Charles Dickens feiert 200. Geburtstag. Google widmet dem großen Schriftsteller heute ein Doodle.

Kein Denkmal! So verfügte es Charles Dickens
in seinem Testament, das sechs Wochen nach seinem Tod in der Times
veröffentlicht wurde. Und neben solch unerwarteten Details auch andere
Überraschungen bereithielt. Zum Beispiel jene 1000 Pfund für seine
Geliebte Ellen Ternan, die er bis dahin gekonnt vor der Öffentlichkeit
verborgen hatte. Zu vergeben hatte er aber viel, viel mehr. Etwa 93 000
Pfund, ein Vermögen, das damals das Tausendfache eines
durchschnittlichen Einkommens betrug.
Der Mann, der vor 200
Jahren am 7. Februar in Landport in ärmlichen Verhältnissen geboren
wurde, hinterließ seiner Familie also ein in jeder Hinsicht reiches
Erbe: Geld, das prachtvolle Herrenhaus Gad’s Hill, vor allem aber ein
monumentales Werk, mit dem sich der Schriftsteller die Denkmäler schon
längst selber gesetzt hatte: Oliver Twist, David Copperfield, A
Christmas Carol, Bleak House ... „Sieben Sie die Weltprosa durch, und es
bleibt Dickens“, schwärmte Leo Tolstoi,
und für Robert Walser war er „ohne Frage der Häuptling, Major, Oberst
und Generalstabschef der Schriftstellerkunst“.
200 Jahre Dickens! Sein erster Schullehrer nannte ihn The Inimitable, der Unnachahmliche. Und so wird er nun in seiner Heimat auch gefeiert: mit Tagungen, Theateraufführungen, Ausstellungen, Verfilmungen, Biografien, Editionen. Eben als der Insel größter Dichter neben Shakespeare, einer, der sich mit seinen verschrobenen Charakteren – gezählt 13 143 – wie dem herzlosen Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, dem armen Waisenjungen Pip, der engelsgleichen Nell im kollektiven Gedächtnis verankert hat.
Sogar
eine Krankheit ist nach einer seiner Figuren benannt, das
Pickwick-Syndrom, bei dem die Patienten eine ähnliche Müdigkeit an den
Tag legen wie der Kutscher Little Fat Joe aus „Die Pickwickier“. Und
seine Werkschnipsel zieren auch Geldstücke. Auf einer neuen
Zwei-Pfund-Münze wird der Schuldner Mr. Micawber zitiert: „Something
will turn up.“ Noch berühmter hingegen der Satz des hungrigen Oliver
Twist, der es wagt, im Armenhaus bei der Essensausgabe um einen
Nachschlag zu bitten: „Please, Sir, I want some more.“
Bitte mehr! Bis zum Ende seines Lebens bleibt Dickens
der Unermüdliche. Er rackert sich ab, als Schriftsteller, Journalist,
Herausgeber, Theatermann, Wohltäter. Und als Sozialkritiker, Satiriker,
Humorist, Moralist, genialer Sprachkomiker – geschäftstüchtig,
leidenschaftlich, ruhelos. Er unternimmt meilenlange Spaziergänge stets
mit „grapschendem Auge“ eines Stoffsammlers, wie es ein Freund
formuliert, er geht auf strapaziöse Lesereisen, manchmal arbeitet er an
mehreren Büchern gleichzeitig. Während sein Vater einst im
Schuldengefängnis landet und den damals zwölfjährigen Charles
in die Schuhfabrik zum Arbeiten schickt, fühlt der sich selbst als
erfolgreicher Schriftsteller noch nicht genügend abgesichert und beginnt
ein Jurastudium für den Notfall. „Ein Verrückter“, sagt Claire Tomalin,
die eine der über 200 Dickens-Biografien
verfasst hat: Während er seine Freunde großzügig unterstützt und
unentwegt gesellschaftliche Missstände anprangert, setzt er seine
Ehefrau Catherine, die Mutter seiner zehn Kinder, nach 22 Jahren rüde
vor die Tür. Und dennoch sagt Claire Tomalin: „An seiner Menschlichkeit
zweifle ich nicht: Charles Dickens ist Menschlichkeit hoch zwei.“
Bitte mehr! Auch seine Leser können damals zeitweise gar nicht genug Dickens
bekommen, verlangen ständig Nachschlag. „Ist Little Nell tot?“, sollen
die New Yorker 1841 den ankommenden Passagieren eines Schiffes aus
England zugerufen haben und meinten damit die zarte Hauptfigur des
„Raritätenladen“. Die neueste Nummer des Fortsetzungsromans war in
England bereits erschienen. Und ja, Dickens
hatte das Kind trotz zahlreicher Bettelbriefe seiner Leser sterben
lassen, unter großen schriftstellerischen Schmerzen: „Mir blutet das
Herz – und doch muss es sein.“ Oscar Wilde aber spottete böse: „Man muss
schon ein Herz aus Stein haben, um von Little Nells Tod lesen zu
können, ohne zu lachen.“
Statt bitte mehr also vielleicht doch zu
viel? Während er zu Lebzeiten ein literarischer Superstar war, bei
dessen Lesungen nervenschwache Damen in Ohnmacht fielen, wurde nach
seinem Tod am Denkmal gekratzt. Zu viel Kitsch, zu viel Pathos, zu viele
Werke, zu viele Zufälle, zu viel Märchenhaftes – da entpuppt sich der
entflohene Sträfling als Wohltäter, der Bösewicht als
erbschleicherischer Halbbruder. Erst Mitte des vorigen Jahrhunderts
änderte sich das Bild wieder. Dickensian, das steht in England für
seinen unvergleichlichen Sprachstil. In Deutschland hingegen, schreibt
Biograf Hans-Dieter Gelfert (C.H.Beck, 375 S., 16,99 Euro), müsse man Dickens
als Dichter der Moderne, dessen „Weltsicht eher an Kafka als an die
bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts erinnert“, noch entdecken.
Charles Dickens,
dem Google zu seinem heutigen 200. Geburtstag ein Doodle widmet, starb mit 58 Jahren nach einer erschöpfenden Lesereise an einem
Schlaganfall. Obwohl er es sich anders gewünscht hatte, wurde er in der
Dichter-Ecke der Westminster Abbey beerdigt. Ganz nah bei Shakespeare.
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