Donnerstag, 17. August 2017

19. September 2016 06:00 Uhr

Hausen

Wo das Pferd nur ein Lederband um den Hals hat

In Hausen wird Rai-Reiten praktiziert. Was daran anders ist und woher es seinen Namen hat. Von Gertrud Adlassnig

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Beim Reiten auf dem Reiterhof ist Harmonie angesagt. Die Ferienkurse sind beliebt. 

Alexandra Erfurt steht auf dem Reitplatz und gibt mit freundlichem Ton, aber klarer Stimme Anweisungen: Pferde unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Alters stehen auf dem Reitplatz und lassen sich von jungen Reiterinnen lenken. Pferd und Reiter sind offensichtlich entspannt, die Tiere bewegen sich mit flach gestrecktem Hals und nicht mit hochgerecktem Kopf. Gleichgültig, welche Aufgaben die Reitlehrerin vorgibt, Mensch und Tier lösen sie in Gelassenheit. Es gibt kein Murren, keine Verweigerung, kein Zerren oder Reißen am Zaumzeug. Das wäre auch gar nicht möglich, denn die Pferde der Reittherapeutin Alexandra Erfurt im Rai-Ausbildungszentrum tragen weder Kandare noch Trense. Manche haben lediglich ein loses Lederband um den Hals, das sogenannte Rai-Bändchen.

Hier in Hausen bei Ellzee wird ausschließlich das gewaltfreie, gebisslose Rai-Reiten praktiziert. Fred Rai war ein Pferdekenner, ein Pferdepsychologe, der lange Zeit in den USA gelebt hat. Zurück in Deutschland hat er bei Dasing ein Zentrum errichtet, in dem er seine Philosophie weitergegeben hat. Einem breiten Publikum wurde der im vergangenen Jahr verstorbene Rai durch seine Karl-May-Festspiele bekannt. Doch die waren eigentlich nur ein Zusatz.

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Fred Rai, der auch an der Universität gelehrt hat, ging es vor allem darum, Reitern die Seele der Pferde nahe zu bringen. „Fred hat einen völlig anderen Ansatz, als es beim englischen Reiten üblich ist“, erklärt Alexandra Erfurt, die Pferdenärrin, die in Hausen ein Rai-Ausbildungszentrum gegründet hat, in dem sowohl die Reiter als auch die Tiere ausgebildet werden. „Ich kam ja eigentlich vom klassischen, dem englischen Reiten. Doch nach mehreren schweren Reitunfällen habe ich begonnen umzudenken und fand in Fred Rai einen Lehrmeister, der mir einen völlig neuen Zugang zum Pferd vermittelt hat. Beim Rai-Reiter beherrscht der Mensch nicht das Tier, sondern bewegt sich in völliger Harmonie mit ihm.“ Das erkennt auch ein Laie, wenn er die Reiter auf dem Platz beobachtet. Doch der Weg dorthin ist lang.

Der Reiter muss sich seiner Verantwortung für das Tier bewusst werden 

Die Reitausbildung bei Alexandra Erfurt fängt bei Null an. Gleichgültig, ob nur zum Vergnügen geritten werden soll oder ein medizinisches Ziel verfolgt wird, muss sich der künftige Reiter zunächst seiner Verantwortung für das Tier bewusst werden und sein natürliches Verhalten kennenlernen. „Ein Pferd ist kein Sportgerät, es ist ein treuer Kamerad,“ sagt sie. Um so weit zu kommen, muss sich der Reiter in die Psyche eines Pferdes versetzen, das nur Freund oder Feind kennt. „Ohne genaue Kenntnis ist es schwer, ein Pferd zu verstehen, denn es hat keinen Schmerzschrei, mit dem es sein Leiden zum Ausdruck bringen kann,“ erläutert die Reitlehrerin die Notwendigkeit der theoretischen Vorbildung des Reiters. „Der Mensch muss auf andere Weise erkennen, wie es dem Tier geht.“

Rai-Schüler sind gehalten, das Gefühlsleben des Pferdes genau zu beobachten, das sich in verschiedenen Signalen offenbart. Das heißt auch, sie dürfen sich nicht sofort auf das Pferd setzen. In vielen kleinen Schritten nähern sie sich dem Tier: Simon, der in den Ferien auf dem Hof von Alexandra Erfurt reitet, freut sich besonders darüber, dass er dem Pferd nahe sein kann. In seinem wohnortnahen Reitstall gibt es das nicht. „Ich habe mein Pferd bisher weder gebürstet noch die Hufe gepflegt. Auch das Abreiben nach der Reitstunde entfällt, weil schon der nächste Reiter in der Warteschlange steht.“ Da bleibt natürlich auch keine Zeit für die sorgsame Beobachtung des Pferdes, seiner Bewegungen, seiner Reaktionen. In Hausen kann er sich dem Tier widmen.

Das Anlegen des Sattels und der Decke, ein spezifischer leichter Sitz, den der Reiter an der optimalen Stelle auf dem Pferderücken platziert, gehört ebenso zum Kennenlernen wie das Führen des Tieres am langen Zügel. Bis ein Reitschüler dann im Sattel sitzt, kennt er das Wesen des Pferdes. „Ich versuche, das Reiter-Tier-Duo so zusammenzufügen, dass die Charaktere harmonieren, denn der Mensch überträgt seine Gefühle auf das Pferd. Das kann dazu führen, dass sie sich gegenseitig aufschaukeln, oder einer dämpft den anderen.“

Das Pferd dazu bringen, den Menschen als Leittier zu akzeptieren 

Die enge Beziehung zwischen Mensch und Tier ist auch für das therapeutische Reiten von großer Bedeutung. „Eigentlich ist das Rai-Reiten grundsätzlich therapeutisches Reiten,“ ist Alexandra Erfurt überzeugt. „Denn das Pferd zeigt mir in seinen Reaktionen, wie ich mich unbewusst verhalte und reagiere. Pferde lehren uns, im Hier und Jetzt zu sein, zu handeln. Sie fördern Selbstvertrauen und Stärke. Es ist durchaus vergleichbar mit der Delfintherapie.“

Wenn der Reitschüler das Pferdeverhalten kennt, darf er die zweite Stufe der Annäherung angehen, er muss sich die „Dominanz am Boden“ erarbeiten, mit der der Reiter das Pferd dazu bringt, den Menschen als Leittier zu akzeptieren und ihm freiwillig vertrauenvoll zu folgen. Erst dann kommt das Aufsatteln. Auch auf dem Rücken des Pferdes muss der Mensch nach der Rai-Methode die Dominanz im Sattel erlangen. „Das ist aber nicht so, wie beim englischen Reiten“, weiß auch Nicole, die seit vielen Jahren regelmäßig in Hausen reitet, „denn es heißt nicht, dass man das Pferd beherrscht.“ „Wir Rai-Reiter vermitteln dem Tier Geborgenheit und Vertrauen. Dazu müssen wir auch die akustischen Signale der Belohnung und des Tadels erlernen,“ ergänzen ihre Reitpartnerinnen Julia und Sarah.

Der Reiter arbeitet mit Körperbewegung und Beinhaltung. Alexandra Erfurt fordert die Reiter auf dem Platz auf, stehen zu bleiben. Anstatt die Zügel anzuziehen, streckt Daniela die Beine nach vorn aus, gerade, als wollten sie ihren Lauf abbremsen. Das Pferd spürt den Schenkeldruck an der Flanke und reagiert: Es hält inne. Leise Schnalzlaute signalisieren dem Tier das Wohlwollen. Soll das Pferd die Laufrichtung ändern, zeigt ihm der Reiter dies durch eine Drehung seines Oberkörpers an: Pferd und Mensch werden zu einer harmonischen Einheit in der Bewegung. Das gilt grundsätzlich auch für schnellere Gangarten. Julia, Emma, Sarah, Nicole und die anderen in der Jugendgruppe des Ferienkurses nehmen die Bewegung des Pferderückens auf, sie steigen nicht aus dem Sattel hoch. „Das ist das Reiten im Aussitzen,“ erklärt die Reitlehrerin. „Diese Reitweise ist sehr viel schonender für den Pferderücken.“

Die sanfte Reiterei hat Alexandra Erfurt schon einige Pferde beschert, die ihr von Reitställen übergeben wurden. „Dieser liebe Kerl“, Alexandra Erfurt zeigt auf einen großen, prachtvollen Hengst von sechs Jahren, „war ein hoffnungsvolles Springpferd, doch die Dauerbelastung war zu viel für seine Sehnen. Gut, dass die Besitzer ihn nicht einfach zum Abdecker gebracht haben, sondern zu mir. In wenigen Übungsstunden habe ich ihn auf das Rai-Reiten umgestellt.“ Auch Pferde müssen die Methode des Dasinger Pferdeflüsterers erst erlernen, zumal, wenn sie vorher im englischen Stil ausgebildet worden sind. „Aber die Umstellung geht in aller Regel sehr schnell, denn das Pferd wird ja zu seinen natürlichen Instinkten zurückgeführt.“

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