Dießen Salonatmosphäre herrscht im Kultcafé in Dießen: ein kleines Podium, drei Stühle, spärliches Publikum, von Moderator Peter Becher als "Alt-68er - und solche, die es werden wollen" bezeichnet. Sebastian Goy hat vierzig Jahre Prager Frühling zum Anlass genommen in seiner Reihe "Goys letzte Montage", Akteure der deutschen und der tschechischen Studentenbewegung über die jeweiligen kulturellen und politischen Standorte öffentlich, facettenreich und gemeinsam mit dem Publikum reflektieren zu lassen.

Einladung nach Deutschland
Neben Peter Becher, rechts und links Stepan Benda und Richard Szklorz. Bindeglied zwischen Benda und Szklorz ist Rudi Dutschke, der sich 1968 im Vorfeld einer Reise nach Prag vom "tschechischen Genossen" Szklorz "instruieren" ließ und sich mit den Prager Studenten, darunter auch Stepan Benda, in eine hitzige Diskussion verwickelte. Man lud die Prager nach Berlin ein. Als sie dort eintrafen, war bereits das Attentat auf Dutschke ausgeübt worden. Der mitgebrachte Übersetzer versagte bei dieser Reise, Szklorz sprang ein "... und seitdem streiten wir uns!" verrät Benda mit einem Augenzwinkern.
Als Streit wird das Gespräch nicht geführt, aber im Verlaufe des Abends wird deutlich, dass die politischen und kulturellen Positionen sehr verschieden waren: Während die Linke in Berlin "gegen ein ausdifferenziertes parlamentarisches System und das Spießbürgertum der Väter rebellierte" (Becher) waren bei den Tschechen die Eltern die Utopisten gewesen, die junge Generation müde der "Revolution" und auf der Suche nach einem reformierten, demokratischen Sozialismus. Benda dazu: "Wir wollten Parteien, wir wollten Opposition, wir wollten unser Leben in der Freiheit!"
Die deutschen Studenten - predigend und naiv auf die frisch erworbenen Kenntnisse der kommunistischen Literatur vertrauend - bedienten sich der Terminologie des realen sozialistischen Systems. Die Tschechen benutzten eine Sprache, die die deutschen Studenten an den Mief ihrer engen "ungelüfteten" (Goy) Demokratie erinnerte. Die Debatte zwischen den jungen Tschechen und Deutschen war intensiv und voller Missverständnisse, aber trotzdem fruchtbar und anregend, wie an dem Abend deutlich wurde.
Unterschiedliche Entwicklungen
Der "Delegationstourismus" (Goy) war allerdings von kurzer Dauer. Er endete mit dem Einmarsch der russischen Truppen am 21.August 1968, aber es sind lebenslange Verbindungen zwischen Menschen entstanden. Westdeutschland und die Tschechoslowakei haben danach zwanzig Jahre lang sehr unterschiedliche Entwicklungen genommen.
Peter Becher dazu: "In der CSSR trat eine zwanzigjährige Phase der 'Normalisierung' ein, während die BRD 'aufgewacht' ist." Die intellektuellen Kreise der CSSR vertrauten auf die Langzeitwirkung des "Wortes", in Deutschland steuerte man auf seinen Herbst zu.
Die Tschechoslowakei war, worauf in der Diskussion auch verwiesen wurde, seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime, das einzige Land, in dem eine friedliche Aufspaltung in zwei neue Nationen gelang: Tschechien und die Slowakei.
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