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06. August 2009 20:55 Uhr

Merve - eine junge türkische "Schwäbin"

Vöhringen Merve ist 16. Sie selbst sagt es genauer: "sechzehneinhalb". In dem Alter zählen sechs Monate viel. Sie war bis zu den Ferien Hauptschülerin. Ihr Familienname ist für einen Schwaben schwer auszusprechen: Sivasioglu. Das heißt, sie ist die Tochter einer türkischen Familie. Sie hat für alle Abschlussschüler der Vöhringer Uli-Wieland-Schule bei der Entlassfeier die Dankesworte an die Lehrer gesprochen. Warum das alles erwähnenswert ist? Weil Merve Sivasioglu die gängige schlechte Ansicht über Hauptschule und Hauptschüler aus Zuwandererfamilien auf den Kopf stellt. Von Gerd d.

Merve - eine junge türkische "Schwäbin"
Foto: ALFA

Sie hat die zehnte Klasse besucht, eine M-Klasse. Das bedeutet, dass sie die Mittlere Reife auf dem Weg über die Hauptschule erreicht hat. Aber es war auch eine besondere zehnte Klasse. Das hat deren Klasslehrer Thomas Pelikan bei der Schlussfeier hervorgehoben. Beispiel: Nach einer Diskussion über Hausaufgaben, freiwillig oder verpflichtend, hat sich die übergroße Mehrheit für die Pflicht entschieden. Sie dient dem stellvertretenden Schulleiter als Anstoß, die Hauptschule gegen die allgemeine Ansicht zu verteidigen, dass in ihr Bildungsfreude und Fleiß der Schüler, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu kurz kämen. Zumal dann, wenn viele Kinder von Zuwandererfamilien in den Klassen sitzen.

In Merves Klasse war die Sprachenvielfalt deutlich: Von den zwölf Schülern hatten drei türkisch als Muttersprache, einer italienisch, einer polnisch, einer rumänisch, einer russisch und einer kam von den Philippinen, nur vier deutsch. In der Schule insgesamt waren 83 Kinder mit der Muttersprache türkisch, zwölf russisch, zwölf italienisch, fünf serbisch, vier griechisch, drei rumänisch, drei thailändisch, zwei polnisch und je eines chinesisch, bulgarisch, portugiesisch, bosnisch, slowakisch und kroatisch. Die junge Türkin trug einen Sonderpreis ihrer Schule heim, weil sie sich außerhalb des Unterrichts auch für Schule und Schüler aktiviert hatte. So organisierte sie, Klassensprecherin, eine Klassenfahrt. Merve will jetzt auf der Fachoberschule ihr Abitur machen und danach einen kaufmännischen oder wirtschaftlichen Studiengang anstreben, oder eine Ausbildung in einer Bank parallel zu einem Studium.

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Ihre Grundlagen für diese Strebsamkeit hat sie aus ihrer Familie. Schwester Melike, neun Jahre, und Bruder Ugurcan sitzen mit um den Tisch. "Ich habe noch einen älteren Bruder", sagt Merve. Der starb an den Folgen eines Unfalles, aber in der Familie lebt er mit. Das sagt auch Vater Duran, der 47 Jahre alt ist. Er spricht fließend Deutsch, mit einem leichten schwäbischen Akzent, die Mutter nimmt in Deutsch an der Unterhaltung teil. "Und", lässt der Vater Besucher staunen, "unsere Kinder unterhalten sich untereinander auf Deutsch." Mit den Eltern sprechen sie türkisch.

Der Vater hatte in der Türkei ein Gymnasium besucht. Danach kam er nach Vöhringen, wo der Großvater bei Wieland arbeitete. Um die Kosten für ein Sprachstudium der deutschen Sprache zu belegen, fehlte das Geld. Duran nahm eine Arbeit an, bei Fenster-Böck. Und dann blieb er dabei. Jetzt schafft er als Aluschmelzer bei Oettinger in Weißenhorn. In der Stadt wohnte er auch drei Jahre mit der Familie. Aber Vöhringen mit Bekannten und guten Freunden war seine Heimat geworden. Er erwarb zielstrebig ein Grundstück und baute der Familie ein Haus. Vater, Mutter und die beiden Töchter sind türkische Staatsangehörige. Der sechsjährige Ugurcan hat nach neuem deutschem Recht eine doppelte Staatsbürgerschaft. Mit 18 muss er sich dann entscheiden. Die Familie beweist es: Zuwanderer müssen nicht weniger bildungsbestrebt sein als Deutsche. Und sie stärkt auch das Argument, dass für den Bildungswillen der Kinder die Eltern eine wichtige Rolle spielen.

Es ärgert ihn, dass er nicht wählen darf

Duran verdrießt es, dass er als politisch deutlich geprägter Mensch nicht wählen darf. Aber so ganz mag er sich nicht von seinen Wurzeln lösen. Er hat Humor und beweist das, wenn er gefragt wird, was er denn nun ist. Seine Antwort spielt auf den Begriff Bayrisch-Schwaben an: "Ich bin", sagt er, "ein türkischer Schwabe."

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