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07. Mai 2010 20:25 Uhr

Die Kannibalen des Kaisers

Illertissen Kannibalen sind in der Rechtsgeschichte die absoluten Exoten unter den Verbrechern. Allerdings gab es einmal eine Zeit, da lebten Tausende von Menschenfresser auf deutschem Territorium. Das ist gerade mal ein gutes Jahrhundert her: Damals zählten die Inseln von Deutsch-Neuguinea zum Kaiserreich. Die eingeborenen Untertanen von Wilhelm I. und seinem Enkel, dem zweiten Wilhelm, hatten zuweilen Speisegewohnheiten, die von der Kolonialverwaltung mit Schaudern registriert und entsprechend bekämpft wurden. Von Ronald Hinzpeter

"Bei uns gilt so etwas als barbarisch und wild, doch für die Menschen dort war das völlig selbstverständlich, die dachten sich nichts dabei", sagte Dr. Simon Haberberger. Salopp gesagt könnte man sein Hobby als "Kannibalismus" bezeichnen, doch das wäre nicht angemessen. Er betrachtet die Dinge mit der nötigen wissenschaftlichen Distanz: Haberberger ist promovierter Historiker und Lehrer für Deutsch und Geschichte am Kolleg der Schulbrüder und promovierter Historiker. Seine Doktorarbeit schrieb er 2003/2004 über "Kolonialismus und Kannibalismus" - ein Thema, mit dem sich bis dahin noch niemand recht befasst hatte.

Deshalb durfte er sein Expertenwissen kürzlich auch vor einem Millionenpublikum darstellen. Im dritten Teil der ZDF-Dokumentation "Das Weltreich der Deutschen - Abenteuer Südsee" kommentierte er fachkundig einen Abschnitt der deutschen Geschichte, der ziemlich exotisch ist und das macht für Haberberger auch einen Teil der Faszination dieses Themas aus.

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Auf Deutsch-Neuguinea war Kannibalismus weit verbreitet. Da auf den Inseln Fleischmangel herrschte, diente er nach Darstellung Haberbergers einerseits dazu, einen gewissen Proteinbedarf zu decken. Andererseits gehörte es zu den Ritualen vieler Stämme, nach einem der zahlreichen Kriegszüge die Leichen der erschlagenen Feinde zu verspeisen, um sich die guten Eigenschaften eines Opfers einzuverleiben. Aktenkundig im Bundesarchiv ist beispielsweise der Fall eines besonders guten Speerwerfers. Nach dessen Tod wurde sein Arm gegessen in der Hoffnung, dass sich die Kraft dadurch übertragen lasse.

Für die Menschenfresser setzte es Geldstrafen

Bei seinen Recherchen, die Haberberger zweimal für mehrere Monate nach Papua-Neuguinea führten, stieß er auch auf die vier Männer, die auf eine Insel abgetrieben wurden, wo sie Opfer eines grimmigen Schicksals wurden. Die Täter mussten sich schließlich vor der deutschen Gerichtsbarkeit verantworten und wurden zu Geldstrafen verurteilt. Damit hat sich die kaiserliche Justiz als sehr anpassungsfähig erwiesen findet Haberberger. Denn im Gegensatz zu den Briten hätten sich die kaiserlichen Beamten den ortsüblichen Gebräuchen durchaus angepasst. Zu denen gehörte nun mal, für den Tod eines Angehörigen Geld zu verlangen.

Den Kannibalismus versuchte die Kolonialverwaltung natürlich zu unterbinden, auch mit entsprechenden Strafen, aber offenbar mäßigem Erfolg. Das lag auch an der Unzugänglichkeit des Gebietes mit seinen undurchdringlichen Wäldern. Die deutsche Besatzungsmacht war außerdem sehr schwach bestückt. Wie die einzige Volkszählung im Jahr 1912 ergab, standen den 478 843 indigenen Ureinwohnern nur 772 Deutsche gegenüber - und von denen gehörte nur ein Teil dem Militär an. "Die wussten oft nicht, wer da im Dschungel drin ist. Der Kannibalismus ließ sich nie ganz ausrotten", sagt Haberberger. Mittlerweile ist diese Sitte von den Inseln verschwunden, doch das liegt eher an der Arbeit der christlichen Missionare. Da sie die Erwachsenen, zu deren Kultur der Kannibalismus seit Urzeiten gehörte, nicht überzeugen konnten, brachten sie den Kindern, die sie unterrichteten, ihre Wertvorstellungen vom menschlichen Leben und dem Umgang mit den Körpern von Toten nahe.

Madonnen und Magie - das geht zusammen

Als hartnäckig und haltbar erwiesen sich hingegen die Vorstellungen von Magie. Die wird von den Eingeborenen heute noch vor allem als "Schadzauber" verstanden: Ist die Ernte schlecht, stößt jemandem etwas zu - da müssen doch ein Missgünstiger und seine Magie dahinter stecken. So finden sich denn neben Madonnenstatuen gleichberechtigt traditionelle Zauberutensilien.

Nach seinem Fernsehauftritt musste Simon Haberberger eine Menge Fragen seiner Schüler beantworten. Auch folgende: Ob er denn jemals dabei gewesen sei, als ein Mensch von anderen gefressen wurde. "Nein, natürlich nicht."

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