Samstag, 22. Juli 2017

Landsberg

05. Juli 2017 20:00 Uhr

Dießen

Mit 105 Flüchtlingen an Bord nach Lampedusa

Der Dießener Hans Rieß senior war Skipper auf der Seefuchs, einem Schiff einer Hilfsorganisation. Mit einer neunköpfigen Crew rettete er im Mittelmeer Menschen aus Seenot.

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„Tödliche Flucht übers Mittelmeer“, „Küstenwache rettet 8000 Menschen in 48 Stunden“ – fast täglich finden sich derartige Schlagzeilen in den Medien. Für Hans Rieß aus Dießen haben diese Nachrichten eine besondere Bedeutung: Er war selbst Teil einer Rettungsaktion, Kapitän auf der Seefuchs Mission1 der Regensburger Organisation Sea-Eye.

Einmal war er, wie berichtet, bereits im Frühjahr in Italien gewesen, um gemeinsam mit einer Crew der Sea-Eye Menschen vor dem Ertrinken zu retten, doch damals hatte das Wetter die Helfer am Auslaufen gehindert. Beim zweiten Mal startete Rieß als Skipper des zweiten ehemaligen Fischkutters der Organisation Sea-Eye.

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Eigentlich ist es die Aufgabe der ehrenamtlichen Seenotretter, die Flüchtlingsboote gewissermaßen abzusichern, den Menschen Rettungswesten und Wasser zu geben, bis beispielsweise die Küstenwache sie aufnimmt. An welcher Stelle sie gebraucht werden, bekommen die Helfer laut Rieß von einer Art Rettungsleitstelle in Rom, die fürs Mittelmeer zuständig ist, dem Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC), gesagt.

Die Boote werden nach der Rettung zerstört, damit Schlepper sie kein weiteres Mal nutzen

Diesmal kam es jedoch anders und härter, als alle in der neunköpfigen Crew erwartet hatten: Von Malta aus schipperten sie auf einer 38-stündigen Fahrt in die internationalen Gewässer vor der libyschen Küste. Bei der ersten Alarmierung ging es diesmal jedoch nicht nur darum, Schwimmwesten auszuteilen, es mussten Flüchtlinge an Bord genommen werden. „Vor Ort war schon eine spanische Fregatte, die hat Verstärkung angefordert.“

Der Dießener Metzgermeister zeigt die typischen Bilder der Schlauchboote, auf deren Rändern mit nach außen baumelnden Beinen zahllose Schwarzafrikaner sitzen. „Die Frauen und Kinder sind in der Mitte.“ In einem kleinen Schlauchboot seien diese Menschen dann in einem Art Pendelverkehr aufs Schiff geholt worden.

Führe die Seefuchs selbst zum Flüchtlingsboot, bestünde die Gefahr, dass die Menschen aufstehen und das Schlauchboot kippt. „Den Flüchtlingen zieht es die Beine weg“, beschreibt Rieß, wie vielen ins rettende Boot geholfen werden muss, da sie nach dem langen, beengten Sitzen keine Kraft mehr in den Beinen haben. „Wir hatten aber Glück, wir hatten keine Toten.“ Die Flüchtlingsboote werden danach zerstört, damit sie nicht erneut von Schleppern verwendet werden können.

Bunt wirken die Bilder, die Rieß zeigt – auf den ersten schnellen Blick: Es sind Geflüchtete, eingepackt in goldene Isolationsfolie. Denn der Wind ist in den Nächten kalt, zehn Grad Celsius war es dann an Bord. Die Menschen wurden später wieder von einem Schiff der Küstenwache übernommen, „bis um ein Uhr in der Nacht“ dauerte der Umstieg, erzählt Rieß.

Doch dann kam die noch größere Herausforderung für die Crew: Zwei Tage lang war die Seefuchs laut Rieß alleine in dieser Seegegend, die mit Flüchtlingen überfüllten Kriegsschiffe seien alle Richtung Italien gefahren. Die Seefuchs wurde an einem frühen Morgen wieder zu Flüchtlingen in Seenot dirigiert. „Es war ein Holzboot mit 48 Flüchtlingen drin und ein Schlauchboot mit 120 Personen – die Seefuchs nahm sie auf, bei starkem Seegang, ein anderes großes Schiff bot Windschutz während der Aktion.

Die Afrikaner kletterten über eine Strickleiter auf den Tanker

Übernehmen sollte die Geflüchteten später „ein 100.000-Tonnen-Tanker“, der am Abend kam. Für die Afrikaner hieß es umsteigen, mit einer Jakobsleiter, das heißt einer Strickleiter den Tanker erklimmen. Fotos verdeutlichen, wie hoch die Schiffswand des Tankers ist. Es herrscht starker Seegang, eine seefahrerische Herausforderung für den Skipper. Der Kutter sei immer wieder gegen den Tanker geschlagen, erzählt Rieß: „Bei 61 Leuten war Schluss“, dann sei wegen des Seegangs kein Umsteigen mehr möglich gewesen.

Die Direktive lautete nun, die Flüchtlinge nach Lampedusa zu fahren, zwei einzelne Kranke wurden noch vom italienischen Militär abgeholt. Die, die noch an Bord waren, wurden mit Reis und süßem Tee versorgt. Über 30 Stunden dauerte die Fahrt, und sie hätte noch länger gedauert, hätte nicht der Tanker als Windschutz fungiert, wie Rieß erläutert. Es habe Windstärke sieben bis acht geherrscht und schwerer Seegang, erzählt er, wie schwierig es war, die verbleibenden über 100 Flüchtlinge an Bord vor Unterkühlung und Nässe zu schützen.

"Die Schlepper fahren, ob sie's schaffen oder nicht"

Nichtregierungsorganisationen wie der Sea-Eye wird vorgeworfen, mit ihrer Hilfe den Schleppern Vorschub zu leisten. „Die fahren, ob sie’s schaffen oder nicht“, meint Rieß über die Motivation der Flüchtlinge. Daheim zu verhungern, auf der Flucht in der Wüste zu verdursten, in libyschen Flüchtlingscamps vergewaltigt oder verletzt zu werden oder auf dem Mittelmeer zu ertrinken, dies seien die Optionen dieser Menschen. Nicht die Zahl der ehrenamtlichen Retter habe zugenommen, sondern die EU-Staaten hätten ihre Hilfe zurückgefahren, beschreibt er die Situation auf dem Mittelmeer.

Und Rieß will erneut fahren, wenn es eine Anfrage gibt, er ist weiter in Kontakt mit der Organisation. Obwohl es anstrengend ist – oft waren für ihn als Kapitän, der die ganze Verantwortung trägt, nicht mehr als zwei Stunden Schlaf drin. „Es ist zum Glück nichts passiert, wir haben keinen Flüchtling verloren und es ist kein Crewmitglied verletzt worden.“

Mehr zur Situation der Menschen, die über das Mittelmeer flüchten, lesen Sie in diesem Artikel: 5000 Bootsflüchtlinge im Mittelmeer gerettet 

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