Sonntag, 19. Mai 2013

29. Februar 2012 15:19 Uhr

Kinostart

Shame: Ewig auf der Flucht

Der schonungslose Blick auf einen Sexsüchtigen (Michael Fassbender), der seine seelische Leere durch den immerwährenden Kick zu füllen versucht. Von Fred Duran

Brandon (Michael Fassbender) scheint vor sich selbst zu fliehen.
Foto: Prokino/dpa

Brandon (Michael Fassbender) braucht Sex wie andere Kokain oder Alkohol: täglich und in steigender Dosis. Sein ganzes Leben dreht sich darum, wo er sich den nächsten sexuellen Kick holt: mit einem schnellen Flirt an der Bar oder einer Prostituierten, auf einer Pornoseite im Internet oder dem hastigen Masturbieren auf der Bürotoilette.

Jeder steuert auf seinen eigenen Abgrund zu

Brandons von der eigenen Sucht strukturierte Existenz wird empfindlich gestört, als seine jüngere Schwester bei ihm auftaucht. Sissy (Carey Mulligan) ist Sängerin, für ein paar Wochen in der Stadt und quartiert sich kurzerhand bei ihrem Bruder ein. Die Geschwister könnten gegensätzlicher kaum sein. Brandon frisst alles in sich hinein, Sissy lässt alles heraus. Dass beide eine schmerzhafte familiäre Vergangenheit teilen, ahnt man, wenn Sissy in der Bar die sterbensschöntraurigste Version von „New York, New York“ singt und Brandon eine einsame Träne aus dem Auge tritt. Bei aller Seelenverwandtschaft können die beiden einander nicht helfen. Jeder steuert auf seinen eigenen Abgrund zu.

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Der britische Künstler und Filmemacher Steve McQueen, der mit „Hunger“ über den Hungerstreik eines IRA-Häftlings ein eindringliches, radikales Filmdebüt vorgelegt hat, blickt schonungslos auf die Verhaltensmechanismen des Sexsüchtigen, die sich kaum von denen eines Drogenabhängigen unterscheiden. Auch hier verwandelt sich genussvolles Begehren in vollkommene Abhängigkeit, wird die Dosis erhöht, bis sich das ganze Leben allein nach der Sucht ausrichtet.

Fassbender spielt hervorragend

Der hervorragende Fassbender spielt den Süchtigen angstfrei und ohne Tour-de-Force-Gehabe, lässt in seinen Augen immer wieder die dröhnende seelische Leere seiner Figur durchscheinen, die vor sich selbst auf der Flucht zu sein scheint. ****

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