Donnerstag, 22. Februar 2018

29. Oktober 2017 18:00 Uhr

Theater Augsburg

Rasant: "Schwanensee" feiert Premiere im Martinipark

Ricardo Fernando stellt sich mit Tschaikowsky als Ballettchef in Augsburg vor. Das Finale des Abends legt er in Publikumshand.

i

Eine Tosca, die sich nicht von der Engelsburg stürzt, eine Mimi, die statt Gift Hustensaft trinkt – undenkbar in der großen Oper. Aber ein „Schwanensee“, der mit dem Liebesglück von Siegfried und Odette endet: Das geht. In der 140-jährigen Aufführungspraxis des Balletts finden sich beide Möglichkeiten – ein gutes Ende und ein tragisches, Letzteres sogar in mehreren Varianten. Dass allerdings das Publikum darüber entscheiden darf, welches Finale es sehen will, dies ist neu – wie so einiges andere auch in der Sparte Ballett in Augsburg.

Ricardo Fernando tritt ein schweres Erbe an

Seit dieser Spielzeit ist dort der Brasilianer Ricardo Fernando neuer Direktor. Er tritt ein schweres Erbe an, denn unter seinem Vorgänger Robert Conn blühte das Ballett in Augsburg regelrecht auf und machte sich über die Region hinaus einen Namen. Conn choreografierte zwar selbst nicht, lud aber namhafte oder noch unbekannte, aber vielversprechende Choreografen ein. Das wird weiterhin auch unter Ricardo Fernando der Fall sein. Der ist darüber hinaus ein selbst choreografierender Direktor und stellt sich und sein Ensemble nun mit Peter Tschaikowskys „Schwanensee“ vor.

ANZEIGE

Was hat man in Zukunft vom Ballett Augsburg zu erwarten, das war die Frage am Premieren-Abend in der Ausweichspielstätte Martinipark. Einiges, muss man zum Schlussapplaus sagen – auch wenn Fernandos „Schwanensee“ nicht jene Atemlosigkeit hervorrief, wie zuletzt Valentina Turcus „Carmen“ oder der famose „Nussknacker“ von Mauro de Candia.

Zunächst sollte man von der Musik sprechen, von jener traumhaft genialen Komposition, die Tschaikowsky für diese Geschichte um die Liebe eines Prinzen zu einer zum Schwan verzauberten jungen Frau schuf. Die Augsburger Philharmoniker machten sie zum Ereignis. Wuchtig und mit Pathos, dabei aber auch filigran und sphärisch, erklang sie an diesem Abend unter Generalmusikdirektor Domonkos Héja. Zu einem furiosen Einstand geriet dabei das Violinsolo im zweiten Akt für die neue Konzertmeisterin Jung-Eun Shin.

 

Spricht man über Tschaikowskys Musik, kommt man aber auch schnell auf Ricardo Fernando. Faszinierend passgenau setzt er sie in Bewegung um, macht das, was Héja und seine Musiker so vortrefflich zum Klingen bringen, sichtbar in Anmut, Eleganz und Temperament. Obwohl sein Vokabular nicht sehr variationsreich ist, begeistert es in der ästhetischen Qualität. Wunderbar anzusehen sind die rasanten und mit Humor umgesetzten Gruppentänze des Hofstaates, vor allem von Irupé Sarniento und Riccardo De Nigris als Königin und König. Der Tanz der vier kleinen Schwäne wird zu einem großartigen Tableau des ganzen Ensembles. Fernandos Schwäne sind wild, unheimlich, aggressiv und lassen gehörig Federn. Erstaunlich, wie der Brasilianer bereits jetzt am Beginn der Spielzeit eine homogen auftretende Compagnie aus vielen neuen Tänzern geformt hat.

"Schwanensee" in Augsburg: Keine radikale Neuinterpretation

Puristen allerdings werden bei diesem „Schwanensee“ die strengen Formationen, die legendären Stücke wie den Pas de deux mit der berühmten Serie von 32 Fouettés und die Divertissements im dritten Akt vermissen. Doch auch der Größe der Augsburger Compagnie geschuldet, löst sich Fernando temporeich, spannungsgeladen und witzig-frech vom Original, erzählt die Geschichte gerafft in einer Mischung aus neoklassischem und zeitgenössischem Tanzstil neu, entscheidet sich aber nicht für eine radikale Neuinterpretation des Klassikers.

Die traditionelle Doppelrolle der Odette/Odile besetzt Fernando mit zwei Tänzerinnen und macht so den inneren Konflikt zwischen Gut und Böse szenisch sichtbar. Zwei Frauen kämpfen um einen Mann – die eine ätherisch-innig, die andere erotisch-verrucht. Jiwon Kim Doede als weißer Schwan Odette und Karen Mesquita als schwarzer Schwan Odile überzeugen in ihrer Virtuosität ebenso wie in ihrer Ausstrahlung. Auch Marcos Novais glänzt mit technischer Brillanz als Prinz Siegfried, kann allerdings seiner Rolle im schauspielerischen Ausdruck nur wenig Kontur geben. Teuflisch gut im Gestus dagegen Lucas Axel da Silva als Zauberer Rotbart, der die Fäden in dieser Tragödie um Liebe zwischen Macht, Verrat und Eifersucht zieht. Überflüssig, dass sein diabolischer Blick in ärgerlichen Videoprojektionen (vor allem bei den realistischen Schwänen) aufscheinen musste. Zum Schluss: Ein Happy End sollte es zur Premiere sein.

 

i

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema
Ein Artikel von
Birgit Müller-Bardorff

Augsburger Allgemeine
Ressort: Kultur und Journal