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06. Februar 2012 07:00 Uhr

Dießener Geschichte

Hab’ an Dich gedacht und Dir was mitgebracht

Eine Ausstellung im Rathaus zeigt Wallfahrtsmedaillen aus der Zinngießerei Babette Schweizer

Dießen Mit einem Dießener Exportschlager aus vorindustrieller Zeit beschäftigt sich derzeit eine kleine Ausstellung im Dießener Rathaus. Die Wallfahrtsmedaillen der Zinngießerei Babette Schweizer waren seit dem späten 18. Jahrhundert fast in der ganzen katholischen Welt verbreitet. Die kleinen Zinngüsse waren beliebte Mitbringsel für die Lieben daheim, wenn die einfachen Leute eine Wallfahrt unternahmen nach dem Motto „Ich hab’ an Dich gedacht und Dir was mitgebracht“.

Zum Auftakt der kleinen Zinnschau des Gemeindearchivs vermittelte der Dießener Kunsthistoriker Dr. Thomas Raff in einem Vortrag ein Stimmungsbild aus der Blütezeit des Wallfahrtswesens zwischen 1650 und 1850. In den katholisch gebliebenen Landstrichen war das Wallfahren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor – und davon profitierte auch der kleine Marktort Dießen. Hierher wallfahrtete man nicht nur gern zur seligen Mechtildis, zeitweise wurden in dem Marktflecken im großen Stil sogenannte „fromme Waren“ produziert und vertrieben.

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Die Dießener Medaillengießer und Rosenkranzmacher sind Raff zufolge ein typisches Beispiel für das Oberländer Kleingewerbe der frühen Neuzeit. Wegen des rauen Klimas und der mageren Böden war ein großer Teil der Bevölkerung auf Erwerbsquellen außerhalb der Landwirtschaft angewiesen. Weit verbreitet war es, Kurzwaren herzustellen. Das waren nicht nur Dinge mit religiösem Charakter, sondern auch Knöpfe, Strohhüte, Schnitzwerke oder Hinterglasbilder.

Viele dieser kleinen Produktionsstätten hatten nur kurz Bestand. Eine Ausnahme bildet die 1796 erstmals erwähnte und noch immer bestehende Zinngießerei Babette Schweizer. Bis heute werden dort auch die Modeln aufbewahrt, in denen Zinn-Blei-Legierungen zu Medaillen gegossen wurden. Nur mit den Modeln lasse sich noch nachvollziehen, wie diese Wallfahrtssouvenirs ausgesehen haben. Denn die damaligen Güsse gibt es laut Raff längst nicht mehr. Meist brachen die Ösen schnell ab und dann waren sie unbrauchbar, um sie etwa am Rosenkranz zu befestigen, erläuterte der Referent. Sie wurden dann in Gewehrkugeln oder Fensterblei umgegossen oder einfach weggeworfen. Die Schweizersche Modelsammlung hält der Kunsthistoriker deshalb für „unglaublich wertvoll“. „Ohne sie hätten wir auf diese Massenproduktion des 18. Jahrhunderts überhaupt keinen Hinweis.“

Die kleine Rathaus-Ausstellung gewährt anhand von Medaillen, Modeln und Gerätschaften aus dem Hause Schweizer Einblicke in diese Produktion. Eine Landkarte neben dem Eingang zeigt, dass die Dießener Zinngießer für fast alle Wallfahrtsorte im süddeutschen Raum die von den Gläubigen verehrten „Gnadenbilder“ in Zinn gossen. Zumeist handelte es sich dabei um ovale oder herzförmige Mariendarstellungen. Daneben wurden auch die Attribute von anderen Heiligen gegossen. Wallfahrer zu einer Kopfreliquie des heiligen Sebastian in Ebersberg brachten beispielsweise gerne einen Sebastianspfeil mit, eine Andeutung des Martyriums dieses Heiligen. Als Andenken an eine Wallfahrt zum heiligen Wolfgang waren die „Wolfgangshackln“ genannten kleinen Zinnäxte beliebt, so ein weiteres von Raff genanntes Beispiel. Die „Nepomukszünglein“ erinnerten daran, dass die Zunge dieses Heiligen unverwest geblieben sein soll. Bekanntlich wurde er ermordet, als er sich weigerte, das Beichtgeheimnis zu brechen.

Mit der Kraxe in ganz Europa verteilt

In einer Zeit, in der es noch keine gut ausgebauten Verkehrsmittel und -wege gab, war die Verteilung der Dießener Wallfahrtsmedaillen und vieler anderer Kurzwaren aus Oberbayern wie Bänder, Bücher, Salben, einfacher Schmuck eine besondere logistische Herausforderung, verdeutlichte der Vortragende. Über Kraxenträger wurden diese Waren über weite Strecken vertrieben. Die Organisation dieses Hausierhandels lag in den Händen sogenannter „Verleger“. Um diese geht es im Ausstellungsteil im oberen Stock des Rathauses. Die bekanntesten dieser Kaufleute waren in Dießen Johann Baptist Baab (1716-1787) und seine Schwiegersöhne Johann Baptist (1741-1805) und Matthäus Anton Schorn (1737- 1802). In ihrem Auftrag waren laut Raff bis zu 600 Wanderhändler tätig. Weitere Verleger waren Mathias Göbhard (1716-1773) und Johann Paul Riedl (1727-1795). Ihre Handelsgeschäfte reichten bis nach Italien, Polen und Russland. Bilder zeigen die repräsentativen Häuser der Baabs und Schorns in der Herrenstraße und Hofmark.

Die Obrigkeit habe diese Kraxenträger aber nicht gern gesehen, weil sie sich der Steuerzahlung weitgehend entziehen konnten und den stationären Händlern Konkurrenz machten. Ende des 18. Jahrhunderts sei dieses Geschäftsmodell staatlicherseits zunehmend eingeschränkt worden.

Johann Baptist Baab hatte jedoch sein Geschäft gemacht. Er hatte aus kleinen Verhältnissen in Forst gestammt, in jungen Jahren als Maurer gearbeitet, dann mit dem Verkauf von Knödeln Geld verdient, bevor er in Dießen 1739 über die Heirat mit der Enkelin eines Rosenkranzhändlers in ein neues Geschäftsfeld einstieg. Als er 1787 als Freiherr von Baab starb, soll er ein Vermögen von rund 100000 Gulden besessen haben, das etwa dem Wert von 50 mittleren Bauernhöfen entsprach.

 Öffnungszeiten Die Ausstellung ist noch bis in den Frühsommer zu den Parteiverkehrszeiten zu sehen.

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