Mittwoch, 23. August 2017

12. August 2017 10:30 Uhr

Survival-Sommer

Die Aufgabe: Mit dem Schlauchboot bis zur Donau

Die Heimat als Abenteuerraum – geht das noch? Aber ja! Wir haben uns für den Journal-Survival-Sommer ein paar Aufträge erteilt. Von Matthias Zimmermann und Michael Schreiner

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Die Aufgabe diese Woche:

Mit einem Schlauchboot auf der Schmutter bis zur Donau fahren. Maskottchen Herbert wohlbehalten zurückbringen. Ihn mit einem Brückenheiligen fotografieren und mit einem Fremden ein Seemannslied singen. Na dann los!

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Mit einem Schlauchboot auf der Schmutter bis zur Donau fahren. Maskottchen Herbert wohlbehalten zurückbringen. Ihn mit einem Brückenheiligen fotografieren und mit einem Fremden ein Seemannslied singen. Na dann los!

Das Boot ist Made in China, es ist knallrot, zugelassen für maximal 200 kg Besatzung. Vier Luftkammern! Weltniveau. Auf dem Karton steht auch „Bateau pneumatique“, was doch fast schon wie Romantik klingt. Die beiden putzigen Paddel zum Zusammenschrauben sind etwas größer als die bunten Plastiklöffelchen, die es in der Eisdiele gibt. Sie werden sich später aber nicht nur auf der trägen Schmutter, sondern auch in der Uferböschung bewähren – als Macheten im Brennnesseldschungel.

Schlauchboote haben etwas Lächerliches, Klappfahrradmäßiges – irgendwie vermuten die Leute gerne Dilettanten, Freizeitclowns und Blauäugige darin. Und genau das sind wir: ahnungslose Amateure, die auf der Schmutter bis zur Donau fahren wollen. Einstieg auf Höhe Kloster Holzen ca. 10.45 Uhr. Ungefähr 15 Flusskilometer liegen vor uns, haben wir am Computer sehr grob über den Daumen gepeilt …

Aus der Wundertüte Internet haben wir auch unser übriges Wissen über die Schmutter: Gewässer zweiter Ordnung (was auch immer das heißt), 76 oder 96 Kilometer lang (die Angaben schwanken), Quelle in den Stauden (irgendwo zwischen Mindelheim und Schwabmünchen); vor allem aber: Pegelstand Druisheim seit einer Woche ständig über 40 Zentimeter – schiffbar! Dass dieses Abenteuer in nicht wenigen Abschnitten eine Wanderung werden wird, ein Schlauchbootgeschleppe und -gezerre neben dem Wasser, an Maisfeldern vorbei, durch Dörfer und über Wiesen: Das war da noch nicht abzusehen. Vielleicht war es ein Fehler, dass unsere Vorbereitung im Wesentlichen darin bestand, als Ziel der Reise den Biergarten Gumpp auszuwählen. Aber dazu später mehr. Zum Gumpp, wie wir dahin gelangt sind und weshalb wir überm Bier fast eingeschlafen sind.

Jetzt gilt es erst einmal, dieses signalrote Stück Plastik zu dreidimensionaler Form aufzupumpen. Vier Kammern, haben wir das schon erwähnt? Danach ist die Lust groß, gleich ohne Boot ins Wasser zu springen. Heiß! Aber wer weiß schon, was noch kommt. Und dann gleich am Anfang nasse Klamotten? Stattdessen also den Einstieg ins Abenteuer gesucht, das hinter einer Mauer aus Brennneseln, Stauden und Dornen lockt. Zwischen zwei Bäumen, bei Kilometer 16 gleitet das Boot schließlich ins Wasser. Aber wie kommt man jetzt hinein? Es geht, irgendwie – und geht später immer besser. Die Schuhe sind schon nass, aber das ist egal. Nichts hält uns jetzt auf. Leinen los!

Wir fühlen uns klappradmäßig, irgendwie

An der Schmutter aber, das erweist sich bald in der gelebten Schlauchbootrealität, gibt es etwa dreimal so viele Wehre wie Graureiher – und wir haben alleine sechs gesehen, wie sie majestätisch davonfliegen. Großartiger Anblick. Überhaupt: Wäre alles so prächtig wie die Tierwelt an diesem Tag, wir hätten am Ende keinen Grund, uns wie Versager zu fühlen. Es gibt schöne blaue Libellen, auch grüne. Habicht, Buntspecht und eine Wildgans mit roter Brille lassen sich blicken. Sogar ein Eisvogel stürzt sich, wie ein irisierend leuchtender Edelstein, vor uns aus dem Uferdickicht – um Sekunden später wieder von ihm verschluckt zu werden. All diese Herrlichkeiten sieht man, wenn man auf der Schmutter dahinfährt. Also in unserem Falle: Immer wieder mal, kurzzeitig, abschnittsweise. Das sind die Euphorie-Kapitel dieser Geschichte. Die anderen handeln zum Beispiel davon, dass das 12-Uhr-Läuten von der Klosterkirche Holzen noch immer sehr, sehr nah klingt. Sie handeln von Matsch, Bremsen, Ratten unter einer Brücke und der Hilflosigkeit gegenüber dem Material Made in China.

Wir könnten erzählen von einem Elektrozaun, den wir sicher überqueren – autsch! Doch nicht. Und dann kommt, wenn die Schmutter keinen Lauf hat und wir Schmutterfahrer zwangsläufig ebenfalls nicht, auch noch Pech dazu. Wir stehen in Druisheim mit unserem Schlauchboot an der „Kapelle zur schmerzhaften Muttergottes“ vor verschlossenen Türen. Unter der Nummer, die man anrufen soll, um die Deckengemälde von Matthäus Günther bewundern zu können, hebt niemand ab. Die Schmutter, schiffbar? Wir fühlen uns klappradmäßig, irgendwie. Einmal, es regnet und Insektenzeug krabbelt auf der feuchten Haut, wir mit dem roten Schlauchboot mal wieder neben der Schmutter an Land unterwegs, denken wir an Klaus Kinski, der in Fitzgeraldo einen Wahnsinnigen spielt, der ein Schiff durch den Dschungel ziehen lässt... Schmerzhaft.

Die Kollegen in Augsburg haben uns kichernd noch ein paar Aufgaben gestellt, weil ihnen eine gemütliche Sommerkreuzfahrt in einem schnittigen roten Schlauchboot in einen Biergarten als Herausforderung doch ein wenig mickrig zu sein schien. Sie wissen es nicht besser – und geben uns ein schwarzes, großes, schlaffes Stofftier mit, das auf den seltsamen Namen „Herbert“ getauft ist. Herbert, der „Aushilfskapitän“ (O-Ton im Begleitbrief der Kollegen) muss immer wieder fotografiert werden, er soll die Tour unbeschadet (Hahaha!) überstehen. Wir sollen außerdem mindestens einmal die Schmutter überqueren, ohne das Wasser zu berühren, die Statue eines Brückenheiligen finden und dann ist da noch dieses Seemannslied, das wir …

Genug. Hätten wir zum Beispiel die Aufgabe gehabt, unser knallrotes Gummiboot an einem knallroten Mähdrescher vorbeizutragen – wir hätten gegen 14.25 Uhr Vollzug melden können. Was wohl der Hubschrauberpilot gedacht hat, der in diesem Augenblick über das Gelände flog: zwei rote Flecken, einer davon schaukelnd …

Das Gefühl für Entfernung, Zeit und Raum geht ein wenig verloren

Entfernung und Entschleunigung: Auf der Schmutter zu treiben und zu schweigen, ins geheimnisvoll moorige – oder ist es doch jauchefarbene? – Wasser zu schauen und sich fern von allem Vertrauten zu fühlen – es ist, selbst wenn man mit nasser Hose auf einem aufblasbaren Kissen sitzt, erhebend. Alles ist neu, und die Euphorie will geteilt sein.

Wir reden nicht viel, aber wir teilen, was uns durch den Sinn geht. „Wie in einem Indianerfilm“. – „Reise ins Herz der Finsternis“. – „Unentdeckte Mangrovenwälder in Schwaben.“ Auf Wasser nimmst du eine Perspektive ein, die alles fremd und anders erscheinen lässt. Wo sind wir? Wir wissen es nicht, das Gefühl für Entfernung, Zeit und Raum geht ein wenig verloren.

Mit einem Mal wird die Schmutter breit und breiter, ein majestätischer Strom – zumindest aus Sicht einer Schlauchbootbesatzung. Haben wir uns verfahren? Geht ja nicht. Das ist überhaupt das Gute an dieser Tour: Wir brauchen keine Karten, keinen Kompass, nichts. Immer mit der Fließrichtung, immer der Schmutter nach, die übrigens erstaunlich viele Wasserpflanzen kämmt auf ihrem abenteuerlich holprigen Weg in die Donau.

Es stellt sich Übermut ein – und es muss jetzt ausgesprochen werden, das Zauberwort: „Amazonas“. Wir sind auf dem schwäbischen Amazonas – Herbert, wir beschwören es bei der schmerzhaften Muttergottes, ist unser Zeuge! Andere haben wir nicht gesehen. Kein Angler, kein Libellenjäger, kein anderes Boot, nicht mal eine Luftmatratze. Dafür aber auch das: Im Vergleich wie tot wirkende Maisfelder bis ans Ufer. Der Regenwald stirbt.

So ein Schlauchboot, zugelassen für zwei Erwachsene und ein Kind, maximal 200 kg, wie erwähnt vier Kammern, ist nicht wirklich geräumig. Unseres ist voll: die gelbe Pumpe, zwei wasserdichte Säcke mit etwas Proviant und Flickzeug, die wasserdichte Kamera, Herbert, eine Wasserflasche, immer mehr Matschklumpen, außerdem Geäst, Blätter, Spinnen, ein Stock zum Messen der Wassertiefe – und zur Abwehr von Ästen, denen beim mehr oder weniger kontrollierten Herumkreiseln auf der Strömung kaum auszuweichen ist. („Du musst schon sagen, wenn da was kommt!“ „Hab’ ich doch! Achtung, schon wieder, diesmal links!“ „Ahhhrg…“) Und dann sind da noch die Füße im vollgestellten Fußraum, die immer größer werden, weil sie in den alten Turnschuhen, die wir tragen, längst aufgequollen sind vom ständigen Stehen und Waten durchs Wasser.

Druisheim jedenfalls liegt hinter uns. Eine Stunde hat es uns gekostet. Eine Stunde, in der wir schon beinahe souverän angelandet sind an einem Schild mit der Aufschrift, Rot auf Weiß: „Achtung Wehrabsturz Lebensgefahr“. Wie viele von diesen Tafeln wir noch sehen sollten… In der wir den heiligen Vitus und Herbert fotografiert haben – und mehrmals daran gescheitert sind, fremde Menschen dazu zu bewegen, mit uns bei schwülen 30 Grad und knallender Sonne auf der Straße ein Seemannslied zu singen. Sei’s drum. Kilometer 11,4, die Laune steigt, als wir wieder auf dem Wasser sind.

Patsch, schab, schlürf – wenn die Strömung beinahe versiegt und die Welt wieder mit uns schweigt, erinnern uns die Rudergeräusche daran, dass wir trotz des kindlichen Staunens („Warum hab’ ich das nicht schon früher mal gemacht?“) noch ordentlich Strecke zu machen haben. „Achtung Wehrabsturz…“ Der Glaube, unser Ziel zu erreichen, eint uns da nicht mehr. Aber wir sitzen nun mal in einem Boot.

Mertingen ist unser Schicksal. Hinter einer Kurve steckt ein Pferd seinen Kopf aus einem Fenster und schaut ungerührt zu, wie wir anlegen. Wenn Pferde reden könnten. Nach dem Wehrabstürzchen jedenfalls ist erst einmal Schluss. Kein Wasser mehr. Vier Kammern hin oder her, bei Pegel knapp über Knöchelhöhe ist nichts mehr mit schiffbar. Was tun? Pause machen.

Ein letzter, verzweifelter Versuch

Auch wenn die Schmutter kein Wildbach, sondern nur zweite Ordnung ist: Immer musst du konzentriert sein; ausweichen, wenn Steine in der Fahrrinne lauern; durchlavieren, wenn Bäume fast den ganzen Fluss absperren; den Himmel beobachten, an dem sich immer wieder Gewitterwolken zusammenschieben, sich dann aber wieder auflösen; Was dabei zu kurz kommt, ist: mal was essen, einen Schluck trinken, das Wasser aus dem Boot kippen.

Weiter geht’s mal wieder zu Fuß. Diesmal immerhin, ohne das Boot zu tragen. Kopf einziehen und unter der Brücke durch, hinein in den Tunnel, den die Bäume über uns formen. Das Boot ziehen wir hinter uns her wie eine Tigerente.

Das Ende kommt schleichend. Wahrscheinlich ist es ein Ast, der ein fingerdickes Loch in Kammer zwei reißt. Es blubbert jedenfalls gewaltig, als wir endlich wieder Fahrt aufnehmen wollen. Wir flicken, wir pumpen und fahren weiter. Aber das Boot bläst bald wieder wie ein harpunierter Wal. Auch uns geht langsam die Luft aus. Wir flicken, wir pumpen, wir fahren weiter – am Ende mit einer Hand auf dem Flicken. Die zweite hält unseren Bootsstock und versucht verzweifelt, die dicksten Äste abzuhalten, die auf der plötzlich zur Schnellstraße mutierten Schmutter über Boot und Mannschaft fegen.

Wir müssen raus. Es regnet. Und noch immer keinen gefunden, der mit uns singen will. Oh Mertingen! Gerade dann schickt irgendein Flussgeist uns Mathilde Kunze. Der Enkel, der auf dem Radweg zu ihr kommen sollte, lässt auf sich warten. Zeit für ein Lied! „Knallrotes Gummiboot“, wie schön klingt das! Der Ehrgeiz ist wieder geweckt. Schon sind wir wieder auf dem Wasser, zu einem letzten, verzweifelten Versuch. Aber… aufrecht gescheitert.

Zum Gumpp sind wir doch noch gekommen. Mit dem Auto. Bei Wurstsalat und Bier haben wir der rührend besorgten Kollegin mit leuchtenden Augen erzählt von Mangroven, Libellen und Wehren. Und irgendwann geschwiegen. Denn eigentlich kann man das nicht erzählen, was man erlebt mit einem Schlauchboot auf der Schmutter.

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