Samstag, 23. September 2017

07. April 2009 10:20 Uhr

Die Antwort kennt ganz allein der Wind

München Geschichte wiederholt sich immer wieder mal. Da sitzt der Mann mit Hut an den Keyboards und singt zum Abschluss des Konzerts das Lied, das dem Mann zur Signatur geworden ist: "Blowin' In The Wind". Was heißt, singt: Bob Dylan nölt und näselt die Nummer, die seit 1963 ungezählte Konfirmanden-Freizeiten, Ostermärsche und Radio-Wunschkonzerte überstanden hat. Wie er immer näselt und nölt, seit vielen Jahren schon.

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Eigentlich ist es ganz gut, dass der Gutmenschentext im Jahr 2009 nicht mehr so richtig zu verstehen ist. Der Star und seine inspirierte Band verwandeln den Folk-Klassiker in eine Art Ringelspiel, mit altbackenen Orgeltönen. Und vielleicht ist das der richtige Weg, mit dem so ehrfürchtig wirkenden Erbe umzugehen.

Wieder einmal war das Chamäleon der Folk- und Rockmusik auf seiner immerwährenden Tournee in München. Das "Zenith" war ausverkauft. Es waren die da, die einmal den in der bürgerlichen Rezeptionsgeschichte als Protest-Ahnen und genialen Songschreiber gewürdigten Zampano sehen wollten. Es waren auch die da, die immer zu Dylan kommen und schon vorher rätselten, mit welchem Song der 67-Jährige wohl das Konzert eröffnen würde. Es war der Klassiker "Maggie's Farm" - nicht verschleppt, sondern in flottem Tempo vorgetragen, wie das der Besitzer von Dylans "Greatest Hits" erwartet. Dass der Meister sich kaum einmal von seinem Hocker erhebt, kennt man bereits. Er überlässt seinen drei Gitarristen den Frontplatz auf der Bühne. Nur gelegentlich geht er nach vorne, wie bei der hinreißenden Version von "You Ain't Going Nowhere", das man in der Countryrock-Version der Byrds kennt.

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Es ließe sich streiten über den Zustand von Dylans Stimmbändern, und oft lässt dieser raue Troubadour des 21. Jahrhunderts die Zuhörer allein, wenn er unbekanntere Titel anstimmt, die schwer zu verstehen sind. Die freuen sich dann, wenn sie zu "Just Like A Woman" den Refrain mitsingen können. Was Dylan und seine Mitstreiter anstellen, hat etwas Archaisches, mischt Boogie, Blues und Country-Klänge zu einem uramerikanischen Kneipen-Sound - was als Kompliment zu verstehen ist. Kein anderer Musiker verkörpert wie er das popmusikalische Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart. Ob er noch oft wiederkommt? Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind.

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Ein Artikel von
Rupert Huber

Augsburger Allgemeine
Ressort: Freier Mitarbeiter


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