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22. Februar 2012 14:33 Uhr

Leitartikel

Betroffenheit auf Knopfdruck?

Deutschland gedenkt der Opfer rechter Gewalt. Dem Gedenken muss nun das Denken folgen.

Vor 4182 Tagen starb Enver Simsek. Er war Türke und arbeitete als Blumenhändler. Er und seine Familie waren in Deutschland integriert. Er wurde kaltblütig erschossen, mitten in Nürnberg. Er war das erste von zehn Opfern einer Neonazi-Gruppe, die mordend durch das Land zog – und jahrelang unentdeckt blieb. Heute wird der Name Enver Simsek in Berlin fallen. Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod findet dort eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechtsradikalen Terrors statt. Die Deutschen wollen damit ihre Betroffenheit, ihre Wut, ihre Trauer über die Taten zum Ausdruck bringen. Betroffenheit auf Knopfdruck? Als Termin im Kalender? Mitnichten.

Wer verstehen will, was die Mordserie für dieses Land bedeutet, sollte heute Semiya Simsek zuhören. Sie wird bei der Gedenkfeier sprechen. Als ihr Vater Enver starb, war sie 14 Jahre alt. Deutschland ist ihre Heimat, sie wurde hier geboren. Doch sie hat das Vertrauen in diesen Staat verloren. Sie sucht verzweifelt nach Antworten. Wie nur konnte diese beispiellose Mordserie so lange ungeklärt bleiben? Warum überwacht der Verfassungsschutz mit großem Aufwand demokratisch gewählte Politiker der Linken und übersieht dabei das verbrecherische Treiben der Rechten? Warum schlossen die Ermittler ausländerfeindliche Motive so früh aus, obwohl neun der zehn Mordopfer türkische oder griechische Wurzeln hatten?

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Fragen wie diese stellen sich viele Deutsche, seit die Zwickauer Terrorzelle im November entdeckt wurde. Deren Taten waren von der Öffentlichkeit zuvor mehr als ein Jahrzehnt lang mit einer merkwürdigen, ja im Nachhinein verstörenden Gleichgültigkeit wahrgenommen worden. Vor drei Monaten dann wich die Gleichgültigkeit der Fassungslosigkeit. Der Fassungslosigkeit über die Brutalität der Mörder, über die unterschwellige Fremdenfeindlichkeit, die seit den Anschlägen in Solingen, Rostock oder Mölln in den neunziger Jahren nie wieder so offenkundig zutage getreten war. Viele Deutsche sind aber auch fassungslos über die eigene Gleichgültigkeit. Geschichten wie die des Blumenhändlers Enver Simsek haben sie nachdenklich gemacht.

Das Gedenken an die Opfer kann nur der erste Schritt sein. Er ist wichtig, denn er schickt das Signal in die Welt hinaus, dass Deutschland den Fremdenhass nicht bagatellisiert oder schulterzuckend hinnimmt. Doch dem Gedenken muss nun das Denken, das Überdenken, das Nachdenken folgen. Jeder Einzelne sollte sich fragen, was er selbst dazu beiträgt, dass Fremdenfeindlichkeit und extremistisches Gedankengut in diesem Land keinen Platz haben. Es geht nicht darum, an einem Tag im Kalender in den Betroffenheitsmodus zu schalten. Es geht auch nicht darum, ein ausländerfeindliches und damit falsches Bild von Deutschland zu zeichnen. Sondern es geht darum, die Gefahr von Rechts ernst zu nehmen.

Dazu gehört die Aufklärung der Ermittlungspannen genauso wie die dringend notwendige Reform des Verfassungsschutzes, der im Kampf gegen den rechten Terror in erschütternder Weise versagt hat. Dazu gehört das Verbot von Parteien wie der NPD, die mit Hilfe von Steuergeldern braune Netzwerke stricken. Dazu gehört aber vor allem eine Integrationspolitik, die zerstörtes Vertrauen wiederaufbaut, die Fremden stärker das Gefühl vermittelt, dazuzugehören, ein Teil dieses offenen Landes werden zu können.

Semiya Simsek hat dieses Gefühl verloren. Heute spricht sie in Berlin über den Mord an ihrem Vater. Sie will die Öffentlichkeit aufrütteln. Im Sommer wird sie Deutschland verlassen. Sie geht in die Türkei – ein fremdes Land, aber das Land ihrer Eltern.

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