Ichenhausen Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Ichenhausen: Aufbruchstimmung! Ende September 1892 ging der erste Zug der Lokalbahn Günzburg-Krumbach auf die Strecke, vier Jahre später schloss die damalige Marktgemeinde einen Vertrag über die Lieferung von elektrischer Energie, 1899 kam der Anschluss ans Fernsprechnetz, wenig später Kanalisation und Wasserversorgung.
Von dieser Aufbruchstimmung ist zumindest am Bahnhof in Ichenhausen nicht mehr viel zu spüren: Das Gebäude ist nicht mehr besetzt, „Fenster und Türen sind mit Stahlblech verrammelt“, rundum „Unkraut und Gestrüpp so weit das Auge reicht“, wie Stadtrat Vitus Madel kritisiert.
Madel, dessen Vorfahren um 1900 in nächster Nachbarschaft in einem herrschaftlichen Gebäude in der Neuen Bahnhofstraße 17 eine weithin bekannte Geweihmöbelfabrik betrieben, hat das Bahnhofsgelände im Westen der Stadt schon seit Längerem im Blick – nein, es liege im vielmehr im Magen, sagte Madel am Montag in der Sitzung des Bauausschusses und sprach von einem „Schandfleck“.
Besonders sauer stoßen dem CSU-Stadtrat dabei die Ablagerungen von Aushub auf, der bei Baumaßnahmen der Bahn anfällt. Dieser Aushub auf der Südseite des Bahnhofs sei teilweise schon überwachsen, aber immer wieder werde neues Material angefahren. Dieses sei „belastetes Material“, sagte Madel, „Sondermüll“ also, denn beispielsweise die früher von der Bahn verwendeten Spritzmittel gegen Unkraut würden in der Kläranlage nicht abgebaut. Er frage sich, so Madel, ob die Bahn darauf warte, dass der Regen die Schadstoffe auswäscht und in das Kanalnetz und damit in die Verbandskläranlage nach Kötz spült.
Es gehe dabei nicht um Kleinigkeiten, beim Bahnhof seien „bestimmt schon 3000 Kubikmeter“ Aushub deponiert worden, wobei die Bahn Schotter günstig an Interessenten abgegeben habe. Wenngleich dem Verkehrsreferenten im Stadtrat auch die optische Erscheinung des Bahnhofs ein Dorn im Auge ist, so findet er die Ablagerung von Baustellenaushub „noch schlimmer als den vergammelten Bahnhof“. Hätte ein Privatmann so gehandelt, so Madel, „wäre das Wasserwirtschaftsamt sofort zur Stelle“.
Die Bahn hat „sehr, sehr geringes Interesse“ am Erscheinungsbild
Beim Bürgermeister stieß Madel mit seiner Kritik auf offene Ohren. Wegen des Bahnhofsgebäudes und dessen Umfeld habe die Stadt „schon zigmal“ bei der Bahn interveniert, sagte Hans Klement, allerdings sei es „sehr, sehr schwierig, mit der Bahn irgendwelche Kontakte zu haben“, da gebe es „x Ansprechpartner“.
Die Stadt habe vor Jahren versucht, dort Flächen zu erwerben, zumal auch ein Teil der Straße auf Flächen der Bahn verlaufe. Auch Überlegungen, im ehemaligen Bahnhof den Jugendtreff unterzubringen, habe es gegeben. Mittlerweile allerdings sei er „froh“, so Klement, dass die Stadt nicht Eigentümer des Bahnhofareals geworden sei, denn die Bahn habe ein „sehr, sehr geringes Interesse“ an dessen Erscheinungsbild.
Das allerdings, da war man sich im Bauausschuss einig, wünsche man sich ganz anders. Schließlich sollten Besucher, die per Mittelschwabenbahn anreisen, einen positiven Eindruck von Ichenhausen gewinnen. Und Stadtrat Reinhold Lindner nutzte diese Gelegenheit, um auf seinen schon mehrfach geäußerten Wunsch nach Fahrradboxen am Bahnhof aufmerksam zu machen. Die könnten sowohl Pendler als auch Freizeitradler nutzen, um ihr Gefährt für ein paar Stunden sicher und trocken zu verwahren.
Momentan allerdings sieht es nicht gerade nach neuen Angeboten und Aufbruchstimmung aus am vor 120 Jahren eröffneten Ichenhauser Bahnhof.