Donnerstag, 18. Januar 2018

16. Dezember 2017 00:35 Uhr

Theater

Glotzt nicht so romantisch auf diesen Brecht!

An den Münchner Kammerspielen geben sie wieder „Trommeln in der Nacht“ – in zwei Versionen

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Bloß nicht zu viel Gefühl, bloß kein Pathos! Die Aufforderungen dazu sind unmissverständlich: „Glotzt nicht so romantisch“ steht auf Plakaten und Transparenten im Zuschauersaal der Münchner Kammerspiele. Gegeben wird Bertolt Brechts Drama, mit dem seine Karriere steil begann. „Trommeln in der Nacht“ war sein zweites Stück, das noch vor Baal aufgeführt wurde, 1922 hier an den Kammerspielen.

Fast 100 Jahre später kommt das Stück erneut auf den Spielplan. Zur Wiederkehr des Weltkriegsendes begegnet das Publikum wieder dem Kriegsheimkehrer Kragler, der vier Jahre lang als verschollen galt. Gerade als seine Verlobte Murk ein neues Heiratsversprechen gibt, mischt dieser Kragler alles auf: ein derber Kerl, roh vom Krieg, ohne Arbeit, aber mit so viel Hartnäckigkeit, dass sich Anna für ihn und nicht für Murk entscheidet. Weil aber Kragler in diesem Schluss seine Anna dem Spartakusaufstand auf den Straßen vorzieht, war Brecht ein Leben lang unzufrieden. Man könnte das Ende ja als antirevolutionären Impuls verstehen. Doch trotz mancher Überarbeitungen beließ Brecht den Schluss so.

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Regisseur Christopher Rüping bietet zwei Fassungen an: die von Brecht und die nach Brecht. Die eine, in der sich Kragler für Anna entscheidet, und die andere, in der Kragler am Aufstand teilnimmt. Aber diese Minuten am Schluss geben der Grundidee der Inszenierung keinen völlig neuen Dreh. Jedenfalls ergibt sich dieser Eindruck nach der Premiere der Fassung von Brecht am Donnerstagabend (Fassung zwei folgt am Sonntag). Rüping rollt das Stück historisch auf – immer auf der Spur nach dem „Glotzt nicht so romantisch“. Das Original-Bühnenbild ist nachgebaut, billige Pappkulissen, über denen ein roter Mond schwebt. Das hervorragende Ensemble (Christian Löber, Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Hannes Hellmann, Wiebke Puls und Damian Rebgetz) spielt im ersten Akt statisch und unterkühlt. So stellen sich Rüping und seine Darsteller die Uraufführung vor. Eine Verbeugung vor der Theater-Vergangenheit, aber gleichzeitig auch das Setzen des Grundthemas. So leuchten Rüping und seine Darsteller aus, wie sich das Darstellen des Menschen, vor allem seiner Gefühle, in 100 Theaterjahren verändert hat.

Stark, wie eine Szene lang die Tonspur einer historischen Aufnahme von „Trommeln in der Nacht“ zu hören ist, wenn sich Kragler und Anna auf der Bühne anstarren. Dazu überschießende Stimmen, scharrendes „R“, ein fremdes Erregungspathos. Später bleibt Löber als Kragler dem unterkühlten ersten Zugriff treu, während alle anderen in der Gegenwart ankommen und sich über den Kriegsheimkehrer-Romantiker lustig machen – sie brechen sein Pathos mit Ironie. Zum Schluss wird auch das gekappt, wird Brecht Textfläche. Die Schauspieler tragen dazu durchsichtige Science-Fiction-Metzgerkittel. Vor dem Ende wird das Publikum beschimpft: weil es Romantik von den Schauspielern erwartet. Nur gezwungenermaßen spielen die Schauspieler das Ende. Dann wird der rote Pappmond abgehängt. Im letzten Bild werden Mond und Kulissen durch einen Häcksler gejagt. Deutlicher kann man nicht zeigen, dass man gefälligst nicht so romantisch glotzen soll. Starker Beifall für eine starke Inszenierung.

20. Dezember, 1. Januar (Fassung von BB); 17. und 26. Dezember, 12. Januar (Fassung nach BB)

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Schlagworte

München | Bertolt Brecht | Baal

Ein Artikel von
Richard Mayr

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal