Neu-Ulm/Ulm Der Polizei ist gestern eigenen Angaben zufolge erneut ein "Schlag gegen die Islamistenszene" im Raum Ulm/Neu-Ulm gelungen. In den frühen Morgenstunden des Freitags haben Beamte aus Bayern und Baden-Württemberg bei einer Razzia einen 21 Jahre alten, in Bosnien geborenen Mann festgenommen, der nach Angaben der Ermittler Videos von islamistischen Selbstmordattentaten und Ähnliches ins Internet gestellt und dabei zum heiligen Krieg gegen die Ungläubigen ("Jihad") aufgerufen hat. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart wurde der Student am Freitag unter anderem wegen "Volksverhetzung" bei gleichzeitiger Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen. Von Bernd Kramlinger

Gleichzeitig durchsuchte die Polizei gestern in Ulm die Wohnungen von drei 32, 36 und 40 Jahre alten serbischen Staatsbürgern. Sie werden verdächtigt, den Neu-Ulmer dazu angeworben zu haben, in den heiligen Krieg zu ziehen. Gegen sie wird wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermittelt. Die Drei befinden sich weiterhin auf freiem Fuß.
Bei der Aktion, bei der außer den vier Wohnungen auch noch ein Lagerraum in Ulm und eine Gartenanlage in Neu-Ulm durchsucht wurde, stellten die Fahnder diverse PC, Datenträger und Bücher - zum Beispiel ein Handbuch über den Umgang mit der Kalaschnikow - sicher. Nach Angaben der Stuttgarter Staatsanwältin Claudia Krauth müssen die sichergestellten Dinge erst noch ausgewertet werden.
An der Razzia beteiligt waren über 30 Beamte der Neu-Ulmer Kriminalinspektion für Zentralaufgaben KPI (Z), der Ermittlungsgruppe "Sava" (benannt nach einem Fluss im früheren Jugoslawien) der Landeskriminalämter Bayern und Baden-Württemberg sowie der Polizei aus Tübingen und Ulm.
Nach Angaben von Kriminaloberrat Armin Mayer, Leiter der KPI (Z) in Neu-Ulm, haben die vier Verdächtigen sich im Umfeld einer bosnischen Moschee in Ulm kennen gelernt. Im Laufe der Zeit sei es den drei Serben offenbar gelungen, den gläubigen Muslim aus Neu-Ulm allmählich zu "radikalisieren" - sprich: zugänglich für extremistisch-islamistische Ideen zu gewinnen. Mayer: "Das ist über persönliche Beziehungen abgelaufen." Bemerkenswert dabei sei, dass sich angesichts der ethnischen Konflikte in Ex-Jugoslawien ausgerechnet Bosnier und Serben näher gekommen sind. Nach Erkenntnissen von Mayer sind die vier Männer aber nicht dem Dunstkreis des vor einigen Jahren geschlossenen Multikulturhauses zuzurechnen, da dort vorwiegend Personen aus dem arabischen Raum verkehrten, weniger Muslime vom Balkan. Ins Visier der bayerischen Beamten kam der Neu-Ulmer wegen seines Kontakts mit den Serben, gegen die die Ermittlungsgruppe "Sava" im Auftrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart bereits seit April 2009 ermittelt.
Wie der Kriminaloberrat weiter berichtet, seien sowohl die Serben Ulm als auch der 21-jährige Deutsch-Bosnier schon seit Monaten im Visier der Fahnder sowohl in Bayern als auch in Baden-Württemberg. Zumindest der Neu-Ulmer habe aber bislang ein "unbescholtenes" Leben geführt.
Keine konkrete Anschlagsgefahr
Obwohl von dem Deutsch-Bosnier laut Mayer "keine konkrete Anschlagsgefahr oder Planungen bekannt waren", griffen die Beamten gestern zu. Unter anderem deshalb, weil die Sicherheitsbehörden nicht mehr ausschließen konnten, dass der aus wohlgeordnetem Haus stammende Student demnächst Deutschland verlassen könnte, angeblich um Arabisch zu erlernen, um den Koran im Original lesen zu können. Angesichts der radikalen Ansichten des Neu-Ulmers fürchteten die Ermittler, dass er in einem Ausbildungscamp islamistischer Terroristen untertauchen und später als "ausgebildeter Kämpfer" zurückkehren könnte.
Die Propagandavideos, bei denen beispielsweise Selbstmordattentate oder Kampfszenen aus den Balkankriegen zu sehen sind, hat der Neu-Ulmer Student ("Internet-Jihadist") aus dem Internet heruntergeladen, sie teilweise mit Untertiteln in bosnischer Sprache versehen und anschließend auf die Internetplattform "Youtube" gestellt.
Die Verdachtsmomente gegen die drei Serben aus Ulm reichten nicht aus, um gegen sie Haftbefehl zu erwirken. Offenbar besteht auch keine Fluchtgefahr, obwohl sie heilige Krieger angeworben haben sollen.
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