Montag, 21. August 2017

Landsberg

27. März 2015 17:08 Uhr

Holocaust

Sollen wir nichts tun?

Lions und Rotarier beschäftigen sich mit der Geschichte in Landsberg

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Das Engagement vieler ist notwendig, um das wenige, das noch vor Ort an das unrühmliche Kapitel deutscher Geschichte, den Nationalsozialismus erinnert, zu bewahren. Nicht nur aus diesem Grund hatten der Lions Club und der Rotary Club zum Landsberger Forum geladen, um sich erneut mit diesem Teil Landsberger Geschichte und dem nahenden 70. Gedenktag zur Befreiung der KZ-Außenlager Kaufering-Landsberg auseinanderzusetzen.

Referenten des Abends, der von Lions-Präsident Mathias Steinberg eröffnet wurde, waren Oberstleutnant Gerhard Roletscheck, Militärgeschichtliche Sammlung „Erinnerungsort Weingut II“, und Ulrich Fritz, für die KZ-Außenlager in Bayern zuständiger Mitarbeiter der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Der begann seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Gedenkkultur in Bayern. Die sei eigentlich ein neuzeitliches Phänomen.

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Schlüssel war lange Zeit verborgen

Früher, so berichtete er, sei nach Friedensschlüssen die Vergangenheit abgehakt und der Blick nach vorn gerichtet worden: „Nicht erinnern, sondern eher vergessen war das Programm.“ Das habe sich geändert, was dazu führte, dass persönliche Schicksale aus der Anonymität von Zahlen oder Listen heraustreten, was Gerhard Roletscheck in seinem Vortrag „Der Wahnsinn hatte einen Plan“ über die Bürokratie im Holocaust und die Organisation des Terrors durch die Nazis am Beispiel des Prager Zwangshäftlings Karl Klinger eindrucksvoll nachzeichnete.

Der Schlüssel dazu war lange Zeit im Holocaustarchiv des International Tracing Service in Bad Arolsen verborgen. Dort lagert unter anderem beinahe die komplette Dokumentation des KZ-Dachau, dem Stammlager der Außenstellen von Kaufering und Landsberg. Nach der Öffnung des ITS-Archivs konnten nun auch Gerhard Roletscheck und sein Mitstreiter in der Sammlung, Oberstabsfeldwebel Helmut Müller, rund 4000 Dokumente erhalten – Transportlisten, Anmelde- und Registrierungskarten und vieles andere mehr. Gerhard Roletscheck: „Die Dokumente zeigten uns nun in vielen Fällen den Weg.“ Plötzlich bekamen Nummern Namen und die Namen Gesichter, Familien und Schicksale.

Und Roletscheck hatte den Besuchern noch eine Zahl mitgebracht: 6334. Eine Zahl, die er mit Namen hinterlegen kann, 6334 Individuen, die in Landsberg und Umgebung in den KZ-Außenlagern ihr Leben ließen. „Die Dunkelziffer liegt weit höher“, bat die Historikerin Edith Raim bei der anschließenden Fragerunde ergänzende Fakten einzubeziehen und war damit zur Frage eines jahrzehntelangen Streits um korrekte Totenzahlen zurückgekehrt. Diese Einschätzung, so Ulrich Fritz, sei sicher korrekt, der Forschungsstand würde sich ständig aktualisieren. Natürlich habe es ehemalige Häftlinge gegeben, die an den Spätfolgen ihres Martyriums starben. Allerdings sei es wichtig, eine ungefähre Dimension zu definieren. Seine Erkenntnis: „Es wird niemanden geben, der jemals die richtige Zahl nennen kann.“

Der Mitarbeiter der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten erklärte den Gästen, weshalb er seine Arbeit, untrennbar verbunden mit der Arbeit vieler Privatpersonen vor Ort, für so wichtig halte. „Warum spreche ich über Orte und nicht über die Personen, die Namen und Schicksale?“ Er erinnerte an das erste Jahrzehnt nach dem Ende der Naziherrschaft, als das Vergessen das Erinnern zu verdrängen drohte. „Die meisten Überbleibsel dieser Zeit waren verschwunden.“ Auch in Landsberg war von den zehn Lagern – über die Existenz des geplanten Lager V gibt es laut Roletscheck bis heute keine Nachweise – nicht mehr viel übrig, bis auf die Friedhöfe. Deren Erhalt und Pflege obliegt den Kommunen, wurde meist aber von Privatpersonen, oft jüdischen Überlebenden, übernommen. Ulrich Fritz: „Die Friedhöfe sind da, wenngleich oft kaum zu finden.“ Die Inschriften der Gedenksteine seien heute kaum mehr verständlich. Der Bunker der Welfenkaserne dagegen sei und bleibe als Gedenkort ebenfalls da. Beides also sei gesichert, zumal das Militär in jüngster Zeit nicht zuletzt durch die Militärgeschichtliche Sammlung einen inneren Wandel vollzogen habe und sich zur eigenen Geschichte offen bekenne. Landsberg sei von historischer Bedeutung und in der Reihe der KZ-Außenlager von Dachau „der größte Brocken“. Deshalb habe die Stiftung auch eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die noch in diesem Jahr fertiggestellt werden solle und deren wichtiger Teil die Beantwortung der Frage nach einem Dokumentationszentrum darstelle.

Edith Raim ist der Meinung, dass viel Zeit, zu viel Zeit in der Aufarbeitung dieser Landsberger Geschichte verloren wurde: „Das ist ein Zeichen des Scheiterns.“ Ulrich Fritz ist da ganz anderer Meinung. Er räumte ein, dass sich die staatlichen Stellen zwar erst sehr spät beteiligt hätten („Wir sind nicht die Schnellsten“), doch was sei die Alternative: „Sollen wir nichts tun?“

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Ein Artikel von
Dieter Schöndorfer

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Ressort: Lokalnachrichten Landsberg


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