Aachen (dpa) - Aachens Theater rollte den roten Teppich aus. Václav Havel, Schriftsteller und ehemals Präsident der Tschechischen Republik, kam, sah und siegte. Sein neues Schauspiel «Abgang» wurde am Samstagabend zum ersten Mal auf Deutsch gespielt.
Bevor die Aufführung begann, begrüßte das Publikum den weltberühmten Dramatiker im Großen Haus mit herzlichem Willkommensapplaus. Havel, dem es gesundheitlich nicht gut geht, lebte sichtlich auf.
Die Erstaufführung glückte über alle Erwartung, Havels Dramenkunst erwies sich auf höchstem Niveau; das Ensemble legte sich ins Zeug, begeisterte mit seiner Spielfreude das Publikum, und der Ausstatter steuerte für das Bühnenbild eine blendende Idee bei. Als Havel auf die Bühne trat, um gemeinsam mit dem Ensemble den Schlussbeifall entgegenzunehmen, erhoben sich die Zuschauer zum Applaus, um Havel und seine Mitstreiter zu ehren. Das Theater in Aachen erlebte eine Sternstunde.
In den Mittelpunkt seines Schauspiels rückt Havel Dr. Wilhelm Rieger; eben ist er als Kanzler abgewählt worden. Sieghart Klein dürfte sein Nachfolger werden. Rieger hat sich an die bequeme Dienstvilla gewohnt, die ihm als Kanzler zustand, er würde gern darin wohnen bleiben. Sein Nachfolger und Rivale Klein legt nahe, das könne er, wenn er mit seiner Opposition aufhöre und in der Öffentlichkeit den Anschein erwecke, Klein sei sein legitimer Nachfolger. Ansonsten droht die Verbannung in ein abgelegenes Dorf. Rieger zögert, da entwirft Klein seinen Alternativplan. Er kauft die Villa und plant, sie in ein Zentrum für das Volk umzuwandeln. Geschäfte sollen dorthin und für den Abend ein Erotikzentrum. Die Villa wird zum Bordell.
Das ist die zentrale Metapher des Stücks. Wo früher gepflegte Bürgerlichkeit herrschte, übernehmen jetzt Zuhälter das Ruder. Havel hat nichts von seinem Biss verloren. Er hatte noch nie Angst vor den Mächtigen.
«Abgang» bezieht das Handlungsmuster und Zitate aus Shakespeares «König Lear» ein als der Kanzler abgewählt wird, verliert er mit der Macht seine Anziehungskraft auf alle Opportunisten in seiner Umgebung. Die zweite Anspielung gilt Tschechows «Kirschgarten». Am Ende kreischen Motorsägen, man hört das Fallen der Bäume im Park. Überdies nimmt Havel den Kampf mit den Diktatoren im Theater auf. Er gibt seinem Regisseur vorab eine «Empfehlung, die sich auf langjährige Erfahrung des Autors mit der Inszenierung seiner Stücke stützt: wenn das Stück wirken soll, muss es ernsthaft, nüchtern, normal gespielt und nicht mit irgendwelchen grotesken Bewegungen, witzigen Regieeinfällen (...) Fratzen (...) ausgeschmückt werden (...)»
Nicolai Sykosch entfesselte bei seiner Erstaufführungsinszenierung die im Text beschworenen Geister. Der anarchische Humor kam in der inspirierten Inszenierung über die Rampe. Heinz Kloss überzeugte als Exkanzler. Die selbstkritischen Untertöne Havels an seiner allzu zurückhaltenden Amtsführung machte Kloss in seinem konzentrierten Porträt eines netten Kanzlers sichtbar; es erinnerte an Willy Brandts berühmte Warnung an alle Demokraten: Wir dürften nie wieder schuldig werden aus Schwäche.
Zum Gelingen der Inszenierung trug Stephan Prattes Bühnenbild entscheidend bei: ein überlebensgroßer, weit aufgerissener menschlicher Mund mit blutroten Lippen und schneeweißen Szenen, die Zunge weit herausgestreckt, fast bis ins Parkett - die Rolling Stones lassen grüßen. Das ist der Gestus des Dramatikers wie des Regisseurs: «Leck mich!» Havel, das hat Aachens Theater überzeugend spielerisch bewiesen, gehört zu Europas großen alten Meistern.
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