Wetter
Mo.
21°C
Wetter
Di.
20°C

07. Februar 2012 09:01 Uhr

Literatur

Charles Dickens: Ein Doodle zum 200. Geburtstag des Schriftstellers

Charles Dickens feiert 200. Geburtstag. Google widmet dem großen Schriftsteller heute ein Doodle.

Charles Dickens war schon zu Lebzeiten berühmt.

Kein Denkmal! So verfügte es Charles Dickens in seinem Testament, das sechs Wochen nach seinem Tod in der Times veröffentlicht wurde. Und neben solch unerwarteten Details auch andere Überraschungen bereithielt. Zum Beispiel jene 1000 Pfund für seine Geliebte Ellen Ternan, die er bis dahin gekonnt vor der Öffentlichkeit verborgen hatte. Zu vergeben hatte er aber viel, viel mehr. Etwa 93 000 Pfund, ein Vermögen, das damals das Tausendfache eines durchschnittlichen Einkommens betrug.

Der Mann, der vor 200 Jahren am 7. Februar in Landport in ärmlichen Verhältnissen geboren wurde, hinterließ seiner Familie also ein in jeder Hinsicht reiches Erbe: Geld, das prachtvolle Herrenhaus Gad’s Hill, vor allem aber ein monumentales Werk, mit dem sich der Schriftsteller die Denkmäler schon längst selber gesetzt hatte: Oliver Twist, David Copperfield, A Christmas Carol, Bleak House ... „Sieben Sie die Weltprosa durch, und es bleibt Dickens“, schwärmte Leo Tolstoi, und für Robert Walser war er „ohne Frage der Häuptling, Major, Oberst und Generalstabschef der Schriftstellerkunst“.

200 Jahre Dickens werden auch in seiner Heimat gefeiert

200 Jahre Dickens! Sein erster Schullehrer nannte ihn The Inimitable, der Unnachahmliche. Und so wird er nun in seiner Heimat auch gefeiert: mit Tagungen, Theateraufführungen, Ausstellungen, Verfilmungen, Biografien, Editionen. Eben als der Insel größter Dichter neben Shakespeare, einer, der sich mit seinen verschrobenen Charakteren – gezählt 13 143 – wie dem herzlosen Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, dem armen Waisenjungen Pip, der engelsgleichen Nell im kollektiven Gedächtnis verankert hat.

ANZEIGE

Oliver Twist bittet beim Essen um Nachschlag – welch Vergehen

Sogar eine Krankheit ist nach einer seiner Figuren benannt, das Pickwick-Syndrom, bei dem die Patienten eine ähnliche Müdigkeit an den Tag legen wie der Kutscher Little Fat Joe aus „Die Pickwickier“. Und seine Werkschnipsel zieren auch Geldstücke. Auf einer neuen Zwei-Pfund-Münze wird der Schuldner Mr. Micawber zitiert: „Something will turn up.“ Noch berühmter hingegen der Satz des hungrigen Oliver Twist, der es wagt, im Armenhaus bei der Essensausgabe um einen Nachschlag zu bitten: „Please, Sir, I want some more.“

Bitte mehr! Bis zum Ende seines Lebens bleibt Dickens der Unermüdliche. Er rackert sich ab, als Schriftsteller, Journalist, Herausgeber, Theatermann, Wohltäter. Und als Sozialkritiker, Satiriker, Humorist, Moralist, genialer Sprachkomiker – geschäftstüchtig, leidenschaftlich, ruhelos. Er unternimmt meilenlange Spaziergänge stets mit „grapschendem Auge“ eines Stoffsammlers, wie es ein Freund formuliert, er geht auf strapaziöse Lesereisen, manchmal arbeitet er an mehreren Büchern gleichzeitig. Während sein Vater einst im Schuldengefängnis landet und den damals zwölfjährigen Charles in die Schuhfabrik zum Arbeiten schickt, fühlt der sich selbst als erfolgreicher Schriftsteller noch nicht genügend abgesichert und beginnt ein Jurastudium für den Notfall. „Ein Verrückter“, sagt Claire Tomalin, die eine der über 200 Dickens-Biografien verfasst hat: Während er seine Freunde großzügig unterstützt und unentwegt gesellschaftliche Missstände anprangert, setzt er seine Ehefrau Catherine, die Mutter seiner zehn Kinder, nach 22 Jahren rüde vor die Tür. Und dennoch sagt Claire Tomalin: „An seiner Menschlichkeit zweifle ich nicht: Charles Dickens ist Menschlichkeit hoch zwei.“

Bitte mehr! Auch seine Leser können damals zeitweise gar nicht genug Dickens bekommen, verlangen ständig Nachschlag. „Ist Little Nell tot?“, sollen die New Yorker 1841 den ankommenden Passagieren eines Schiffes aus England zugerufen haben und meinten damit die zarte Hauptfigur des „Raritätenladen“. Die neueste Nummer des Fortsetzungsromans war in England bereits erschienen. Und ja, Dickens hatte das Kind trotz zahlreicher Bettelbriefe seiner Leser sterben lassen, unter großen schriftstellerischen Schmerzen: „Mir blutet das Herz – und doch muss es sein.“ Oscar Wilde aber spottete böse: „Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um von Little Nells Tod lesen zu können, ohne zu lachen.“

Charles Dickens war zu Lebzeiten ein literarischer Superstar

Statt bitte mehr also vielleicht doch zu viel? Während er zu Lebzeiten ein literarischer Superstar war, bei dessen Lesungen nervenschwache Damen in Ohnmacht fielen, wurde nach seinem Tod am Denkmal gekratzt. Zu viel Kitsch, zu viel Pathos, zu viele Werke, zu viele Zufälle, zu viel Märchenhaftes – da entpuppt sich der entflohene Sträfling als Wohltäter, der Bösewicht als erbschleicherischer Halbbruder. Erst Mitte des vorigen Jahrhunderts änderte sich das Bild wieder. Dickensian, das steht in England für seinen unvergleichlichen Sprachstil. In Deutschland hingegen, schreibt Biograf Hans-Dieter Gelfert (C.H.Beck, 375 S., 16,99 Euro), müsse man Dickens als Dichter der Moderne, dessen „Weltsicht eher an Kafka als an die bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts erinnert“, noch entdecken.

Charles Dickens, dem Google zu seinem heutigen 200. Geburtstag ein Doodle widmet, starb mit 58 Jahren nach einer erschöpfenden Lesereise an einem Schlaganfall. Obwohl er es sich anders gewünscht hatte, wurde er in der Dichter-Ecke der Westminster Abbey beerdigt. Ganz nah bei Shakespeare.

Jetzt bestellen! Das neue iPad inkl. e-Paper.

Artikel kommentieren




Kinotipps
Ziemlich beste Freunde

Driss, gerade aus dem Gefängnis entlassen, will sich bei dem reichen Philippe nur den Bewerbungsstempel für die Arbeitslosenunterstützung holen. Doch Driss' dreistes Auftreten...

Trailer  |   Filmkritik
Kinoprogramm für

Ihr Kinoprogramm in:

Aktuell meist gesucht

Augsburg | Feuerwehr | Fasching | unfall | kamm | ramadan