Dienstag, 24. Oktober 2017

02. August 2017 17:15 Uhr

Bieszczady-Nationalpark

Wandern in Polen: Wo die wilden Tiere wohnen

Wo liegt nur die Bieszczady? Es ist eine der letzten großen Naturlandschaften Europa an der Grenze zur Ukraine. Wandern und genießen in einer der letzten Naturlandschaften Europas. Von Lilo Solcher

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Die Bieszczady ist Heimat von Biber, Bär, Luchs, Wolf und Wisent. 
Foto: Lilo Solcher

Das Wandern ist der Deutschen Lust? Von wegen! In diesem Sommer scheint ganz Polen auf Wanderschaft zu sein, und zwar hier, ganz im Osten, an der ukrainischen Grenze. Die Ostbeskiden (Bieszczady), seit 1973 Nationalpark, mit dem 1346 Meter hohen Tarnica als höchstem Berg gelten als Paradies für Tiere: 200 Braunbären, 500 Wölfe, 300 Luchse, 300 Wisente – Wanderführer Leszek Tomaszkiewicz – grauhaarig und drahtig – rasselt die Zahlen herunter. Nur um dann gleich abzuwiegeln: Wir bräuchten uns keine Hoffnung machen, einen Braunbären oder gar einen Wolf zu sehen. "Die Tiere halten sich fern." Auch die Biber, die in den 1960ern über ein Forschungsprojekt in die Bieszczady kamen und sich mittlerweile so vermehrt haben, dass sie zur Plage wurden.

 

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Nationalpark: Hügel über Hügel menschenleer

Wundern muss sich niemand darüber, dass die Tiere unsichtbar bleiben. Ganze Karawanen von Menschen ziehen durch die Wälder – vom Kleinkind bis zur Oma. Die Nationalpark-Verwaltung kanalisiert die Wanderströme. Und wir sind mittendrin im wohl meistbegangenen Trampelpfad auf den Tarnica. Er führt bergan durch von Sonnenstrahlen schraffierte Mischwälder und Wiesen, in denen üppig der blaue Enzian blüht.

Vom ersten Buckel aber hat man einen prächtigen Überblick über eine Landschaft, die weitgehend der Natur gehört. Hügel über Hügel bis zur ukrainischen Grenze, menschenleer. Genug Platz für all die Tiere, die wir nicht sehen.

Diese Gegend Polens hat eine traurige Geschichte

Dass das so ist, hängt mit der Geschichte dieser Region zusammen, deren Grenzen in den Kriegen immer wieder verschoben wurden – und mit der Aktion "Weichsel", wie Leszek erzählt, während wir über einen Bohlenweg zu einer umlagerten Wanderhütte aufsteigen. Bis zu 100000 Menschen mit ukrainischen Wurzeln wurden nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Region vertrieben, über 50 Dörfer wurden ausgesiedelt.

"Noch 1947 brannten hier Häuser, wurden Menschen getötet", sagt der 63-jährige Wanderführer, der auch in der Tourismusorganisation ein Wörtchen mitzureden hat. Die ukrainische Aufstandsarmee kämpfte damals für eine freie Ukraine – und nach der Ermordung eines polnischen Generals begann die Aussiedlung aller Ukrainer. "Heute existieren ihre Dörfer nur mehr als Namen auf der Landkarte." Es ist ein dunkles Kapitel in der polnisch-ukrainischen Geschichte.

Doch auch in der jüngeren Vergangenheit ereignen sich hier im unwegsamen Gelände immer wieder Dramen. Wie das der Tschetschenin, die vor zehn Jahren mit ihren vier Kindern (drei Töchter und ein Sohn) über den Nationalpark nach Polen fliehen wollte und von Menschenschmugglern einfach auf einem Berg ausgesetzt wurde. Tagelang irrte die Frau orientierungslos durch das Gelände, die drei Töchter starben. Mutter und Sohn überlebten nur knapp und wurden im Krankenhaus wieder aufgepäppelt. Jahre später kehrte die Tschetschenin wieder in ihre Heimat zurück. Leszek schüttelt den Kopf und schaut hinüber zur Ukraine, mit der sich Polen mittlerweile arrangiert hat.

Wir sind auf einem der Vorgipfel angekommen, weit schweift der Blick über die Berge, die sich bis zum Horizont stapeln. Der Weg zieht sich, noch drei Vorgipfel liegen vor dem Tarnica. Bis wir ihn erreicht haben, müssen wir viele Treppen steigen und über einige Felsen klettern.

Wir freuen uns auf gigantische Blaubeer-Pfannkuchen

Unter dem Gipfelkreuz sieht es aus wie in einer Karawanserei. Überall lagern die Wanderer, die einen machen Picknick, die anderen Selfies mit Aussicht. Doch am Himmel braut sich etwas zusammen – und wir haben noch einen langen Abstieg vor uns. Fürs obligatorische Gipfelbild reicht die Zeit gerade noch.

Drunten im Tal freuen wir uns auf die gigantischen Blaubeer-Pfannkuchen im von Blumen umwucherten Restaurant Chata Wedrowca, das Ewa und Robert Zechowscy auf der grünen Wiese hingestellt haben. "Wir haben einfach gebaut, was uns gefällt, in der Hoffnung, dass es auch den Gästen gefällt", erzählt Ewa, die vorher mit ihrem Mann eine Jugendherberge in Krakau geführt hat. Wichtig war dem unternehmungslustigen Ehepaar, dass sein Restaurant von der Straße aus zu sehen ist, damit auch wirklich Gäste kommen. Inzwischen ist das nicht mehr ganz so wichtig. Denn das Chata Wedrowca mit seiner kleinen feinen Speisekarte ist bekannt, so bekannt, dass man kaum mehr einen Platz bekommt. Im Gault Millau gehört Ewas und Roberts Hexenhäuschen, das nur sechs Monate geöffnet ist, zu den besten Restaurants in ganz Polen. Im kleinen Laden verkauft Ewa auch regionale Produkte. Spezialbiere aus kleinen Brauereien, Honig, Blaubeermarmelade.

Alte Holzhäuser gibt es nur noch wenige

Blaubeeren wachsen in dieser Gegend überall am Wegrand – und Pilze. Hin und wieder verkaufen Frauen Selbstgesammeltes am Straßenrand. Fast ein kleiner Markt hat sich am Wendepunkt der Waldbahn gebildet, die 1890 zu Zeiten des österreichischen Kaisers von italienischen Gastarbeitern für den Holztransport gebaut worden war. Damals, als Holz der wichtigste Baustoff für die Häuser war.

Von den schönen alten Holzhäusern stehen nur noch wenige. Die meisten wurden von gesichtslosen aber komfortablen Steinhäusern verdrängt. Die schönsten fanden im Freilichtmuseum von Sanok eine neue Heimat. Aber in der so typischen Landschaft aus Birkenwäldchen und Wiesen fehlen sie. Wenn die Schmalspurbahn, die heute statt Holz Touristen befördert, im Schneckentempo durch die grüne Natur dampft oder holpert, würde man sich – zumindest fürs Foto – ein paar der alten Häuser zurückwünschen. Leszek hat da andere Prioritäten. Die Menschen wollten es heute eben komfortabel, sagt er. Und in den alten Holzhäusern gab es weder fließend Wasser noch Elektroheizung, die Zimmer waren niedrig, die Fenster klein.

 

Die Waldbahn rattert durch die polnischen Karpaten  

Das Bähnlein hält in Balnica, einem Dorf, das bei der Operation Weichsel ausgesiedelt worden war. Nur ein Haus überstand die Aktion und wurde später von neuen Bewohnern in Besitz genommen. Die Fahrgäste, die beim Zwischenstopp aus den Waggons klettern, haben aber vor allem Augen für die kleinen Stände, an denen es verlockend nach Nahrhaftem duftet: Krakauer vom Grill – "Besser als bei uns", kommentiert ein Mann mit erkennbar sächsischem Akzent –, Schmalzbrot mit Salzgurke, Blaubeeren im Becher, selbst gebackene Kuchen. Ab fünf Zloty ist man dabei.

 

Auf der Rückfahrt legt sich das Bähnle so richtig ins Zeug, es qualmt, dass man vor lauter Dampfschwaden kaum noch etwas sieht, unter markerschütterndem Tuten rattert die Waldbahn zurück zum Ausgangsort Majdan. Scherzbolde haben am Rand einen Sensenmann aufgestellt. Doch so etwas kann die gute Laune der zumeist älteren Passagiere nicht trüben. Auch Deutsche sind dabei, sie sind mit dem Bus angereist, der Großteil sind Nostalgie-Touristen auf der Suche nach der Heimat ihrer Eltern oder Großeltern.

Dass Polen auch ein Weinland ist, überrascht selbst diese Touristen. Dabei gab es schon im 10. Jahrhundert Weinberge in Polen. Aber das Wissen um den Weinanbau ging während der Kriege und der Planwirtschaft verloren. Inzwischen freilich sind junge Winzer dabei, die alte Kultur wiederzubeleben. Etwa 1000 Hektar Weinberge gibt es derzeit im Land. Angepflanzt werden besonders widerstandsfähige Sorten, die auch im rauen polnischen Klima gedeihen wie Solaris, Hibernal oder Johanniter für Weißwein und Rondo oder Cabernet Cortis für Rotwein.

Aleksy Wojcik kennt sich aus mit diesen Sorten. Der Wirt des urigen Gasthauses Stare Siolo in Wetlina verdient viel Geld mit Weinverkostungen. In seinem Weinkeller, den er voller Stolz zeigt, lagern Weine aus aller Welt – natürlich auch solche aus Polen. Da passt es, dass immer mehr Touristen auch aus Deutschland in diese einst abgelegene Region kommen.

In der Gegend um den Solina-Stausee, den größten Stausee Polens, sieht es aus wie an einem österreichischen See: Hotels, Campingplätze, Ferienanlagen, Spielplätze, Discos, Imbissbuden. Wandern kann man hier auch, hügelauf und hügelab, und zwischendurch hinunterschauen auf den See, auf dem die Boote schaukeln und die Wolken baden. Nur wilde Tiere gibt es rund um die Touristenhochburg Solina schon lange nicht mehr.Das Wandern ist der Deutschen Lust? Von wegen! In diesem Sommer scheint ganz Polen auf Wanderschaft zu sein, und zwar hier, ganz im Osten, an der ukrainischen Grenze. Die Ostbeskiden (Bieszczady), seit 1973 Nationalpark, mit dem 1346 Meter hohen Tarnica als höchstem Berg gelten als Paradies für Tiere: 200 Braunbären, 500 Wölfe, 300 Luchse, 300 Wisente – Wanderführer Leszek Tomaszkiewicz – grauhaarig und drahtig – rasselt die Zahlen herunter. Nur um dann gleich abzuwiegeln: Wir bräuchten uns keine Hoffnung machen, einen Braunbären oder gar einen Wolf zu sehen. "Die Tiere halten sich fern." Auch die Biber, die in den 1960ern über ein Forschungsprojekt in die Bieszczady kamen und sich mittlerweile so vermehrt haben, dass sie zur Plage wurden.

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