Freitag, 19. Januar 2018

Meinungen der Redaktion

01. März 2011 16:08 Uhr

Kommentar von Michael Pohl

An wem Guttenberg scheiterte

Wer meint, Guttenberg sei an den Medien gescheitert, tut den Journalisten zu viel der Ehre. Guttenberg ist an einem jungen Professor und hunderten Aktiven im Internet gescheitert.

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Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bei seiner Rücktrittserklärung in Berlin. dpa

In den vergangenen Tagen erlebten die Menschen auf der politische Bühne ein Drama mit vielen überraschenden Wendungen und vielschichtigen Charakteren: Der Sturz  des zum politischen Hoffnungsträger verklärten Jungpolitikers Karl-Theodor zu Guttenberg mit der immensen Fallhöhe vom Olymp der meist verehrten Menschen des Landes, spaltete die Republik und stahl allen anderen bedeutenden Ereignissen die Aufmerksamkeit. Doch am Ende des Stückes stehen alle Beteiligten vor einem Scherbenhaufen.

Guttenberg verlor nicht nur Doktortitel und das Verteidigungsminister-Amt, das auf ihn ideal zugeschnitten schien. Er büßte auch täglich mehr von seinem Mythos als Ausnahmepolitiker ein. Guttenbergs Verteidigungsstrategie war von Anfang an verheerend: Die erste Reaktion, alle Vorwürfe von sich zu weisen, mag noch menschlich verständlich erscheinen. Doch, dass er spätestens nach dem Treffen mit der Kanzlerin nicht vollkommen reinen Tisch gemacht hat, war sein taktischer Fehler. Er hätte es machen können wie Edmund Stoiber, als er einst in der CSU-Amigo-Affäre, alle Verfehlungen von sich aus öffentlich zugab, und so ein sicheres Fundament für seine spätere Karriere zementierte.

Doch indem Guttenberg ohne Not an seiner Version festhielt, er habe weder  absichtlich noch bewusst in seiner Doktorarbeit täuschen wollen, brachte er sich in eine ausweglose Situation.

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Als er diese Aussage selbst im Bundestag wiederholte, legte Guttenberg sein Schicksal in die Hände der Universität Bayreuth. Denn hätte die Uni nach ihrer Prüfung in zwei Wochen mitgeteilt, der Doktorand Guttenberg habe seinen Doktorvater und die gesamte Institution getäuscht, und dies vorsätzlich, wie es Gerichte allen vergleichbaren Fällen entschieden hatten – spätestens an jenem Tag wäre Guttenberg keine andere Wahl geblieben als der Rücktritt. Die Opposition hätte mit amtlichem Segen behaupten können, ein Minister habe das Parlament belogen – eines der schlimmsten Vergehen in der Demokratie überhaupt.

Der fränkische Freiherr hat sich verkalkuliert, als er darauf vertraute, dass die einst mit ihm verbundene Universität, trotz Verfehlungen nicht den Todesstoß für seine Karriere versetzen würde. Der Jura-Professor Oliver Lepsius hat mit seiner Anklage, Guttenberg sei ein vorsätzlicher Betrüger, für die Universität Grenzpfeiler eingerammt, hinter welche die Prüfungskommission später kaum noch zurück hätte können.

Guttenberg hatte zu mächtige Gegner, nachdem Kanzlerin Angela Merkel fahrlässig die gesamte forschende Wissenschaft gegen den Minister aufgebracht hatte. Es war die Gemeinschaft der Wissenschaft, die Guttenberg so schnell scheitern ließ. Sie hielt dem CSU-Politiker und der Vorsitzenden der CDU jene Werte vor, die konservative Politiker in jeder Wahlrede bemühen.

Es waren junge Studenten, die das gigantische Ausmaß von Guttenbergs Plagiat enthüllten. Und es war die deutsche „Generation Facebook“, die Guttenberg im Internet mit laufenden Ermittlungen vor sich her trieb. Jene jungen Menschen, für die der Minister zuvor als ein Hoffnungsträger eines neuen Politikertyps galt wandte sich von ihm ab. Die Entzauberung Guttenbergs vom „deutschen Barack Obama“ zum „Dieter Bohlen der Politik“ verlief nirgends so schnell wie im Netz.

Wer meint, Guttenberg sei an den Medien gescheitert, tut den Journalisten zu viel der Ehre. Der Plagiator Guttenberg ist an einem jungen Professor und hunderten Aktiven im Internet gescheitert. Für den Politiker Guttenberg gilt dagegen eine Weisheit des altgedienten SPD-Granden Klaus von Dohnanyi, der seinen eigenen Sturz als Hamburger erster Bürgermeister rückblickend so erklärte: In der Politik scheitert man nicht an den anderen, sondern in allererster Linie an sich selbst.

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