Immer mehr materieller Wohlstand macht die Menschen nicht glücklicher.

Maß zu halten, im privaten wie im öffentlichen Leben – das ist eine jener Kardinaltugenden, deren Einhaltung sowohl den griechischen Denkern der Antike als auch den großen Lehrmeistern der christlichen Ethik als wesentliche Voraussetzung für eine gute gesellschaftliche Entwicklung galt. In der modernen Welt des Westens, die nach immer mehr Wohlstand und ungezügeltem Wachstum strebt, ist dieser Wert aus der Mode geraten. Das rechte Maß in allem zu wahren: Das klingt irgendwie verstaubt und unzeitgemäß und nach erhobenem Zeigefinger.
In Wirklichkeit jedoch ist eine Rückbesinnung auf diese Tugend dringender denn je. Gerade die dramatische Banken- und Schuldenkrise, die Europa im Würgegriff hält, hat ja vor allem mit einem Mangel an rechtem Maß zu tun.
Es war das maßlose Profitstreben von Banken und Finanzjongleuren, die das globale Finanzsystem um ein Haar in den Abgrund gerissen haben. Es war die maßlose Staatsverschuldung, die ganze Staaten in die Zahlungsunfähigkeit getrieben hat und jetzt den Euro gefährdet. Der Befund des Bundesfinanzministers Schäuble, „die grenzenlose Gier nach immer höheren Gewinnen“ sei für die Finanzkrise verantwortlich, trifft zu. Was er verschweigt, ist: Der Anteil der Politik an den Auswüchsen dieses „extremen Pumpkapitalismus“ (Ralf Dahrendorf) wiegt mindestens genauso schwer.
Es war doch die Politik, die dem Zocken mit billigem Geld den Boden bereitet, den Märkten freie Hand gelassen und das aberwitzige Spiel ohne hinreichende Kontrolle geduldet hat. Und wenn den meisten Staaten heute das Wasser bis zum Hals steht, dann ist dies in erster Linie die Folge einer Politik, die staatliche Wohltaten auf Pump finanziert und jedes rechte Maß aus den Augen verloren hat. Der Gedanke der Nachhaltigkeit, der mit dem Wert des Maßhaltens aufs Engste verknüpft ist, hat in der Umweltpolitik zum Glück längst Wurzeln geschlagen und den schonungslosen Raubbau an der Natur zumindest gebremst. Für die Schuldenmacher ist Nachhaltigkeit ein Fremdwort geblieben, obwohl diese Art der Maßlosigkeit den nachfolgenden Generationen schwere Lasten aufbürdet. Jetzt ist jene lange missachtete „Kunst der Beschränkung“ (Otfried Höffe) gefragt, die zugleich versucht, mit niedrigeren Wachstumsraten auszukommen. Es ist ein schwieriger Prozess, weil in diesem wohlhabenden Land bei Weitem nicht alle Menschen „über ihre Verhältnisse“ leben und der Sozialstaat intakt bleiben muss. Aber eine erneuerte, von kapitalistischen Exzessen gereinigte Soziale Marktwirtschaft hat die Instrumente, um die notwendige mentale Umkehr zu orchestrieren. Die Kunst besteht darin, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und sozialen Zusammenhalt auch bei maßvollem Wachstum und ohne ständige Neuverschuldung sicherzustellen. Dieser Balanceakt ist die größte Herausforderung, vor der die Politik steht. Er handelt von der Kunst, in allem das rechte Maß zu finden – sei es im Sparen oder im Umgang mit den natürlichen Ressourcen, sei es bei der Fortentwicklung eines freiheitlichen Marktsystems, das bei allen Schwächen das bestmögliche bleibt.
Bei diesem Umsteuern kommt es, so banal es klingt, nicht nur auf Politiker und Finanzmanager, sondern auf jeden Einzelnen an. Moralpredigten und Verzichtsappelle erzielen erfahrungsgemäß wenig Wirkung. Fürs Maßhalten spricht die gut belegte Erkenntnis, dass immer mehr materieller Wohlstand nicht mehr Glück beschert und verantwortliches, auch der Zukunft und dem Gemeinwohl verpflichtetes Handeln den Menschen zufrieden macht. Darauf ließe sich, wenn die Politik Ernst machte mit der „Abkehr von der Maßlosigkeit“ (Schäuble), gut aufbauen.
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