Mittwoch, 13. Dezember 2017

Landsberg

30. Juli 2015 00:31 Uhr

Goys Letzte Montage

Der Anfang von allem, das Ende von einem

Der Autor präsentierte in Dießen Auszüge aus seinem Buch „Ans Leben verloren: Irdisch Lied von Licht und Dunkelheit“ Von Andreas Frey

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Sebastian Goy las im Maurerhansl in Dießen – assistiert von Anton Kaun und Elisabeth Günther – Auszüge aus seinem Buch „Ans Leben verloren: Irdisch Lied von Licht und Dunkelheit“. Foto: Andreas Frey

Was sich am Ammersee-Westufer so alles verdichtet, liegt manchmal neben der geläufigen Spur, ist aber auch kreativ und neuartig. So jüngst das „Lang-Gedicht“ von Sebastian Goy, das nicht weniger als Tod und Leben sowie Seitenhiebe auf die Schöpfungsgeschichte umkreist. Rund 80 Besucher kamen dazu am Montag ins Bühneng’wölb vom eigentlich geschlossenen Wirtshaus „Maurerhansl“.

Fürs Ammersee-Publikum genügte der Dießener Autor als Lockmittel vollauf, schließlich fungiert Goy sonst als Gastgeber der Kleinkunst-Abende „Letzte Montage“. In dieser Reihe sich selber ankündigen ging aber nicht, und so besorgte Verleger Matthias Klein vom Münchner Scaneg-Verlag die Einführung.

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Der als „Lang-Gedicht“ angekündigte Text hat selten Reime, besitzt aber durch kleine Wortwiederholungen und dialogische Strukturen eine fesselnde rhythmische Struktur, welche das Vortragspaar – der Autor gemeinsam mit Sprecherin Elisabeth Günther – mal in aufeinander folgenden, mal in ineinander verwobenen Lesepassagen prägnant zu Gehör brachte. Das Ganze aufgeteilt in einen 40-minütigen und in einen 25-minütigen Leseabschnitt, das ergab – kombiniert mit Einführungsrede und Pause – auch bereits einen vollständigen Kulturabend.

Die Vollständigkeit ist auch eines der Themen in „Ans Leben verloren“. Denn Sebastian Goy beginnt bei nichts Geringerem als dem Urknall. Von diesem springt er kühn in einen Kirchhof, der die Szenerie für eine Beerdigung bildet. Gewitzt wird hier der Anfang von schlicht allem gegen das Ende von nur einem gesetzt. Aus den radikal subjektiven Zeilen spricht Sarkasmus – gegen das Dichter-Selbst als blöderweise alterndes Geistgefäß. Aber bei den pointierten Worten gegen das Alter treffen sich natürlich Goys Gedanken mit denen vieler Zuhörer. „Verwirrt und namenlos landen wir auf dem Planeten, der sich entschieden hat zu existieren – wir haben uns nicht entschieden“, stichelt der Ich-Erzähler gegen sein Schicksal als „Clownsnummer in der Zirkusarena“ und meint damit wohl das Leben.

Beim Rücksprung zu Adam und Eva entwickelt sich die Lesung zum Highlight. Wie Elisabeth Günther kokett spricht: „Ich bin der Schöpfung Übungsgeschöpf; ich bin der Schöpfung billiardste Facette“, um dann kuschelpartnerheischend zu säuseln: „Ich bin ein Programm ohne Erfahrung“, so bewies dies nicht nur die textliche Qualität zu kunstvoll verschraubter Poesie, sondern – durch die hauchfein ziselierende Stimme – auch Hörspielqualität. Sebastian Goy hingegen rutschten manchmal gröbere Aussprachefarben durch, aber das machte eigentlich nichts, denn so blieb das lesende Paar erfreulich kontrastreich.

Und der Kontrast ist Programm, denn das „Irdisch Lied von Licht und Dunkelheit“ (so der Untertitel) zielt auf das Gegensatzpaar von Licht und Finsternis. Dieser Inhalt war der Wunsch des Verlegers, sagt Goy, aber er habe völlige künstlerische Freiheit gehabt. Seine manchmal bis ins Konfuse gehenden Gedankenverwicklungen kommentiert der Dießener spitzbübisch lächelnd: „Nicht alles ist nächtens entstanden, aber vieles sind tatsächlich Nachtgedanken.“ Anton Kaun unterbricht die „Strophen“ des Textes durch Elektronikklänge. Wie durch den Vorhang eines gestörten Radio-Empfangs kommen die pumpenden technischen Geräusche scheinbar aus einer anderen Dimension.

Im zweiten Teil des Abends wird die Licht- und Dunkelthematik entlang verschiedener Erinnerungs-Schlagwörter durchdekliniert. Da fehlen weder Gott noch Teufel, weder Kerouac noch Ginsberg. Überraschend der Appell-Charakter, als Goy sich erhebt und ins Publikum donnert: „Es richtet sich nicht nach dir, ob das Unwetter gehorsam das Land verwüstet“ – ein seltsamer (Un-)Sinn; doch ernst gemeint ist dann wohl die Strafpredigt gegen „sarrazin’sche Munitionierungen“ der Wohlstandsbürger in ihren klinisch reinen, „sagrotangesprayten“ Anwesen. Ergo haben wir etwas vergessen: „Es ist das Zwielicht, das uns Erscheinungen anbietet.“ Tosender Beifall lohnt den poetischen Dialog, der in den ambitionierten „Phöbus“-Heften des Münchner Scaneg-Verlages erschienen und im Buchhandel erhältlich ist.

Sebastian Goys Text „Ans Leben verloren: Irdisch Lied von Licht und Dunkelheit (poetischer Dialog)“ hat 72 Seiten, trägt ein Titelfoto des Dießeners Jörg Kranzfelder und ist erschienen im Phöbus-Heft 23 in der Reihe „edition s./Villa Q.“ des Münchner Scaneg-Verlags.

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