Vor Schülern und Lehrern, ehemaligen Landheimern und etlichen weiteren Besuchern befasste sich Lindner in einem halbstündigen Vortrag mit dem Zustand des Euro. Finanzpolitik ist zwar nicht das Spezialgebiet des Rechtsanwalts und technologiepolitischen Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion. Aber auch bei diesem Themenkreis ließ er es an einer deutlichen Wortwahl nicht fehlen. Für diese ist Lindner nicht zuletzt durch zahlreiche Fernsehauftritte bekannt, die er seit seinem Einzug in den Bundestag im vergangenen Jahr bereits absolviert hat. Die Besucher im Landheim bekamen seine unverhüllt düstere Darstellung der Lage geboten.
So manche vorbereitete Frage aus dem (Schüler-)Auditorium zu anderen innenpolitischen Themen verlor an Brisanz. "Ich glaube, dass Griechenland und andere Länder mit dem Rettungspaket nicht gerettet sind, wir haben uns nur Zeit gekauft zur Restrukturierung", sagte Lindner. Griechenland etwa werde auch durch die angekündigten Einsparungen nicht zu helfen sein, allein schon aufgrund "der nicht vorhandenen Steuermoral und -verwaltung". "Die sind über dem Rand", sagte Lindner.
Ein seiner Meinung nach mögliches Szenario einer Neustrukturierung der Währungsunion könnte etwa so aussehen: Länder wie Deutschland, Frankreich, die Benelux-Staaten und Österreich heben einen neuen Euro aus der Taufe, etwa in einem 2:1-Verhältnis zum jetzigen Euro. Der Vorteil für Schuldner: Ihre Verbindlichkeiten wären nur noch halb so hoch. Ausbaden müssten dies die Besitzer von Bargeld: Dieses wäre auch nur noch halb so viel wert. Drumherum könnte ein Kranz eng verbundener Staaten mit festen Wechselkursen und außen herum eine Art "gehobene Freihandelszone" entstehen.
Unkontrolliertes Platzen der Währungsunion
Die Alternativen wäre nicht besser, warnte Lindner: Denkbar wäre auch ein "unkontrolliertes Platzen der Währungsunion mit einer Hyperinflation". Von einer Rückkehr zur Mark riet Lindner ab: "Die D-Mark würde so stark werden, dass wir keine Schraube mehr exportieren könnten."
Blieb noch die Frage aus dem Publikum, wie viel Zeit mit dem Eurorettungspaket gekauft wurde. Das könnten Wochen, aber auch zwei Jahre sein, so der Bundestagsabgeordnete. Es könne aber auch ganz anders kommen, nämlich dann, "wenn sich die Finanzmärkte als Nächstes den Dollar vornehmen".
Schulleiter Helmuth Aigner lenkte den Blick auf die anstehende Bundespräsidentenwahl. Er wollte wissen, ob das Landheim mit Joachim Gauck vor zwei Jahren einen künftigen Bundespräsidenten zu Gast gehabt haben könnte. "Ich fürchte nicht", erwiderte Lindner. Er halte Gauck zwar "für unbedingt geeignet, doch wenn Wulff nicht gewählt wird, haben wir ein Problem", meinte der FDP-Politiker mit Blick auf die Regierung und mahnte: "Wir sind ja nicht auf dem Pony-Hof, wir müssen das Ganze im Blick haben." (ger)