Sonntag, 19. November 2017

15. November 2017 06:56 Uhr

Missbrauchsvorwürfe

Im freien Fall: Der Rausschnitt des Kevin Spacey aus der Filmwelt

Kevin Spacey steht nach den Missbrauchsvorwürfen vor den Trümmern seiner Karriere. Dass die Branche ihn so radikal von sich stößt, offenbart vor allem eines: Heuchelei.

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Ein Star im freien Fall: Kevin Spacey. 
Foto: Arno Burg, dpa

Ob er wohl schon in der Maske sitzt, der Schauspieler Christopher Plummer? Es würde nicht verwundern, denn die Zeit drängt für die Filmaufnahmen, die am 22. Dezember über die Kinoleinwände in den USA laufen sollen. Plummer ist der Einwechselspieler für den Kollegen Kevin Spacey, der ausgewechselt wurde aus dem Film „Alles Geld der Welt“. Sämtliche Szenen mit Spacey kommen aus dem bereits abgedrehten Streifen raus, die mit Plummer neu nachgedrehten rein, am Computer wird man es schon hinkriegen. Der Regisseur Ridley Scott und das Sony Studio haben das so entschieden, angeblich mit Rückendeckung des ganzen Produktionsteams. Anlass war das Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen Spaceys auf junge Männer, Schlagzeilen machte vor allem der Fall eines ehemals 14-Jährigen, den der angeblich betrunkene Spacey im Jahr 1986 angegangen haben soll.

Raus aus dem Film, so wie man in einem Text Passagen mit der Computermaus schwärzt und dann die Löschtaste drückt: In seinem drakonischen Zuschnitt ist die Entfernung des Schauspielers Kevin Spacey ein singulärer Akt. Aber die Stimmung in der Hollywood-Filmindustrie ist aufgeheizt seit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Produzenten Harvey Weinstein. Und die Fallhöhe ist groß bei einem Star wie Spacey, Protagonist von Filmen wie „American Beauty“ und der TV-Serie „House of Cards“. Ridley Scott blieb mit seinem großen Schnitt denn auch nicht allein, „House of Cards“-Produzent Netflix hat Spacey ebenfalls vor die Tür gesetzt.

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Hollywood zeigt mit dem Finger auf Kevin Spacey - und war doch längst im Bilde

Ist das nicht alles nur zu verständlich? Je mehr man über die Umstände dieses Falls nachsinnt, desto mehr Fragen tun sich auf. Haben denn da alle in Hollywood, die jetzt mit Fingern auf Spacey zeigen, selber eine so blütenweiße Weste? Wenn der Schauspieler tatsächlich der homosexuelle und pädophile Maniac war, als der er jetzt in grellen Farben gezeichnet wird, hat dann von diesem Treiben keiner derjenigen, mit denen er seinen erst einmal letzten Film gedreht hat, hat tatsächlich kein Ridley Scott und kein Sony-Boss in der Klatsch-Hochburg Hollywood etwas davon gewusst? Wahrscheinlich ist doch: Alle haben davon gewusst; womöglich galt (gilt?) das in der Branche, die sich seit jeher zum Gegenentwurf der Bürgerexistenz stilisiert, als Kavaliersdelikt. Man wird den Eindruck nicht los, dass in der Verteufelung des Kevin Spacey jede Menge Heuchelei im Spiel ist.

 

Der rigorose Schnitt in den Scott-Film dürfte denn auch keineswegs nur die Folge plötzlich erwachter moralischer Skrupel sein. Das Eliminieren von Spaceys Szenen ist der Versuch eines Befreiungsschlags aus ökonomischem Kalkül. Die 40 Millionen Dollar Produktionskosten sind zwar kein Rekord, aber auch nicht Peanuts für ein Filmstudio, so ein Betrag will mindestens refinanziert sein. Und finanzieller Schaden war vor allem an den US-Kinokassen zu fürchten gewesen, wenn Spacey an den Weihnachtstagen auf der Leinwand erschienen wäre – und eine unkalkulierbare Entrüstungswelle „Alles Geld der Welt“ zum Flop hätte werden lassen. Fast mutet der Titel des Films wie höhere Ironie an, denn genau darum geht bei dem Spacey-Exorzismus: um Geld.

 

Vielleicht aber – so könnten strategische Überlegungen lauten – wird mit dem Rausschnitt nicht nur ein finanzielles Desaster abgewendet, vielleicht wandelt sich der Pferdewechsel mitten im Fluss sogar noch zum Segen. Wenn nämlich das Implantat mit Ersatzmann Plummer gelingt und damit der Film in letzter Minute doch noch reingewaschen wird. Solche Geschichten von Rettung aus höchster Not liebt Hollywood – wäre die Operation am offenen Herzen von „Alles Geld der Welt“ dann nicht sogar einen Oscar wert? Dass jetzt mit dem Nachdreh so auf die Tube gedrückt wird, hat seinen Grund darin, dass der Film unbedingt noch in diesem Jahr in den USA anlaufen soll, um die Frist für das aktuelle Oscar-Rennen einzuhalten.

Und was passiert jetzt mit all den anderen Spacey-Filmen?

Aus dem Film über die (reale) Entführung des Milliardärs-Sprösslings John Paul Getty III ist Kevin Spacey, der den zunächst Lösegeld verweigernden Großvater verkörperte, definitiv draußen. Was aber geschieht mit seinem bisherigen Werk? Werden seine Szenen jetzt auch aus „American Beauty“ und „Die üblichen Verdächtigen“ herausgeschnitten, den beiden Filmen, für die er mit Oscars gekürt wurde? Fällt Spacey jetzt unter die „damnatio memoriae“, die Verdammung des Andenkens wie im alten Rom, als in steinernen Bildnissen die Gesichter der Betroffenen nachträglich herausgemeißelt wurden? Wird es Nachdrehs geben mit nachweislich unbescholtenen Schauspielern?

 

Wohl kaum. Die Aufregung um den Namen Spacey wird sich legen, seine Filme werden weiterlaufen so wie auch die Filme von Roman Polanski, dem seit Jahrzehnten der Missbrauch einer Minderjährigen anhaftet. Sicher aber ist, dass der Fall Spacey Hollywood verändern wird, vielleicht mehr noch als die Causa Weinstein. Bei Rollenbesetzungen – und gerade in den Hauptpartien – wird man künftig sehr bedacht sein auf den Ausschluss der Gefahr, dass da nach Ende der Dreharbeiten oder gar am Vorabend der Premiere noch ein Missbrauchs-Vorwurf dem angestrebten Verwertungsprozess in die Quere kommt.

Und noch etwas ist denkbar. Vielleicht wird der Aufstieg und der Fall des Schauspielers Kevin Spacey, der in seiner Vorliebe für hübsche Jungs offenbar keine Grenze kannte, dereinst mal den Stoff für einen Film abgeben, so wie sich gefallene Berühmtheiten schon wiederholt als Filmfiguren wiederfanden. In diesem Film wäre dann vielleicht auch die Rede von den Misshandlungen Spaceys durch seinen Vater, wie sie Spaceys Bruder öffentlich gemacht hat. Und möglicherweise handelte die Geschichte auch von der Verflechtung von Macht und Sex in der Filmbranche. Hollywood bespiegelt sich gerne selbst – warum nicht auch mal aus seinen dunklen Ecken?

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Ein Artikel von
Stefan Dosch

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal