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28. Oktober 2009 19:45 Uhr

Den Fluchttunnel noch einmal gegraben

Ichenhausen Man hört die Spannung buchstäblich knistern. In einem Klassenzimmer der Hans-Maier-Realschule Ichenhausen sind an die 50 Augenpaare auf Joachim Rudolph gerichtet, kleben förmlich an seinen Lippen. Der schlanke, fast hagere 71-Jährige berichtet über eine Zeit, die für die 15, 16 Jahre alten Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen bereits Geschichte ist. Hat vor mehr als 40 Jahren stattgefunden. Hin und wieder Gedenktagsthema für die Medien, ansonsten in Lehrbüchern vergraben. Von Helmut Kircher

Die Klassen seien, gibt Geschichtslehrerin Sibylle Liebl vorweg zu bedenken, im Unterricht "noch nicht ganz bis zur jüngsten deutschen Vergangenheit vorgedrungen", deshalb könnte, möglicherweise, das Interesse ... Befürchtungen, die sich als grundlos herausstellen. Der beobachtende Zuhörer ist geradezu verblüfft über das aufgeweckte Interesse, die sensiblen und intelligenten Fragen, mit denen die Jugendlichen die folgenden zwei Unterrichtsstunden ausfüllen.

Für den aus Berlin angereisten Referenten - von der Günzburger Volkshochschule initiiert, hält er einen öffentlichen Vortrag und besucht mehrere Gymnasien und Realschulen im Landkreis - ist das, worüber er heute berichten will, noch höchst lebendig. Er nämlich ist ein Zeitzeuge. Einer, der selbst dabei war, der alles miterlebt, mit erlitten und mitgestaltet hat. Vor allem aber einer, der dies alles auf spannende Weise in die Gegenwart zurückzuholen vermag, als würde er es im Moment noch einmal erleben.

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Sein Bericht beginnt 1945, in einem Dorf in Ostbrandenburg. Krieg, Hunger, Flucht. Dazu schon die ersten Fragen aus dem Schülerkreis. Wie und womit ging es wohin? Wie lange hatte man Zeit seine Habseligkeiten zusammen zu raffen? Plastisch schildert er dann den sozialistischen Realismus in Ostberlin. "War noch erträglich - schlimmer war es in der restlichen DDR".

Dann der 17. Juni 1953. Weiß jemand davon? Nein, niemand noch hatte vom Volksaufstand in der DDR gehört, vom Ausnahme- und Belagerungszustand, von Panzern, Maschinengewehren, von Verhaftungen und Toten. Neuland für die Jugendlichen, auch die politischen Repressionen im real existierenden Sozialismus. "Ohne Zugehörigkeit zu politischen Organisationen lief rein gar nichts", erzählt Rudolph. Sein Studium an der Technischen Hochschule Dresden musste er deshalb abbrechen.

Stacheldrahtzaun, Grenzwachen, Schlagbaum, Schießbefehl und Checkpoint Charly unterlegt er mit gebeamten Bildern: flüchtender Grenzer, Fenstersprünge an der Bernauerstraße. Der unverzichtbare Grundbestand damaliger Grenzübergangs-Schikanen ist im Bewusstsein der jungen Generation überhaupt nicht vorhanden. "Was bitte ist ein Schlagbaum?"

Den breitesten Raum seines Vortrags räumt er der Flucht aus der DDR ein und dem anschließenden Tunnelbau. Er mit einem Freund bei Nacht und Nebel über den Todesstreifen - ein an ein Wunder grenzender Zufall. Der dazu ausgesuchte Abschnitt just zu der Zeit wegen Erneuerung kurzfristig "außer Betrieb". Doch das wussten die beiden nicht, als sie in quälenden Stunden, in Angstschweiß gebadet, Zentimeter um Zentimeter der Freiheit entgegenrobbten.

Dann das waghalsige Unternehmen, einen Tunnel vom West- in den Ostteil Berlins zu graben. Unter Mauer, Straßenbahn und Bernauerstraße hindurch. Ein 185 Meter langer Horrortrip. "Keiner von uns hatte auch nur die blasseste Ahnung, wie man so etwas baut". Rudolph lässt Bilder sprechen: der erste Hammerschlag, auf dem Rücken liegendes Maulwurfdasein auf 70 Zentimeter Durchmesser, Abstützprobleme, Wassereinbruch. Und immer panische Angst im Nacken. Hat die Stasi Wind davon bekommen? Sind die Maschinengewehre bereits in Stellung? Viele ähnliche Versuche wurden durch Verrat und Bespitzelung zum Scheitern gebracht. "Für manche endete es mit jahrelangem Zuchthausaufenthalt".

Doch alles ging gut bei diesem Unternehmen, das in der Nacht zum 15. September 1962 insgesamt 29 Personen die Freiheit brachte. Rudolph: "Ein bewegender Moment. Den werde ich in mein Leben lang nicht mehr vergessen". Vermutlich auch die Zuhörer nicht - denn sie waren dabei, als er den Tunnel soeben noch einmal gegraben hat.

Die Schulglocke läutet das Ende der Veranstaltung ein, die nächste Klasse steht vor der Tür. Doch sie muss warten. "Es ist doch so interessant!" Und jede Menge Fragen sind noch zu beantworten. Woher wussten Sie, wo Sie herauskommen würden? Warum wurden nicht mehr Menschen herausgeholt? Gibt es den Tunnel noch? Haben Sie heute noch Kontakte zu Personen von damals? Die Antwort auf letztere Frage ist so kurz wie befriedigend: "Ja, mit einem bin ich verheiratet".

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