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05. Februar 2012 12:18 Uhr

Eine traurige Geschichte

Schimpanse Toni lebte in Krumbach - dann verlor sich seine Spur

Es ist vielleicht eine traurige Geschichte, eine Geschichte über Missverständnisse - eine Geschichte über einen Schimpansen, der in Krumbach zuhause war. Von Petra Nelhübel

“Wie gescheit bist du?“ Als Antwort auf diese Frage fasste sich Toni an den Kopf. So hatte es ihm sein Ziehvater Walter Gögelein beigebracht.
Foto: Sammlung Gögelein

Letztendlich ist es vielleicht eine traurige Geschichte, eine Geschichte über Missverständnisse, über missverstandene Tierliebe möglicherweise, die in einem kleinen Affen den Glauben erweckte, er wäre ein Mensch und Teil einer Familie. Und dem dieses Missverständnis bittere Erfahrungen bescherte.

„An einem Samstag kam der Toni in unseren Haushalt und gleich am nächsten Tag hab ich einen befreundeten Spielwarenhändler gebeten, seinen Laden für mich zu öffnen, um ein Fläschchen und Puppenkleider zu kaufen. Normale Babysachen waren für das sechs Wochen alte Äffchen zu groß,“ sagt Paula Gögelein. Sie erinnert sich noch genau an die Zeit, als Toni, der kleine Schimpanse, den Krumbacher Arzthaushalt von einem Tag auf den Anderen auf den Kopf stellte.

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Damals, 1967, als man sich noch keine Gedanken um artgerechte Tierhaltung machte, war lediglich eine Genehmigung des Landratsamtes nötig, um sich beispielsweise aus einem Wildtierladen oder Zoo Exoten aller Art ins Haus zu holen. Und in einem Züricher Zoo hatte Allgemeinarzt Dr. Walter Gögelein das Schimpansenbaby gekauft, weil er „geradezu versessen auf Tiere“ war, wie Paula Gögelein mit Nachdruck erklärt. So kam es auch, dass der Gögeleinsche Haushalt noch im selben Jahr um einen Geparden, den der Hausherr in einer norddeutschen Wildtierhandlung erworben hatte, erweitert wurde.

Toni musste mit der Flasche gefüttert werden

„Eigentlich“, so Paula Gögelein, „wollte ich das alles gar nicht. Aber als fügsame Ehefrau, habe ich meinen Mann natürlich gewähren lassen.“ Und nicht nur das. Tatkräftige Mithilfe war gefragt und gefordert. „Zu Beginn“, erzählt die inzwischen 89-jährige Seniorin, „musste Toni noch alle paar Stunden mit der Flasche gefüttert werden – auch nachts.“ Da kam es dann auch vor, dass sie die beiden Tierbabys fest aneinandergekuschelt vorfand. Getrennt nur durch ein festes Gitter, das den Raum teilte, „weil Geparden und Schimpansen in der Natur Todfeinde sind und wir sie ohne Aufsicht nicht zusammen lassen wollten“, wie Paula Gögelein erzählt, während sie in ihrem Erinnerungsalbum blättert.

Viele Bilder sind dort zu sehen. Toni im rotweißblauen Ringelpulli auf Herrchens Arm, oder bei Spiel mit Cheetah, dem Geparden, am hauseigenen Pool. „Und am Abend“, erinnert sich Paula Gögelein, „saß er mit meinem Mann und mir auf der Couch beim Fernsehen.“

Mit großem Vergnügen jagte er die Hühner des Nachbarn

Walter Gögelein, der bei den Krumbacher Zylinderern sehr aktiv war, ließ für Toni einen eigenen Zylinder fertigen, mit dem der Schimpanse auch an Faschingsveranstaltungen teilnahm. Im Sommer, wenn es ihm gelang, den hohen Zaun im Garten zu überklettern, kam es vor, dass er mit großem Vergnügen Nachbars Hühner jagte. „Aber der Nachbar hatte Humor und wir hatten weiter ein gutes Verhältnis miteinander“, lächelt die alte Dame.

Immer viel Besuch, manchmal ganze Schulklassen, die sich die exotischen Tiere einmal aus der Nähe anschauen wollten, bevölkerten den großen Haushalt und ohne „die Mädchen“, wie Paula Gögelein die Arzthelferinnen der Praxis in der Erinnerung noch nennt, wäre der Alltag gar nicht zu bewältigen gewesen. „Wir konnten praktisch nie das Haus verlassen. Höchstens vielleicht einmal für eine Stunde zum Einkaufen, wenn die Mädchen die Aufsicht übernahmen.“

Eine schöne, anstrengende Zeit sei das gewesen. Aber irgendwann einmal wurde es zu viel. Endlich mal wieder Zeit zum Reisen oder Ausgehen. Endlich mal wieder ein Fernsehabend, ohne dass man einen lebensfrohen Affen von der Gardinenstange pflücken musste. Eine Lösung musste her und ergab sich mit der Unterbringung im Münchener Tierpark Hellabrunn, wohin beide Tiere, Schimpanse und Gepard, 1971 übersiedelt wurden.

Und da begann das zweite Leben für Toni, da wirkten sich die fünf Jahre als „Quasi-Mensch“ aus. Laut eines Presseberichters aus der damaligen Zeit wurde Toni von seinen Artgenossen ausgegrenzt und mit Essen beworfen. Er, der bisher gewöhnt war sich bekleidet unter Menschen zu bewegen, war plötzlich „nackt“ den Blicken der Besucher ausgesetzt. Wochenlang soll er nach einem Töpfchen verlangt haben, um seine Notdurft zu verrichten und vor lauter Angst vor seinen Schimpansenbrüdern und Schwestern völlig hysterisch gewesen sein. Die Zooleitung sah sich gezwungen, den verängstigten und sozial ausgegrenzten Toni weg von seinen Artgenossen und bei den etwas ruhigeren Orang-Utans unterzubringen. Trotzdem erzählt Paula Gögelein: „Jedes Mal, wenn mein Mann und ich unsere Tiere in München besuchen kamen, klammerte sich Toni so fest an meinen Mann, dass die Wärter mit allen Tricks arbeiten mussten, um den Schimpansen wieder in seinen Käfig zu locken.“ Und eines Tages war Toni weg. „Man sagte mir, dass er an einen Zoo in Australien verkauft wurde. Was aus Toni geworden ist, weiß ich nicht“, beendet die Arztwitwe ihre Geschichte – und auch die Spekulation, ob es sich bei dem Schimpansen, der laut Süddeutscher Zeitung im November seinen 50. Geburtstag in Hellabrunn begehen konnte, um „ihren“ Toni gehandelt haben könnte.

Nachforschungen beim Zoo im australischen Adelaide sind noch nicht abgeschlossen. So wird Paula Gögelein vielleicht erst später noch einmal erfahren, ob aus Toni, dem Menschenaffen, doch noch ein glücklicher Vater einer großen Schimpansenfamilie geworden ist, oder ob er sich ein Leben lang vergebens nach seiner Krumbacher Familie zurückgesehnt hat.

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