Zurzeit ist der Waldbaggersee bei Senden im Visier als angebliches Eldorado sexueller Orgien. Reporter Michael Peter Bluhm hat sich dort umgesehen.


Warum sollte der radelnde Reporter nicht mal Schlagzeilen nachfahren? Hier bieten sich die Baggerseen auf den Gemarkungen Vöhringen und Senden trefflich an mit ihren interessanten Geschichten. Zurzeit ist der Waldbaggersee im öffentlichen Visier als angebliches Eldorado vielfältigster Ausschweifungen. Also nichts wie hin.
Ich fahre auf ein hochsommerliches Paradies zu und die Fantasie verleiht Flügel: Wer weiß, ob ich in dem Schilfgürtel, der den Großen Baggersee vom nördlichen Waldsee trennt, auf Homosexuelle treffe, die ungeniert Ringelpietz mit Anfassen spielen, während ein paar Schritte weiter die sogenannten Swinger nach ihrer anstrengenden Gemeinschaftsveranstaltung ein kühles Bad im See nehmen?
Diese Spezies Mensch beschäftigt Kommunalpolitiker und Ordnungshüter in diesem Sommer heftig und treibt die braven FKK'ler im Süden des Waldbaggersees auf Vöhringer Gemarkung auf die Palme. Die Freikörper-Kulturellen wollen nicht mit "denen da" in einen Topf ge-schmissen werden, was durchaus zu verstehen ist.
Das Thema Sex ist so alt wie der Waldbaggersee
Das Thema Sex ist dort so alt wie der Waldbaggersee selbst, der zu den schönsten Ausflugszielen in der Region gehört. Von letzterem kann sich der radelnde Reporter selbst überzeugen. Er trifft auf eine beschauliche Idylle, wo die angeblichen Sexorgien stattfinden sollen. Ein Angler, ein paar harmlose Sonnenanbeter, mehr sieht man an die-sem sonnigen Nachmittag nicht am Ufer, während die Wiese gegenüber bumsvoll ist.
Entspannte und fröhliche Menschen, wohin man blickt
Seit Jahrzehnten treffen sich dort die Anhänger der Freikörperkultur (FKK) und sorgen gemeinsam mit dem Kioskbesitzer für ein gepflegtes Open-Air-Ambiente. Mustergültig gepflegt der Rasen, saubere Toilettenkabinen und entspannte, fröhliche Menschen, wohin man blickt. Viele Familien machen seit Jahren hierher ihre Ausflüge, die nackte Oma hüpft mit dem Enkelkind in Badehose in den See und beide jauchzen vor Freude.
Ich spreche ein paar Nacktbader an und gebe mich als Reporter zu erkennen. Sie verweisen mich freundlich, aber bestimmt an den Kioskbetreiber, der hier seit zehn Jahren für Verpflegung und Ordnung sorgt. Der weiß viel, sagt aber nichts. Nach den Schlagzeilen der letzten Wochen soll erst mal Ruhe einkehren, meint er und blickt bedeutungsvoll.
Aber irgendwie wird bei den Gesprächsversuchen mit den Badegästen immer wieder angedeutet, dass die nun von den Kommunalpolitikern eingeschlagene Richtung mit ihrem Ansinnen übereinstimmt. Die Bereiche mit den schillernden Namen "Lesbos" und "Porno Island" (so wird die Insel im See von einigen genannt) und die sogenannte Grauzone, die den Großen- vom Waldbaggersee trennt, soll renaturiert werden, mit schärferen Kontrollen will man den Sexsumpf austrocknen.
Man hofft auf einen öffentlichen Nacktbadesee mit moderner Infrastruktur (Strom, Kanalanschluss etc.), denn der regionale Bedarf sei vorhanden. Die Mauer des Schweigens bröckelt, als ein paar Badegäs-te aus Göppingen und Aalen kommen und sich aufregen, dass die Stadt Senden Parkgebühren erhebt: "Warum müssen wir hier vier Euro den Tag bezahlen und die anderen am Großen Baggersee zwei Euro?" Ein Nacktzuschlag?
Dann bestätigten sie einige der kursierenden Horrorgeschichten, die sich an den Stammplätzen der Swinger und Schwulen abspielen sollen. Sie glauben kaum, dass die Ordnungsmaßnahmen helfen, denn solange dieser Platz im Internet kursiert, kommen auch die Leute aus nah und fern, um sich hier auszuleben, sagen sie: "Wenn die Polizei auftaucht, dann verschwinden sie im Gebüsch, und wenn sie weg sind, wird wieder Rambazamba gemacht."
Meine Seereise geht weiter auf dem Hochwasserdamm zum Großen Baggersee, wo der Kioskbetreiber Josef Fritzenschaft für Ordnung und Verpflegung sorgt. Eine komplette Schwanenfamilie rastet gerade vor seinem Verkaufsanhänger, um dann gemütlich im Gänsemarsch in Richtung Badewiese weiterzuziehen. Das ist ihr Terrain und mit tierischer Gelassenheit tolerieren sie die Badegäste in der Saison, denen strikt auferlegt ist, die Schwäne und die Enten nicht zu füttern. Doch das eine oder andere Jungtier sieht man mit einem Pommes frites im Schnabel herumwatscheln: Eine kleine Abwechslung von der üblichen Nahrung, die der Große Baggersee ihnen bietet.
Josef Fritzenschaft (62) kennt die Verhältnisse in der Nachbarschaft und der Kollege am Waldbaggersee tut ihm leid. "Ein heikles Thema, das man nicht in den Griff bekommen wird." Er rühmt die tolle Anlage dort und die feinen Leute, die da ihrer Freikörperkultur-Leidenschaft ohne jegliches sexuelle Ansinnen frönen.
Aber auch bei ihm am See ist nicht immer die heile Welt zu finden, sagt er und gibt einen Einblick in den Arbeitsalltag eines Kioskbetreibers an einem Badesee. Bevor die ersten Gäste kommen, muss oft der Abfall von nächtlichen Partys auf der Liegewiese und am Ufer weggeräumt werden: Schnapsflaschen, Alkopops, Essensreste, die zum Himmel stinken, und vor allem immer wieder Glassplitter in der Wiese und im Wasser, die fürchterliche Schnittverletzungen hervorrufen können. "Einfach blöd, am Abend macht man die Anlage sauber bis zum letzten Bierdeckel und am Morgen sieht es hier aus wie Sau", ärgert sich Josef Fritzenschaft.
An Wochenenden kommen er und seine Partnerin nicht vor Mitternacht nach Hause, aber solche Schaffensperioden ist er gewohnt: Nach der Badesaison fährt er die Märkte und Feste in der Region ab und wenn es dort hoch hergeht, muss man schon mal tageweise mit zwei Stunden Schlaf auskommen.
Der Weißenhorner liebt seinen Job, die Nähe zu den Menschen vor allem, aber auf die jugendlichen Vandalen und Krawallmacher kann er verzichten, die beispielsweise in den letzten Jahren den See regelrecht terrorisiert hätten.
Jetzt hat die blitzsaubere Toilettenanlage schusssichere Fenster und ein gutes Schloss, nachdem früher dort immer wieder mal eingebrochen wurde, obwohl es da wenig zu holen gab. Und es ist allgemein ruhiger geworden am Großen Baggersee.
Immer mehr Stammgäste bleiben wegen der Spritkosten fern
Sorge macht Josef Fritzenschaft aktuell das derzeitige Sparverhalten der Badegäste. Sie bringen sich immer häufiger die Verpflegung selbst mit und verzichten auf das schmackhafte Bratwurst- und Frikadellen-Sortiment des Mannes, der schon seit dreißig Jahren, wie er sagt, "die Wurst rumdreht". Auch immer mehr Stammgäste aus Aalen und Göppingen bleiben fern, weil die Spritkosten zu hoch sind. Gelegentlich sieht man sie als Fahrgemeinschaften wieder.
Man könnte ihm noch Stunden an diesem sommerlichen Tag bei einer Currywurst und einem Weizen zuhören, aber die Rückfahrt nach Ulm ruft und der Sepp, wie ihn die Stammgäste nennen, wendet die nächste Bratwurst. Viele Picknickkörbe sind auf der Wiese nicht zu sehen. Michael Peter Bluhm
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