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19.02.2018

Der Fußball und die Bundestagswahlen

Mutmaßlich kein Schaden fürs Politiker-Image: der damalige Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel 2014 inmitten der siegreichen WM-Mannschaft.
Foto: Guido Bergmann, dpa

Sportgeschichte Um das Spiel ranken sich viele Mythen. Einigen von ihnen macht eine Tagung gründlich den Garaus

Irsee Als Mythos bezeichneten die alten Griechen eine religiöse Erzählung. Wenn man sich an diese Ur-Definition hält, dann ist der Fußballgott tot. Denn bei der inzwischen 12. Sporthistorischen Konferenz der Schwabenakademie im Kloster Irsee machten sich zahlreiche Experten fundiert daran, einen politischen Fußball-Mythos nach dem anderen zu widerlegen und zu entzaubern.

Vor allem, aber nicht nur in Kriegszeiten und im Zusammenhang mit diktatorisch regierten Staaten, war der Fußball von Anfang an ein Mittel der Politik. Spiele und Spieler wurden für die „Konstruktion kollektiver Identitäten“ oder auch für eine bestimmte Interpretation geschichtlicher Ereignisse benutzt, wie Markwart Herzog, Direktor der Schwabenakademie und renommierter Sporthistoriker, darstellte. Das „Wunder von Bern“ etwa, der Sieg der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1954, gilt als „Gründungsmythos der Bundesrepublik“. Doch die Forschung habe gezeigt, dass dieser Erfolg des Nationalteams „keineswegs ein Mirakel“, sondern durchaus absehbar gewesen sei.

Solche Mythenbildungen sind aber keine Phänomene der Vergangenheit oder einer autoritären staatlichen Obrigkeit, sondern werden auch von den Vereinen, gewissen Fangruppen oder dem medialen Umfeld des Fußballsports begründet und befeuert. Dass der FC Barcelona während des Franco-Regimes in Spanien ein Ort des Widerstands gewesen sei, widerlegte Sven Ehlert. Und Markwart Herzog präzisierte in diesem Zusammenhang nochmals seine Kritik an der Selbstdarstellung der Geschichte des FC Bayern München während der NS-Zeit. Der Verein sei nicht ein Opfer des Hitler-Regimes gewesen, sondern „im grauen Mittelfeld mitgeschwommen“. Die Frage, ob dieses „schuldentlastende Opferselbstbild“ (Herzog) schlicht mangelnder Recherche geschuldet ist oder vom Verein bewusst zur positiven Imagebildung genutzt wird, konnte die illustre Wissenschaftlerrunde in Irsee nicht beantworten. Dem Mythos selbst wird jetzt aber groß angelegt auf den Zahn gefühlt: 2017 beauftragte der FC Bayern nach längerem Zögern und Poltern das Münchner Institut für Zeitgeschichte, die Vereinsgeschichte während des „Dritten Reichs“ unter die Lupe zu nehmen.

Das in den 1970er Jahren entstandene Bild, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) politisch „rechts“ und „reaktionär“ ausgerichtet sei, dekonstruierte Nils Havemann detailliert. Sportphilosoph Sven Güldenpfennig widmete sich der Geschichte des Verbandes vor und während des Ersten Weltkriegs und kam zum Schluss, dass der DFB zwar in den damaligen nationalistischen „Mainstream“ mit einstimmte. Einen „politischen Missionierungswillen“ des Fußball-Bundes könne er aber nicht erkennen. Auch heutzutage sollte sich das „Kulturgut“ Fußball außerhalb des ihn unmittelbar betreffenden Rahmens grundsätzlich nicht politisch betätigen oder vereinnahmen lassen. Übereinstimmend bewerteten Havemann und Güldenpfennig deshalb die aktuellen gesellschaftspolitschen DFB-Kampagnen, etwa gegen Rassismus, durchaus kritisch. Die Grenzziehung ist freilich schwierig, wie Hermann Queckenstedt aus eigener Erfahrung berichtete. Der Historiker hat nicht nur den bis heute von den Ultra-Fans kultivierten Mythos, dass der VfL Osnabrück im Arbeitermilieu entstanden ist, widerlegt. Er war auch von 2014 bis 2017 Präsident des Drittligisten.

Haben Erfolge des DFB-Teams bei Europa- und Weltmeisterschaft auch Auswirkungen auf die Ergebnisse von Bundestagswahlen? Es könnte da zumindest kurzfristig Zusammenhänge geben, berichtete der Wirtschaftspsychologe Till Dehne-Niemann, aber die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Studien ließen keine eindeutigen Aussagen zu. Das wird aber Politiker weiterhin nicht davon abhalten, sich gerne mit (siegreichen) Fußballern zu zeigen.

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