Landsberg - "Das war ein ganz verruchtes Nest" - Professor Dieter Borchmeyer sprach über die Familie Wagner, im Speziellen über Winifred und Siegfried Wagner und ihre Rolle im Dritten Reich. Von Alexandra Lutzenberger Von Alexandra Lutzenberger

Bei den ersten Landsberger Gesprächen unter dem Titel "Götzendämmerung" - Richard Wagner und das Dritte Reich" analysierten Borchmeyer (Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Wagnerexperte) und Dr. Manfred Osten (Autor und Kulturhistoriker) den Einfluss, den Richard Wagner und seine Musik auf Adolf Hitler hatten. Hitler hatte sich 1924 an Richard Wagners Sohn Siegfried gewandt und gesagt, dass "der Meister Wagner mit seinem Werk das geistige Schwert für den völkischen Sieg geschmiedet" habe.
Was das für ein geistiges Schwert gewesen sein könnte, dieser Frage gingen Osten und Borchmeyer in einem ideenreichen Gespräch auf den Grund.
Schon zu Beginn hatte Osten trotz des schweren Themas die Zuschauer zum Lachen gebracht. Auf die Einführung von Dr. Manfred Frei, der die Reihe im Stadttheater ins Leben gerufen hatte, und beide Redner "als ideales Tandem" bezeichnete, und ihre Qualifikationen hervorhob, sagte Osten: "Allzu viel Weihrauch verrußt den schönsten Heiligen."
Man müsse bei Eitelkeit immer aufpassen, denn Eitelkeit sei ein Defekt, den man von der Begabung abziehen müsse, manchmal bliebe dann nicht mehr viel übrig.
An diesem Abend war allerdings ein sehr kompetentes Rednerduo im Stadttheater. Die beiden legten anschaulich dar, welche Rolle Wagners Werk aufs politische Weltbild und die rassistisch weltanschauliche Weltsicht Hitlers hatte und ob hier nicht auch eine Fehlinterpretation von der Musik Richard Wagners vorlag.
Hitler lag jedenfalls die Revolution nahe - und das Heldentum. In Lohengrin (er rettet eine hilflose Frau, will sich aber nicht zu erkennen geben und niemanden Rechenschaft schuldig sein) sah Hitler eine faszinierende Führergestalt. Für Wagner war dieser Retter des Volkes aber eine rein romantische Erscheinung mit Hitlers biologischem Volksbegriff habe das überhaupt nichts zu tun, so Borchmeyer.
Hitler habe sich sehr mit dem Werk Wagners beschäftigt unter anderem auch mit dem Rienzi, einer Oper über einen Tribun - einen römischen Staatsmann. Rienzi will das alte Rom, das alte Imperium erhalten, scheitert aber am Chaos der Verhältnisse. Darin, so Borchmeyer, sah Hitler einen großen Fehler, denn Rienzi war als Einzelperson aktiv und hatte keine Partei hinter sich.
Hitler beschäftigte sich mit Wagners Werk intensiv, kannte es zum Teil auswendig und entwarf für Opern ganze Bühnenbilder. Borchmeyer: "Tristan und Isolde oder Parsifal haben eine Handlung, die sehr nach innen gerichtet ist, die Rituale sind sehr abstrakt und Parsifal ist mit Hitler gänzlich unvereinbar, denn Wagner ist hier schon sehr pazifistisch eingestellt."
Die Oper sei damals auch gar nicht aufgeführt worden, sie war den Nazis "unheimlich". Wagner sei ein Anhänger der Theorien Schopenhauers geworden. Seine anfängliche Kriegseuphorie habe sich später ins Gegenteil gekehrt.
Auch in der rassistischen Weltanschauung gebe es zwischen Hitler und Wagner gewaltige Unterschiede. Osten: "Natürlich war Wagner ein furchtbarer Antisemit, aber eigentlich ist dieser Antisemitismus für Hitler unbrauchbar.
Wagner wollte die Juden umerziehen, verwandeln, sodass sie von uns nicht mehr zu unterscheiden sind, er wollte, dass sie als Glaubensgemeinschaft untergehen, er wollte sie aber im Gegensatz zu Hitler nicht zerstören." Eine Ausrottung der Juden sei Wagner völlig fremd gewesen. Auch in seinem Werk sei nichts zu finden, was man in diese Richtung deuten könnte.
Auch im Dritten Reich wurde seine Musik von solchen Gedanken frei gehalten. "Wagner war Hitlers große Kitschecke, die Operette seine kleine", so Borchmeyer. Es gebe ganz andere Komponisten, die für Hitlers Reichsparteitage mit ihrer dramatischen Musik wesentlich besser geeignet gewesen wären. "Meyerbeer hätte musikalisch hervorragend gepasst", so Borchmeyer. "Aber er war Jude."
Trotz alledem dürfe man Wagner nicht gänzlich von den Folgen, die seine Musik auch anrichtete, freisprechen, so Borchmeyer. Schließlich habe er auch die fürchterliche Cosima geheiratet.
Seine Nachfahren vor allem Siegfried und seine Frau Winifred, die Hitler auch das Papier ins Landsberger Gefängnis schickte, damit er "Mein Kampf" darauf schreiben konnte, seien voll auf die grausigen Ideologien dieser Zeit abgefahren". "Sie waren treue Hitlerianer, das war ein ganz verruchtes Nest", so Borchmeyer.
Wagner habe sich aber auch in gewisser Weise selbst verraten. Sein Ring sei alles andere als ein Lobgesang auf das Germanentum, stehe eher für den Untergang, die Nichtigkeit der Macht und des Besitzstrebens, da passe es gar nicht, wenn sein Werk durchs Publikum als Heldenepos einschätzt werde. "Wagner hat dies zu seinen Lebzeiten allerdings zugelassen", so Borchmeyer. "Er machte diese Konzession an das Publikum, obwohl damit sein Werk eigentlich ad absurdum geführt wird."
Allerdings, so Borchmeyer, "brauchte er auch das Geld, er konnte sich nicht nur in der Sphäre der eigenen Genialität aufhalten."
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