In einem Günzburger Markt werden pro Woche rund zehn Diebe erwischt. Wir begleiteten den Mann, der die raffinierten Methoden der Ladendiebe kennt und versucht, sie zu erwischen. Von Irmgard Lorenz

Scheinbar ganz entspannt schiebt Jürgen Plavins seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt in Günzburg. Ein paar Artikel liegen schon in seinem Wagen. Was aussieht wie ein ganz normaler Einkaufsbummel, ist für den 37-Jährigen Arbeit, die viel Konzentration erfordert. Jürgen Plavins ist Kaufhausdetektiv.
Klar, dass er nicht auffallen will. "Wie ein normaler Kunde gehe ich durch den Markt und schaue mir die Kunden an", sagt der Detektiv, und natürlich weiß er auch, in welchen Abteilungen sich das genaue Hinschauen manchmal besonders lohnt. Vor allem Elektro- und Drogerieartikel verleiten offenbar zum Ladendiebstahl, Akkus oder hochwertige Batterien, Lippenstifte, Mascara, Parfums. Aber auch bei Zigaretten greifen Ladendiebe zu, obwohl die Glimmstängel mittlerweile an den Kassen nur auf Nachfrage zugänglich sind und eigentlich gut gesichert zu sein scheinen.
Es sind oft kleine Produkte, die nicht ganz billig sind oder auch alltägliche Verbrauchsartikel, die für manche Kunden offenbar ihren Preis nicht wert sind. So berichtet Eduard Schmuderer, Leiter des V-Markts in Günzburg, von gestohlenen Staubsaugertüten ebenso wie von Bonuspunkten, die beispielsweise von Nutella-Gläsern verschwinden. Er blättert in seinen Unterlagen und zählt weiter auf: Kinderschokolade, Sekundenkleber, Nintendo-Spiele, Alkoholika … Die Liste der von Ladendieben gestohlenen Gegenstände ist ebenso lang wie vielfältig.
Um teure Spirituosen zu stehlen, tragen gewiefte Täter eigens präparierte Jacken, in denen sie die Flaschen gut verstauen können. Und dass auch ein DVD-Rekorder durchaus unter eine Jacke passt, demonstriert Kaufhausdetektiv Jürgen Plavins der GZ für ein Foto. Der Detektiv kennt die beliebtesten Verstecke der Ladendiebe: Hosentaschen, Jackentaschen, Hemdentaschen, Ärmel, Hosenbund, Socken. Textilien werden als Diebesgut unter der mitgebrachten Kleidung an der Kasse vorbeigeschmuggelt. Abgetragene Schuhe bleiben einfach in der Schuhabteilung stehen, wenn sich der Dieb auf neuen Tretern und möglichst leisen Sohlen durch die Kasse davonmachen will.
Jürgen Plavins hat im Lauf seiner zehnjährigen Tätigkeit als Kaufhausdetektiv nicht nur die raffiniertesten Methoden der Ladendiebe kennengelernt, sondern auch ein Gespür dafür entwickelt, wann es sich lohnen könnte, den "Kunden" genauer anzuschauen. Beobachtet er, dass ein oder mehrere Artikel eingesteckt und an der Kasse nicht bezahlt werden, spricht er nach der Kasse den Verdächtigten an. Marktleiter Schmuderer ist dann auch schon informiert: Zusammen geht es in sein Büro.
Dort reagieren manche der Verdächtigten mit Tränen, andere reumütig, manche sind aufgeregt, andere geben sich ganz cool. Das Spektrum der Reaktionen ist breit. "Alles da", sagt Schmuderer, "von Beleidigungen bis zu Suizidandrohungen". Und außerdem kommt dann, so Plavins, in 70 Prozent aller Fälle noch weiteres Diebesgut zutage - nebst einer Reihe von Ausreden, die Marktleiter und Detektiv zur Genüge kennen: "Ich wollte das nicht", wird dann beteuert, oder: "Ich hab vergessen, das zu bezahlen." Und, offenbar vor allem von Wiederholungstätern gern als vermeintliche Entschuldigung vorgebracht: "Ich hab noch nie gestohlen!"
Ladendiebe sind jung und alt, wohlhabend oder eher knapp bei Kasse, Frauen und Männer, Ausländer und Deutsche, manchmal auch Stammkunden. Schmuderer weiß von Fällen, wo für 100 Euro eingekauft und ordnungsgemäß bezahlt und gleichzeitig eine Kleinigkeit für ein paar Euro gestohlen wird. "Vom Schüler bis zum Rentner", so beschreibt der Marktleiter die Ladendiebe und sagt: "90 Prozent von ihnen könnten die Ware bezahlen."
Durchschnittlich zehnmal pro Woche hat Schmuderer es mit ertappten Ladendieben zu tun. Ob Anzeige erstattet wird, entscheidet der Marktleiter von Fall zu Fall. "Es wird da wirklich jeder gleichbehandelt", versichert er. Bei Kindern und Jugendlichen versucht er meist - je nach Lage der Dinge - zuerst die Eltern zu erreichen. Sind die aber nicht greifbar oder ist der Vorfall zu gravierend, wird die Polizei verständigt. Hier sieht Schmuderer sich auch in der Sorgfaltspflicht den ertappten jungen Dieben gegenüber, damit sich keiner nach all der Aufregung womöglich durch eine Kurzschlusshandlung gefährdet.
Teuer zu stehen kommt ein Ladendiebstahl die Langfinger aber auf jeden Fall. Abgesehen vom Hausverbot und von der Anzeige wegen Diebstahls wird eine Überführungsprämie von 35 Euro fällig. Bei einem Warenwert von mehr als 50 Euro verlangt der Supermarkt 60 Euro. Die bekommt übrigens keineswegs der Ladendetektiv als "Fangprämie". Der Detektiv ist bei einer Sicherheitsfirma angestellt und arbeitet erfolgsunabhängig, "da legen wir Wert drauf", sagt Eduard Schmuderer.
Teuer zu stehen kommen Ladendiebstähle letztendlich auch der ehrlichen Kundschaft und dem Unternehmen. Nein, die gesamte Inventurdifferenz will der Marktleiter nicht unter der Rubrik Ladendiebstähle einordnen, schließlich würden auch in der Warenannahme und in der Buchhaltung Fehler passieren. Nicht zuletzt gebe es immer mal wieder auch unehrliche Mitarbeiter. "Mitarbeiterdiebstähle tun viel mehr weh", sagt Schmuderer.
Er setzt für den Wert der von Kunden gestohlenen Waren im Günzburger V-Markt jährlich einen "guten sechsstelligen Betrag" an und ergänzt: "Eher über 500 000 Euro als drunter." Dabei wird längst nicht jeder Langfinger ertappt. Der Schaden durch unentdeckte Ladendiebstähle betrage bei allen V-Märkten zusammen mit Sicherheit jedes Jahr "einige Millionen", sagt Jürgen Plavins. Ein guter Grund für ihn, mal wieder ganz aufmerksam den Einkaufswagen durch die Regalreihen zu schieben.
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