Bernhard Langs Bühnenstück " I hate Mozart" erreichte nun in deutscher Erstaufführung und zum Mozartfest 2010 das Theater Augsburg. Das Musiktheater zeigt Biss. Von Rüdiger Heinze



Warum auch sollte es im Theater weniger menscheln als in jeder Stadtsparkassen-Zentrale, als in jedem Zierfisch-, Orchideen- und Karnickelzüchterverein?
Wir haben es hier zwar vielleicht nicht mit geschlossenen Anstalten zu tun, doch zumindest mit obskuren Systemen, in denen das Erfolgshoffnungsgrün stark übertönt wird vom Neidgelb, Sexrot und Mittelmäßigkeitsgrau. Genies, eifersüchtige Diven, schwule Solisten, sich hochschlafende Solistinnen und leitende Alphatiere, die derlei nicht nur mit sich machen lassen, sondern auch noch unterstützen, gibt es überall.
Das wusste schon Mozart und bestückte seinen "Schauspieldirektor" mit Personal aus dem Tollhaus - gefolgt von Donizetti ("Viva la Mamma!") und Hofmannsthal/Strauss, die nicht ohne Sarkasmus eine tiefernste Tragödin auf ein Lustspiel-Flittchen prallen ließen.
2006 nun setzten der österreichische Komponist Bernhard Lang (*1957) und der österreichische Librettist Michael Sturminger mit "I hate Mozart" die beeindruckende Musikgeschichtsreihe überspannter, psychopathologischer, ja kaputter Künstlertypen fort. Sein "Musiktheater in zwei Akten" erreichte nun in deutscher Erstaufführung und zum Mozartfest 2010 das Theater Augsburg.
Über allem steht der Ich-Erfolg
Und so werden wir rund um eine fiktive "Zauberflöten"-Produktion allerhand künstlerischer und privater Beziehungskisten ansichtig, die weniger konstruktive als zerfleischende Wirkungen zeitigen - alles im Streben nach dem Höchsten: Mozart. Darüber steht allerdings noch der Ich-Erfolg. Lang/Sturmingers maliziöser Humor führt ein Künstlervolk vor, das an der déformation professionnelle krankt. Jeder Einzelne - der Agent, der Mezzo, die zwei Sopranistinnen, der Tenor, die Regieassistentin - hat sich verheddert in einer Ansammlung von Obsessionen, Traumata, Verhaltensmustern. Schnell kommt der Betrachter zu zwei Schlüssen:
1) Das Theater ist ein Kristallisationspunkt von Unzulänglichkeiten.
2) Das Stück ist ohne Thomas Bernhard und dessen sprachliche Vernichtungen kaum denkbar.
Spricht man Lang auf Thomas Bernhard an, geht ein Leuchten über sein Gesicht, und er erklärt, dass es sein Traum wäre, ein Bernhard-Drama zu vertonen. Das ist wichtig, um seine stilistisch vielfältige Musik für Kammerorchester, großes Schlagzeug, Elektronik (und zwei Plattenspieler im Original) richtig begreifen zu können. Sie lässt sich in "I hate Mozart" weniger aus den Wiederholungsgirlanden der US-Minimal-Music ableiten denn aus den Befindlichkeiten von Protagonisten, die beharren, insistieren, stottern, skandieren, monologisieren, beschwören, kurz: in ihren Gedanken gefangen sind. Aus der in sich kreisenden Obsession, aus dem "Sprung in der (Schall-)Platte" gibt es - wie bei Bernhard - kein Entrinnen. Und das ist - wie bei Bernhard - mitunter enervierend, mitunter höchst eindringlich.
Das Leiden am Künstlertum
Die besten Momente stellen sich, wie meist in der Oper, dort ein, wo die Aktion anhält und die von Lang eingewebten (Mozart-)Partikel in ihrem Wiederholungsmuster zu schweben scheinen (Dalla sua pace). Die besseren Momente in Sturmingers Libretto aber finden sich dort, wo an einem der schönsten Berufe der Welt, also am Künstlertum gelitten wird - und nicht an den (mäßig interessanten) privaten Verwerfungen. Als ein Korrektiv zum allgemeinen Mozart-Kult trägt das Stück mit seinen verdichteten Depressionen jedenfalls bei - zumal in Freo Majers Regie die menschlichen Spannungen ausinszeniert sind, zumal Alfred Peters Szene, die das Publikum zuerst von der Bühne aus, dann wie gehabt vom Zuschauerraum aus betrachtet, albtraumhaft zu lasten im Stande ist: Mozart, der Übervater. Die Augsburger Produktion hat Biss.
Nicht unterschätzt werden dürfen dabei die technischen Anforderungen an die ausführenden Sänger und Instrumentalisten, die Kevin John Edusei am Pult präzis verzahnt. Das Chaos am Leben halten vor allem fünf Akteure: Kerstin Descher als freundlich giftspritzende Diva, Cathrin Lange, die mit schönem Timbre in ihre Fußstapfen zu treten beabsichtigt, Roman Payer, der sich als Tenor sexuell umorientiert hat, Stephanie Hampl als alleinerziehender Mezzo, und - hervorzuheben in seiner unendlichen Tragik - Christian Tschelebiew als Dirigent. Niemandem hat er in seinem Leben so geschadet wie Mozart. Rüdiger Heinze
Nächste Aufführungen am 21., 27., 30. Mai, 6. und 13. Juni.
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