Freitag, 20. Oktober 2017

04. Oktober 2017 00:32 Uhr

Theater Augsburg

Der doppelte Freischütz

Neue Intendanz, neue repräsentative Spielstätte – doch Carl Maria von Webers populäre romantische Oper bleibt eine Herausforderung. Ein Regisseur zielt aufs Schwarze

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Blauäugig wäre, der den ersten Abend einer neuen Intendanz nicht auch als ein Zeichen verstehen wollte. Wann sonst, wenn nicht in diesem Moment, ist ein Credo, ein Bekenntnis zu erwarten?

Wenn nun der neue Augsburger Intendant André Bücker mit Webers nationalromantischem „Freischütz“ startet, dieser deutschen Prüfungsoper zwischen „Zauberflöte“ und „Meistersinger“, und wenn er dies zudem in einer alten Industriehalle als frisch eingerichteter Dauer-Ausweichspielstätte im Augsburger Martini-Park tut (weil das Große Haus auf fünf/sechs Jahre hin saniert wird), dann darf daraus zweierlei abgelesen werden. Erstens der feste Wille, auch in einem Gewerbegebiet der Theater-Illusion, dem Bühnenzauber und der Klangatmosphäre ein Podium zu geben. Zweitens, wesentlicher: Es sich nicht einfach zu machen.

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Denn „Der Freischütz“ mag populär sein, aber eine Oper, die allein schon durch Ausstattung und Spiellust wirkt, ist sie schon lange nicht mehr. An ihrer Naivität einerseits, ihren pathosgesättigten Dialogen andererseits und noch mehr an ihrem einzementierten Zeit- und Lokalkolorit hat sich schon mancher brave Regisseur die Zähne ausgebissen. Weil er, wo „Wald“ draufsteht, den dunklen Tann auch hegte – quasi als ein Fichtenkulturschützer.

Wer den „Freischütz“ aber heute noch über dessen illustrative Märchen- und Sagenhaltigkeit hinaus interessebindend inszenieren will, der braucht schon einen Hebel, einen Kniff, eine Brechung – zumindest eine dramatische Idee. Hinrich Horstkotte, der nun als Regisseur, Kostümbildner und Animator für den Augsburger „Freischütz“ auserkoren war, brachte sogar zwei Kniffe mit. Zum einen präsentiert er noch während der Ouvertüre den Jägerburschen Max als einen Autoren, der an einer heraufziehenden dunklen Geschichte (in Sütterlin) webt und schreibt – und auch mythische Quellen studiert.

Und zum Zweiten, und das wird visuell durchgezogen bis zum Finale, hat es dieser Max mit sich selbst alles andere als leicht. In ihm, der sich – trotz Gewissensbissen – grausiger Mittel bedient, um Erfolg, Gewinn, Ansehen zu erzielen, stecken gleichsam mehrere Wesen, mehrere Elemente. Dieser Max leidet an Spaltungen, an Doppelgängern, an einem mehrgestaltigen Alter Ego. Der verführerische Jägerbursche Kaspar ist ein Ich von ihm („Bruderherz!“), Samiel, der Dämon, ein zweites und eine von Horstkotte zusätzlich ins Spiel gebrachte Hexe wohl ein drittes. Max liegt – nicht zuletzt auch wegen des Dämons Alkohol – in ständigem Kampf mit diesen dunklen Identitäten und schwarzen Nebenmächten. Vollends zum changierenden Spiegel-, Verwirr- und Vexierbild gerät seine Persönlichkeitsspaltung in der Wolfsschluchtszene, die bei Horstkotte und seinem originellen Bühnenbildner Siegfried Meyer natürlich keine Naturdarstellung, sondern eine packende Seelenabgrundslandschaft im heimischen nächtlichen Schlafzimmer zeigt. Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Die wahnhaften Verstrickungen setzen sich fort, wenn Max zum entscheidenden Probeschuss ansetzt. Da fallen gleich viere um: Agathe und Kaspar natürlich, aber auch Agathes schlafwandelndes Alter Ego und Max selbst. Die Übermächte in Agathe und Max – Somnambulismus und Hasardeurhaftigkeit – scheinen nun erledigt und abgeschieden von dem sich wieder aufrappelnden Brautpaar, dem umgehend Bewährung auferlegt wird.

Doch auch eine solche Lösung des dramatischen Knotens bleibt Horstkotte letztlich noch zu eindimensional: Zum versöhnlichen C-Dur-Schlussakkord des Werks legt (sich) der kämpferische Max erneut an. Er nimmt den (nicht recht plausibel schwarz geschminkten) Eremiten auf Kimme und Korn – und dieser den Max. Der Wahn ist noch nicht aufgebraucht.

Alles in allem hat Horstkotte eine geistreiche, psychologisch verrätselte Inszenierung hingelegt, die den „Freischütz“ gleichsam zur düster-obsessiven Geschwisteroper von „Hoffmanns Erzählungen“ und deren bier- und weinseliger schwarzer Schauerromantik erklärt.

Wenn ihm dennoch kein Volltreffer gelang, er geschätzt nur sieben von zehn Ringen erzielte, dann lag das an den doch wieder recht konventionell geratenen Volksszenen, die mehr auf bajuwarische Trachten-Opulenz, auf Jauchzer und Jodler und toten Hirsch, auf gesteigert gute Festtagslaune, Ringelpietz, fotogen drapiertes Gruppenbild und herzige Tümelei setzten denn auf individuelle Bewegungsabläufe, ausdifferenzierte Charakterisierungen, Widerhaken. Eine Hochglanz-Illustration nahe am Idyll der guten alten Zeit, dem Horstkotte doch andererseits so wirkungsvoll schwarz im Kammerspiel entgegentritt… Dem Heimatminister dürfte es recht gewesen sein.

Das Ännchen hatte kein Alter Ego. Die ist so, wie sie ist: ein wenig anstrengend für Agathe in allen Ablenkungs-, Beschwichtigungs- und Aufmunterungsversuchen. Als Neuzugang am Theater Augsburg führte sich die Südkoreanerin Jihyun Cecilia Lee vielversprechend frisch, fokussiert, zunehmend strahlend ein. Und Sally du Randt trifft mit staunenswert jugendlichem Timbre die stets bange Gemütsverfassung der Agathe. Bei den Männer-Solisten ist da eher noch Luft nach oben: Der Tragik Maxens, speziell in dieser Inszenierung, kann Wolfgang Schwaninger mit eher gehärtetem, rauem Tenor adäquat entsprechen, doch bisweilen wünscht man ihm doch ein wenig mehr Stimmglanz – so wie Thaisen Rusch (Kilian) und Alejandro Marco-Buhrmester (Kaspar) ein wenig mehr Durchschlagskraft. Und der Bass von Stephen Owen (Kuno) strömt nicht so rund, voll und gleichmäßig milde wie der von Stanislav Sergeev (Eremit).

Ihre besten Momente hatten die Augsburger Philharmoniker und Generalmusikdirektor Domonkos Héja einerseits in der Dramatik der Wolfsschluchtszene, andererseits in der geradezu schwebend auszelebrierten „Freischütz“-Klangromantik. Chapeau insbesondere für die Hörnergruppe und die Klarinette, für Cello und Bratsche. Beseelt gesungen. Und auch der (Extra-)Chor mitsamt der Brautjungfern erwies sich als vortrefflich professioneller, sozusagen biedermeierischer Liederkranz. Eine kleine Tempo-Inkongruenz mit dem Orchester in der eher direkten, kantigeren Akustik der Halle wird schnell behoben sein können.

Unter dem Strich gilt: Den szenischen und musikalischen Herausforderungen des „Freischütz“ kann das Theater Augsburg auch in seiner Sanierungsphase, auch in der neuen Ausweichspielstätte – mit ihrer übrigens erstaunlich edlen Schauseite – trefflich und triftig begegnen.

im Martini-Park: 5., 8., 13., 31. Okt., 4., 11., 12. Nov.

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Ein Artikel von
Rüdiger Heinze

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal


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