Die Brüder Dardenne und der Weg zurück ins Leben
In „Fahrraddiebe“, dem Klassiker des Neo-Realismus, treibt die Suche nach einem gestohlenen Rad das soziale Drama an. Viele Jahrzehnte später sucht „Der Junge mit dem Fahrrad“ seinen überlebenswichtigen Drahtesel. Doch auch wenn die Brüder Dardenne immer ein Auge für die soziale Situation ihrer Heimat Lüttich haben, ist das Rad diesmal Hilfsmittel auf dem Weg eines Jungen in seine emotionale Freiheit.
Nur das Rad kann ihn aus der emotionalen Blockade holen
Der offenste und luftigste Film der wallonischen Cannes-Seriensieger Dardenne erzählt vom zwölfjährigen Cyril (Thomas Doret), der immer wieder aus dem Heim abhaut, um seinen Vater zu suchen. Doch die alte Wohnung ist leer und Cyrils Fahrrad hat jetzt ein anderer. Der Junge wird immer rabiater. Man befürchtet schon die unabwendbare Abwärtsspirale eines tragischen Sozialdramas, da klammert sich Cyril bei einer seiner Fluchten zufällig an die Friseurin Samantha (Cécile de France), die ihn nicht mehr loslässt und seine Pflegemutter werden will. Sie geht souverän mit cholerischen Anfällen um und versteht schnell, dass nur das Fahrrad Cyril aus seinem Versteck, aus seiner emotionalen Blockade locken kann.
„Der Junge mit dem Fahrrad“ erzählt eine packende Geschichte von echten Menschen, gedreht in und um Lüttich, mit authentischen Schauplätzen, vielen Laien und nur einer Handvoll Profi-Schauspielern. Klar, direkt, glaubhaft, gut – so ist auch dieser Filme der Dardennes. Er ist etwas hoffnungsvoller als die Cannes-Sieger „Rosetta“ und „L’enfant“ und gradliniger als der Vorgänger „Lornas Schweigen“. Mit Absicht. Jean-Pierre Dardenne sagte, es würde sich zeigen, dass sie erstmals im Sommer gedreht hätten.
Weder Inszenierung noch Handlungsverlauf folgen den ausgetretenen Radwegen ähnlich klingender Geschichten. Vor allem im Finale legen die Brüder Dardenne eine moralische Volte hin, die lange nachdenken lässt. ****
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