Montag, 11. Dezember 2017

05. Dezember 2017 08:26 Uhr

Reisereportage Bari

Von der Türkei nach Bari: Als der Nikolaus gekidnappt wurde

Der Mittelalter-Promi Nikolaus wird in der Adria-Stadt Bari an jeder Ecke verehrt. Dabei geht der Hype um den Heiligen auf eine Entführung vor 1000 Jahren zurück. Von Stephan Brünjes

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Der Heilige Nikolaus wird in Bari sehr verehrt - für uns erstaunlich: am 9. Mai und nicht wie bei uns am 6. Dezember.
Foto: mauritius

An der Bushaltestelle am Corso Vittorio Emanuele II. wacht der Nikolaus übergroß hinter den Wartenden, zwei Finger gespreizt zum Victory-Zeichen. Oder doch den Segen spendend? Seine Heiligenbildchen prangen blumenumkränzt über Torbögen in der Altstadt. Als Pixel-Puzzle ist der Nikolaus in einem plakatgroßen Mosaik an der Via Filippo Corridoni verewigt, und, ja, die bei uns in der Vorweihnachtszeit beliebten Klettermaxe-Nikoläuse klammern sich auch in Bari an die von Fassaden herunterbaumelnden Lichterketten-Lianen. Es ist wie beim Hase-und-Igel-Spiel in der fast schachbrettartig angelegten Altstadt der süditalienischen 300.000-Einwohner-Metropole: Wo immer man in den engen Gassen um die Ecke biegt – der Nikolaus ist schon da, in stets neuen Verkleidungen und Kopien.

Aber wo wohnt nun das Original? Sein Heim, eine romanische Basilika am Rande der Altstadt, ist etwas schmucklos, denn sie musste ja fix errichtet werden, damals im Frühjahr 1087, weil Nikolaus so überraschend nach Bari kam. Genauer gesagt das, was von ihm übrig war –seine Gebeine.

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Bari wollte auch eine Touristenattraktion

Per Schiff liefen sie in den Hafen ein, tollkühn entführt aus der heutigen Türkei, nahe dem Badeort Antalya. 62 Kaufleute und Matrosen aus Bari waren dorthin aufgebrochen, weil man in der italienischen Adria-Stadt schon damals befürchtete – nun ja –, touristisch ins Hintertreffen zu geraten: Venedig lockte zahlungskräftige Pilger mit seinem heiligen Markus, Salerno mit dem Apostel Matthäus und Genua mit den Gebeinen Johannes, des Täufers. Um ebenfalls reichlich gläubige Übernachtungsgäste anzuziehen, brauchte Bari dringend auch so einen Stadtheiligen, hatte aber –wie die meisten anderen auch – keinen hervorgebracht. Also musste er eben gekidnappt werden – übliche Praxis damals. In Myra angekommen, tarnte sich die Schiffsbesatzung aus Bari als demütige Pilgergruppe, ließ sich das Grab des Bischofs Nikolaus zeigen und hebelte es auf. Zwei Männer verbargen die Gebeine unterm Gewand, zogen mit der ganzen Gruppe unter religiösem Murmelgesang zügig runter zum Schiff und waren schon auf offener See, als die düpierten Einwohner Myras wütend am Strand eintrafen. In Bari wurden Nikolaus’ sterbliche Überreste in der Krypta der Basilika gleich gut weggeschlossen, sie ruhen bis heute in einer Art betoniertem Castor-Behälter mit schmiedeeisernem Kamingitter. Könnte ja sein, dass die Beraubten sich ihre Gebeine zurückholen wollen. Genau dazu hat die türkische Nikolaus-Stiftung aufgerufen – zuletzt 2003.

Nikolaus ist Beschützer der Apotheker

Niemals darf das passieren, sagen sie in Bari. Dank Nikolaus ist die Stadt unkündbares Abo-Mitglied in der Champions League der Pilgerorte. Denn wer hat schon so einen Universalheiligen mit beispiellos weißer Weste und weltumspannender Beliebtheit? Nikolaus ist Beschützer der Apotheker und Schüler, Fischer und Schiffer, der Diebe, Schnapsbrenner, Parfümhändler, Kerzenzieher und Getreidehändler. Um nur einige zu nennen. Als russischer Nationalheiliger kommt er in der Ostkirche gleich nach dem lieben Gott: „Sollte der mal sterben, machen wir Nikolaus zum Nachfolger“, sagt ein altes slawisches Sprichwort. Schon vor seinem Tode im 4. Jahrhundert nach Christus galt Nikolaus, der Bischof von Myra, als gütiger, mildtätiger Kirchenfürst. Er rettete angeblich Schiffsbesatzungen aus Seenot als er Wellen glättete und bewahrte drei arme Frauen vorm Abrutschen in die Prostitution, indem er – so erzählt man sich – nachts Goldklumpen in ihre Wohnung warf.

Darum hält er bis heute drei Kugeln in der Hand, auch auf jedem Bild in Bari, ob in verwitterten Stein gehauen oder in Hauseingängen auf vergilbten Ikonen, deren ewiges Licht von schummrigen Energiesparbirnen gespendet wird. Das passt zum Vintage-Charme dieser Stadt: Poröse Fassaden in allen Pastellfarben, die ein Tuschkasten hergibt. Herunterhängende Stromleitungen, verwitterte Fensterläden und dann wieder in wohlig warmem Beige leuchtende Gassen mit grünen und blauen Türen. Mittendrin Frauen in Blümchen-Kittelschürzen, die auf Holzstühlen ein Schwätzchen halten.

Baris Altstadt ist ein authentisches Wohnviertel

Der Soundtrack dazu schallt aus den Fenstern im zweiten Stock: Eros Ramazotti schmachtet und eine Mamma faltet lautstark und heiser ihre Kinder zusammen. Der Blick nach oben kann den Ort des Geschehens nicht genau ausmachen und bleibt in einem über der Gasse ausgebreiteten Himmel von trocknenden Hemden, Unterhosen und Handtüchern hängen. So lange, bis in der Gasse eine Vespa heranknattert – mit Kopf-Gepäckträger: Der Mann auf dem Sozius transportiert – mit beiden Händen in die Luft gestemmt – einen Tisch.

Baris Altstadt ist authentisches Wohnviertel geblieben – Italia ohne Bella. Immerhin, die Touri-Zone ist begrenzt auf die Straßen rund um die Basilika. Hier muss San Nicolo für alles herhalten: Als Name an Cafés, Boutiquen und Fischläden, am Nippes-Stand ist Niko der Monopolist auf Tellern, Tassen und Wimpeln. Vor gut zehn Jahren wurden Touristen noch von der Polizei eskortiert, nicht nur, weil man Nana Mouskouri in Bari angeblich mal ihre Handtasche stibitzt hatte. Etwas versteckt erinnert auch noch das Denkmal für den 2001 erschossenen 16-jährigen Michele Fazio an kriminelle Zeiten.

Aus Bari stammen die Orechiette

Heute kommen Besucher gefahr- und zwanglos ins Gespräch mit den vielen Obst- und Gemüsehändlern oder mit Porzia Petroni. Strahlend steht sie vor ihrem Haus in der Jesuitengasse Nr. 8. Ihr Arbeitswerkzeug: der erhobene Zeigefinger. Sie arbeitet weder als Lehrerin noch Stadtführerin, sondern als Nudelfabrikantin. Wie viele Frauen formt sie mit der Fingerkuppe Orechiette, die Öhrchen-Nudeln, und erklärt vorbeischlendernden Besuchern gerne, wie diese Spezialität aus Bari entsteht. Hat Porzia ihre Arbeit erledigt und den Hartweizengrieß-Teig in Pasta-Ohren verwandelt, liegen diese auf Gittern stundenlang vor der Tür zum Trocknen. Die Farbe der Öhrchen-Nudeln gleicht der des Nikolaus-Gewandes in der Basilika: In goldgelbem Mantel steht dort eine meterhohe Statue. Sie hat einmal im Jahr ihren großen Tag.

Nein, nicht am 6. Dezember – da wird nur ein bisschen gefeiert, sondern am 9. Mai, dem Jahrestag des Heiligen-Kidnappings also. Frühmorgens wird die Nikolaus-Statue aus der Basilika durch die Stadt getragen, mit goldenem Heiligenschein und Rauschebart. Die Straßen, dekoriert mit quietschbunter Rummelplatzbeleuchtung, sind gesäumt mit mehr als 20.000 Schaulustigen. Alte und Kranke erhoffen sich Segnung und Erlösung in dieser Prozession, spätestens beim alljährlichen Highlight: Kirchenmänner öffnen die Tür von Nikolaus’ Krypta, einer kriecht hinein und zapft das Myron ab, ein Wässerchen, das angeblich regelmäßig aus den Gebeinen entweicht. Wohl eher Kondenswasser, soll es angeblich heilende Wirkung haben, auch in verdünnter Form. Denn bevor das Myron in Fläschchen zu kaufen ist, wird es noch ein wenig gestreckt. Damit man mehr davon hat, vor allem beim Profit. Sie sind eben immer noch mit allen heiligen Wassern gewaschen, die Menschen hier in Bari.

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