Hamburg/Berlin (dpa) - Pop-Literat, Bestsellerautor, Kult- Schriftsteller: Als Benjamin von Stuckrad-Barre 1998 mit «Soloalbum» sein Debüt lieferte, sorgte er für Aufsehen. Es folgten weitere Werke, eine eigene Sendung bei MTV.
Stuckrad-Barre lebte vorübergehend in Zürich. Seit 2006 wohnt er wieder in Berlin. Als Gesellschaftsreporter streift er seither durch die Hauptstadt und ganz Deutschland. Mehr als 50 seiner Reportagen und Porträts sind im Buch «Auch Deutsche unter den Opfern» nachzulesen. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa spricht der 35-Jährige über Begegnungen und Beobachtungen, die Kanzlerin und «Keinohrhasen».
In Ihrem Buch beschreiben Sie ein Interview mit Angela Merkel, in dem Sie sich mit ihr über Thüringer Würste und Erbensuppe unterhalten. Hatten Sie keine wichtigeren Fragen an die Kanzlerin?
Stuckrad-Barre: «Ich fürchte nichts mehr als das Interview für die Art von Porträts, wie ich sie schreiben möchte. Wenn ich eine Person begleite oder beobachte, wäre ich eigentlich am liebsten unsichtbar. Der Traum ist doch, dass der andere einen gar nicht mehr bemerkt. Dass man ihn beobachten kann, wie er seine Arbeit macht, wie er so lebt, denkt und spricht.»
Wie kam es denn dann zum Gespräch mit der Frau im «seltsamfarbenen» Jackett, wie Sie sie gern nennen?
Stuckrad-Barre: «Das war auf einer Fahrt mit dem Rheingold-Express quer durch Deutschland. Ich hatte mir alles ganz wunderbar vorgestellt: Acht Stunden lang zwei Reihen hinter der Kanzlerin sitzen, die ganze Zeit beobachten zu können, wie sie so ihren Kram macht - herrlich! Stattdessen fand ich mich in einem ganz anderen Wagen wieder, inmitten vieler Journalisten, während die Kanzlerin abgeschirmt im Panoramawagen fuhr. Wir sind dann immer an einzelnen Bahnhöfen ausgestiegen, haben die Kanzlerin auf einer Bühne gesehen, dann hieß es: wieder rein in den Zug. Daher habe ich ein wenig rumgemosert. Das war doch alles völlig witzlos, schließlich wollte ich die Kanzlerin porträtieren und nicht die Bahnhofsvorplätze!»
Und dann gewährte man Ihnen doch noch eine «Audienz»?
Stuckrad-Barre: «Ja, dann kam plötzlich die Ansage: Sie können die Kanzlerin jetzt vier Minuten sprechen. Hilfe, so war das doch nun auch wieder nicht gemeint! Musste aber gemacht werden, wäre ja fahrlässig gewesen, zu kneifen. Also saß ich ihr dann gegenüber und irgendwie war es wie bei "Madame Tussauds", weil man es ja im Grunde gar nicht begreift, dass sie da jetzt echt sitzt und einen freundlich anguckt, man kennt sie ja nur als Abbild. Vermutlich hat sie sich gedacht: Was will der denn? Und genau das wäre die richtige Frage gewesen, denn ich wusste das auch nicht so genau. Ein Gespräch, das völlig gaga, aber reizend war.»
Also sind Interviews mit den von Ihnen Porträtierten für Sie gar nicht zwingend notwendig?
Stuckrad-Barre: «Ich finde es immer interessanter, die Menschen in Aktion zu erleben und Situationen zu beschreiben. Wie bewegt der sich durch die Welt, wie spricht der mit Menschen, wie sieht sein Schreibtisch aus, wie benimmt der sich in seinem Auto? Das finde ich alles viel aufschlussreicher als ein Interview. Es sagt mehr über eine Person, als das, was derjenige selbst sagt. Wenn ich blödsinniges Interview-Zeug frage, "Was sind Ihre Schwächen" oder so, kann man mir halt eine kokette Antwort geben; ergiebiger ist es, mitzulaufen - und die Schwächen möglicherweise selbst zu erkennen. Wenn es dann immer heißt: So jetzt haben wir noch Zeit für ein Gespräch, Sie haben ja sicher noch jede Menge Fragen, müsste ich eigentlich ehrlicherweise antworten: Hoppla, nee, hab' ich nicht.»
Hat Sie eine Begegnung besonders berührt?
Stuckrad-Barre: «Ja, die mit Guido Westerwelle. Die Persona Westerwelle ist derart belastet - über den weiß ja nun jeder etwas. Den kann eigentlich kaum noch jemand normal betrachten, weil jedem zu ihm ein Witz einfällt. Das sind ja auch nicht nur Vorurteile, das sind auch Urteile. Und das alles zur Seite zu räumen und jemandem echt zu begegnen, das ist sehr schwer. Aber man muss es schaffen, muss bereit sein, sich überraschen zu lassen davon, dass jemand vielleicht doch ganz anders oder genauso oder doch noch komplizierter ist. Nach drei Tagen der Beobachtung des Vollprofis hat mich das schon sehr gerührt, dass man mit dem FDP-Chef auch kurz mal ganz normal reden kann.»
Auch anderen Politikern wie Cem Özdemir oder Frank-Walter Steinmeier haben Sie sich gewidmet, haben Wahlkämpfe und Kampagnen beobachtet. Interessieren Sie politische Themen besonders?
Stuckrad-Barre: «Ich denke, das kommt dadurch, dass ich über ein Jahr lang mit Helmut Dietl an einem Drehbuch geschrieben habe, das von der Politik in Berlin handelt. Von der Art, wie Politiker miteinander umgehen, nebeneinander leben, Intrigen spinnen, sich anfreunden und verfeinden. Danach hatte ich Lust, mir das in der Praxis wieder anzuschauen. Außerdem hat es mich nach diesem Jahr in Klausur gereizt, wieder Texte zu schreiben, die in einem überschaubaren Zeitraum fertig werden.»
Warum ist es für Sie so besonders reizvoll, Politiker zu beobachten?
Stuckrad-Barre: «Das Schauspiel all der Politiker wirklich zu beobachten und die angebliche Oberfläche - ohne das alles wirklich zu beschreiben und zu verstehen, kann man auch nicht die Zusammenhänge begreifen. Erst die Zusammenhänge verstehen und das andere als Theater abzutun, ist Unsinn, denn das Theater selbst ist ja Politik. So wird Politik gemacht: Wer mag wen nicht, wer ruft wen heimlich auf dem Handy an und so weiter.»
Aber auch mit Prominenten aus anderen Bereichen waren Sie unterwegs, haben zum Beispiel Friseur Udo Walz beim Polterabend beobachtet und haben sich mit Til Schweiger gemeinsam «Keinohrhasen» angeschaut. Wie war's im Kino?
Stuckrad-Barre: «Man kann es nun machen wie Kulturjournalisten, um damit überhaupt ihr Berufsbild und ihre sogenannte Kompetenz zu untermauern, und sagen: Der Film ist ja unter aller Sau! Sechs Millionen Deutsche gucken sich das an - schön und gut, aber es ist ja ein wirklich grauenhafter Kalauer-Film. Doch das alles interessiert mich nicht. Mich interessiert vielmehr: Was macht denn das mit diesem Typen? Warum kann er sich trotz dieses Erfolges noch immer so sehr über einen Verriss im "Spiegel" oder einen nicht erhaltenen Preis ärgern? Denn dass er das tut, finde ich extrem sympathisch.»
Wenn jemand wie Sie immer auf dem Laufenden sein muss, wird man da nicht schnell zum Informations-Junkie?
Stuckrad-Barre: «Ich lese drei bis vier Tageszeitungen täglich sehr genau durch, schneide auch Sachen aus und habe daran eine riesige Freude. Und ich gucke wahnsinnig viel Fernsehen. Das war es dann aber auch schon! Ein iPhone oder Blackberry aber benutze ich nicht. Dieses ständige Düdeln in der Hosentasche würde mich zu sehr ablenken. Für mich ist der Computer dann doch eher wie ein Briefkasten: Man kann hingehen und sich die Mails anschauen und im großen, weltumspannenden Gebrabbel herumlesen - es aber auch sein lassen und sich konzentrieren. All das permanent automatisch zu empfangen, würde mich wahnsinnig machen.»
Ihre Leidenschaft ist es, andere zu beobachten - wie sähe es umgekehrt aus?
Stuckrad-Barre: «Mich bei der Arbeit zu beobachten, geht gar nicht, weil ich dann einen Rappel kriege. Beim Recherchieren und Schreiben muss ich alleine sein, das ist für mich eine Art musikalischer Vorgang. Ich rede dann laut vor mich hin, lese mir Sätze vor und so weiter - wer mir dabei zusehen würde, müsste mich für irre halten. Ich tippe meine Notizen in den Computer, breite die Seiten auf dem Fußboden aus, gemeinsam mit den anderen diversen Dingen, die ich von Terminen immer so mitnehme in meiner großen Tasche. Ich sammle alles ein - bis hin zur Wurstpappe. Dann weiß ich beim Schreiben wieder: Ach ja, die hässlichen Kugelschreiber gab es bei der CDU - und schon bin ich wieder drin in der zu beschreibenden Situation und Szenerie. Außerdem habe ich wahnsinnig viel Angst vorm Schreiben. Es muss extrem viel Äußeres stimmen, damit ich einen Ton finde, jede Ablenkung muss verhindert werden.»
Für das Cover Ihres Buches haben Sie eine Installation von Martin Honert ausgewählt: Ein Junge sitzt allein an einem riesigen Tisch. Wieso fiel Ihre Wahl auf dieses Motiv?
Stuckrad-Barre: «Das Cover hatte ich schon sehr lange im Kopf - und auch immer große Sorge, dass das jemand anderes vorher benutzt. Es ist einfach das schönste Ding, das ich je in einem Museum gesehen habe. Mich rührt das wahnsinnig: Da sitzt jemand allein am Tisch, seine Beine reichen nicht auf den Boden, der Tisch ist zu groß, der Raum um ihn herum leer. Er guckt in die Kamera, ist ein Kind, aber gleichzeitig guckt er wie ein Greis. Was ist denn nun schon wieder los?, scheint er sich zu fragen, wo sind eigentlich die anderen? Wie geht es denn jetzt weiter? Genau so fühle ich mich beim Schreiben.»
Interview: Dorit Koch, dpa
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