Freitag, 29. Juli 2016

07. November 2009 05:52 Uhr

Nackt vor der Staatsgewalt

Günzburg Als Günter Schabowski versehentlich die Mauer fällte, da war Jens Hases Martyrium bereits vorbei: Gängeleien, Flucht, völlige Nacktheit vor dem Staat.

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Thomas Hilgendorf

Hase hatte zunächst ein Verbrechen begangen. Ein Verbrechen, das erst später keines mehr war: "Republikflucht" aus der DDR - das Verlassen eines Staates, der nicht mehr lange existieren sollte. Es war eine halsbrecherische Aktion, die Hase wagte, als er sich am 25. September 1989 in den Zug in Richtung Prag setzte.

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Hase wollte raus. Nichts wie weg. Weg vom Ausgehorchtwerden, weg von den staatlichen Sticheleien am Arbeitsplatz, den Wartburg-Werken von Eisenach. Die Eltern waren schon drüben. Nicht geflohen waren sie im Juli 1989, nein, "rausgeworfen" habe sie die DDR, wie Hase sagt. "Mein Vater war krank, den konnten sie nicht mehr gebrauchen in ihrem Kommunismus."

Wenn Jens Hase auf das politische System der DDR zu sprechen kommt, auf seinen einstigen Heimatstaat, dann wird der ansonsten eher ruhig wirkende, freundliche Thüringer plötzlich sehr ernst. Mit diesem System habe er sich nicht arrangieren wollen, als damals 19-jähriger Arbeiter im Arbeiterstaat. "Für kleine Witzchen über Honecker wurden Freunde nach Bautzen geschickt", sagt Hase. Das Gefängnis Bautzen - Synonym für einen Kontrollstaat, der nur eine Meinung gelten ließ. Nicht jeder wollte das mitmachen. Hase erinnert sich an die Zeit, als seine Fluchtgedanken konkret wurden: "Mein Bruder war schon im Westen, in Günzburg, und ich stand seitdem unter Beobachtung der Stasi." Nachdem die Eltern weg waren, da sei sie dann auch gleich vorbeigekommen, die Stasi: "Die haben sofort mein Telefon mitgenommen." Sie kannten Hases kritische Haltung gegenüber dem Staat. Was sie sonst noch wussten: Hase weiß es nicht. Die Stasi-Unterlagen hat er bis heute nicht angefordert, der Bruder habe das getan und der lebe jetzt mit alten Freunden im Clinch: Ausgehorcht von Menschen, denen er einst vertraut hatte. Nein, selbst erfahren wolle Hase so was am liebsten nicht. Er wolle keinen Unfrieden, keinen Ärger, wie damals in der DDR. Lohnkürzungen und Drohungen mit dem Gefängnis hatten in dem jungen Arbeiter ein stetes Gefühl der Beklemmung, der Enge, erzeugt. Bloß weg. "Rüber machen", das wollten viele im Herbst 1989.

Das Nadelöhr in die Freiheit

Rückblick. Es ist kalt in Eisenach im September '89. In der Hand hält Jens Hase einen Rucksack und ein Ticket: Eisenach - Prag. Eine Fahrt in die CSSR, den sozialistischen Bruderstaat, war an und für sich nichts Besonderes in der DDR. Seit Kurzem war Prag aber vor allem eines: ein Nadelöhr in den feindlichen Westen. Seit dem Frühjahr hatten sich Tausende Ostdeutsche in Bewegung gesetzt, in Richtung Freiheit. Was in den Kirchen von Leipzig begonnen hatte, das setzte sich nun auf der Schiene fort. Hase war einer von ihnen. "An der Grenze angekommen, wurde ich erst mal angeschrien, was ich wolle", erzählt der 39-Jährige. Zuerst kam eine DDR-Zöllnerin, dann ein tschechischer Beamter. Hase stand schließlich nackt vor der Staatsgewalt. Splitternackt - in einer kargen, kalten Toilette der Reichsbahn, wie die DDR-Staatsbahn noch immer hieß. Kontrolle, wieder mal. Die letzte, unangenehme Berührung mit dem alten Staat. "Die wussten doch genau, wohin ich wollte, aber sie konnten nix machen, es lag nichts gegen mich vor", sagt der Fachinformatiker heute. Der schlanke Mann mit den kurzen braunen Haaren schmunzelt spitzbübisch. Aber an jenem Tag an der tschechoslowakischen Grenze habe er "die Hosen voll" gehabt.

Dann war er doch noch in Prag angekommen. Alleine in der Nacht. Sein Ziel, die Botschaft der Bundesrepublik, lag in derselben Stadt und trotzdem noch in weiter Ferne. Was in einem freien Land normal ist, nämlich irgendjemanden irgendwo nach dem Weg zu fragen, erwies sich hier als Herausforderung. Wem konnte er, der Flüchtling, der Staatsfeind, noch trauen? Wer war Freund, wer Feind? "Jeder war misstrauisch, man vermutete ständig Spitzel", erinnert sich Hase an die Nacht. Dann: Er fasste allen Mut zusammen und tat es einfach. Ab in ein Taxi, um wenigstens in die Nähe der West-Vertretung zu kommen. Schließlich der Sprung über den Zaun - im Scheinwerferlicht des tschechischen Geheimdienstes. Eine simple Kabeltrommel vor dem Zaun half dem Schritt gen Westen.

Der Erste war er wahrlich nicht in der Botschaft. Im Matsch campierten Tausende: kalte Nächte auf dem Feldbett, eineinhalb Stunden Wartezeit vor den Toiletten - Frauen und Kinder zuerst auf dem rettenden Schiff "Prager Botschaft". Einige harte Tage schlug sich Hase um die Ohren, bevor er ihn traf. Den Herren aus dem Westen, den Mann mit dem Pullunder. Er habe Genscher dann einfach angesprochen: "Was gibt's Neues?" Was der damalige Bundesaußenminister antwortete, weiß Hase auch heute noch genau: "Versammeln Sie sich bitte im Hof. Ich möchte Ihnen etwas bekannt geben."

Nach der langen Nacht der Freude, - es war der 30. September 1989 - nachdem Genschers Worte der Wende im Jubel und Taumel der Viertausend untergingen und doch so unüberhörbar befreiend waren, da saß Hase plötzlich wieder im Zug. Noch einmal durch die DDR - "das war beklemmend" - dann via Hof und Gießen nach Günzburg, zum Bruder. Die Odyssee hatte ein Ende. Seitdem lebt Hase hier. Die Flucht? "Es musste sein, ich wollte frei sein." Die deutsche Einheit? "Sie ist verwirklicht - für unsere Kinder ist die schlimme Teilung zum Glück kein Thema mehr."

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