleben wir drei wesentliche Abschnitte: Oberbayern mit seinen mächtigen Bergen und der Postkartenidylle, München mit seinem pulsierenden Leben und Radlern, die nur auf sich schauen. Und Niederbayern, wo die Menschen noch Zeit für ein Grüß Gott und ein Lächeln haben.

Die Isar zeigt viele verschiedene Gesichter. Von der Alpenwelt Karwendel radeln wir nach Krün, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama beim G7-Gipfel mit Weizenbier anstießen. Über Wallgau geht es zum eiskalten Bad im Sylvensteinspeichersee und zum „Internationalen Flößerdorf“ Lenggries. Hier sollte man etwas Profil auf den Reifen haben, geht es doch ganz schön über Stock und Stein und so manche Steigung hinauf. Übernachtungen sind problemlos zu finden, lassen sich meist am gleichen Tag noch buchen. Wir legen immer ein Tagesziel fest und buchen morgens über das Internet oder per Telefon. An den Radwegen vor und hinter München gibt es viele idyllische Biergärten und auf dem Isar-Kanal tummeln sich lautstark Gruppen bei Floßfahrten. Oberbayern pur mit Live-Musik und reichlich Bier. Durch den Grünwalder Forst führt uns der Weg vorbei an vielen Kiesbänken. So stellt man sich den Münchner Süden vor: tief gebräunte Sonnenanbeter mit und ohne Textilien.

Unser Ziel ist der Englische Garten

Unser Ziel ist an diesem dritten Tag der Englische Garten mit dem Chinesischen Turm. Dort holen wir uns zwei große Brezen und zwei Maß Bier. Das haut dann auch kräftig rein, und wir trauen uns kaum an den Fahrradpolizisten vorbei, die über den Trubel im Park wachen.

Was für ein Unterschied am nächsten Tag. Auf der vierte Etappe hinter München wird es dann so richtig ruhig. Es sind nur mehr wenige Radler unterwegs, monoton spulen wir unsere Kilometer auf den Kieswegen herunter. Doch was ist das, da überholt uns ein Radler mit seinem Elektrobike und was hat er an: Nur Schuhe und einen Sonnenhut – ein Nacktradler. Ja, wo gibt es denn so was! Leider haben wir davon kein Foto, die Überraschung war einfach zu groß. Durch einen dichten Auwald zieht es uns nach Freising. Eine stolze Stadt mit sanierter Innenstadt, Biergärten und dem Domberg mit Mariendom. Dagegen wirkt Moosburg so gut wie ausgestorben, und wir eilen mit unseren Fahrrädern weiter durch das acht Kilometer lange Naturschutzgebiet „Vogelfreistätte Mittlere Isarstauseen“. Wir beobachten einige Gänsesäger und blicken auf Hinweistafeln, die Fledermäuse, Flussregenpfeifer und Eisvögel beschreiben, die allesamt hier leben sollen. Landshut ist das nächste Etappenziel. Der Kirchturm der Basilika St. Martin ist der höchste Backsteinturm der Welt. Die Burg Trausnitz heißt uns willkommen, und wir übernachten direkt an der Isar. Über Niederaichbach führt die Strecke auf einem neuen Asphaltbelag. Da hatte der Landkreis Dingolfing-Landau die Spendierhosen an.

Die Radtour endet an der Isar-Mündung

Über Mamming geht es nach Usterling mit den „Wachsenden Felsen“. Das ist eine 5000 Jahre alte Steinrinne, die auf eine Höhe von fünf Metern und eine Länge von 40 Meter angewachsen ist und zu Deutschlands bedeutendsten Geotopen zählt. Jetzt geht es flach dahin, die Isar ist breit und langsam. Atomkraftwerke pflastern die Uferseite Richtung Landau. Die Radtour endet im Isarmündungsgebiet hinter Plattlin an der Donaufähre von Thundorf nach Niederalteich bei Deggendorf. Das ist dann auch der Anschluss zum Donauradweg. Dort reißt mir dann auch noch die Kette, und es gibt keinen Radladen in Plattling. Macht nichts, wir steigen ohnehin in die Bahn, die uns zurück ins Allgäu bringt.

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